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Newsonomics

Abschied von der Sonntagszeitung

Franz Sommerfeld – Illustration: Bertil Brahm

Sonntagszeitungen gehörten in vielen Haushalten zum festen Wochenend-Ritual. Aber veränderte Medien-Nutzungsgewohnheiten setzen der Gattung zu. MEEDIA-Gastkolumnist Franz Sommerfeld schreibt über den Abschied von der Sonntagszeitung.

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Der Sonntagmorgen verliert seinen Charme. Der Duft von frischem Kaffee zieht seltener durch die Wohnung, seitdem köstlicher grüner Tee mit Limone getrunken wird. Und nun verschwindet mit den Sonntagszeitungen auch noch die Frühstückslektüre.

Nicht ganz, aber die Sonntagsblätter erscheinen bereits am Samstag und als E-Paper schon am Freitagabend. Einst galten Sonntagszeitungen als Krönung der Alltagsausgaben. Denn der Sonntag bot Muße, längere Texte zu lesen: Unterhaltung, Essen und Trinken, Restaurantkritiken und die anderen Themen des täglichen Lebens. Daher lohnte es sich, Seiten aufwändiger zu gestalten und Fotos nicht nur nach ihrem Nachrichtenwert auszuwählen. Aber zugleich machte die Aktualität den besonderen Reiz der Sonntagsausgabe aus, der Sport vom Samstag und die letzten politischen Meldungen zum Eintritt ins Wochenende. 

Wirtschaftlich blieben die Sonntagszeitungen auch in den Zeiten, in denen Zeitungen noch überwiegend  durch Anzeigen finanziert wurden, immer ein Problem, vielleicht mit Ausnahme der „Bild am Sonntag“. Denn die zusätzliche siebte Ausgabe steigerte das Anzeigenaufkommen selten so, dass sie sich wirklich rechnete.

Darum kamen Verlagsmanager, wie die von „Welt“ und „Berliner Zeitung“, auf die Idee, die Sonntagszeitungen bereits am Samstag auf den Markt zu bringen und dafür die Samstagsausgabe einzustellen. Damit sparen sie eine Ausgabe und Samstagszuschläge für die letzten noch nach Tarif bezahlten Redakteure und Redakteurinnen. Und samstags gibt es mehr Verkaufsstellen.

Auch die „FAZ“ hat ihre Sonntagsausgabe vorgezogen. Nun erscheinen am Samstag zwei „Frankfurter Allgemeine Zeitungen“, eine für den Samstag und eine für den Tag darauf. Carsten Knop, einer ihrer Herausgeber, hat mir nachdrücklich versichert, dass solle so bleiben. Doch solche künstlichen, eher verwirrenden, Konstrukte werden sich in Zeiten wachsenden Kostendrucks auf Dauer nicht halten lassen. 

„Der Alltag ist – auch inhaltlich – in die siebte Ausgabe eingekehrt.“

Dabei würde ein Neustart der „FAS“ nicht schaden. Die Sonntags-Ausgabe der besten Zeitung Deutschlands hat seit dem Tod ihres Gründungs-Herausgebers Frank Schirrmacher viel von ihrer einstigen publizistischen Startup-Faszination verloren. Überraschungen sind selten geworden, Provokationen bleiben aus; der Alltag ist – auch inhaltlich – in die siebte Ausgabe eingekehrt.

Eine der letzten klassischen Sonntagszeitungen leistet sich der Berliner „Tagesspiegel“. Trotz des ein wenig in die Jahre gekommenen Auftritts bereitet die Lektüre sonntägliche Freude. Die papierne Ausgabe leidet wie alle unter sinkenden Auflagen. Darum wird der „Tagesspiegel“ auf eine stärkere Vermarktung des E-Papers setzen.

Diesen Weg schlagen auch andere ein: Die ansonsten digital nicht all zu innovative „Süddeutsche“ bietet für den Sonntag ein aktuelles E-Paper für Sport. Regionalzeitungen, wie „WAZ“ und „Kölner Stadt-Anzeiger“ haben neue digitale Sonntagsausgaben entwickelt, die gute Reichweiten erzielen. 

Damit gewöhnen sie ihre Lesern und Leserinnen daran, auch im Alltag auf Papier zu verzichten. So erwächst aus dem Verlust des Alten das Neue.


Franz Sommerfeld war viele Jahre Chefredakteur deutscher Zeitungen wie der „Mitteldeutschen Zeitung“ und des „Kölner Stadt-Anzeigers“. Später war er Vorstand der Mediengruppe M. DuMont Schauberg. Für MEEDIA schreibt er über die Zeitungs- und Zeitschriftenbranche. Seine Kolumnen finden Sie hier.

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