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Wochenrückblick

Darum war das „Stern“-Interview mit Gerhard Schröder ein echter Scoop

Warum tritt Patricia Schlesinger nur als ARD Vorsitzende zurück, aber nicht als RBB-Intendantin? Wolf Schneider regt sich über das Gendern auf. Der „Stern“ landet mit dem Gerhard Schröder-Interview einen echten Scoop. Und wir brauchen mehr Wurstwaren auf Twitter. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne

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Der Druck, der Druck. Er war einfach zu gewaltig. Noch bevor die ARD eine Pressemitteilung raushaute, verkündete Jens Riewa diesen Donnerstag den Rücktritt von Patricia Schlesinger vom ARD-Vorsitz. Getreu dem Motto „Niemals geht man so ganz“ bleibt sie aber (zunächst) RBB-Intendantin. Sie wolle sich nun mit ganzer Kraft der Aufklärung der Vorwürfe rund um ihre Person und den RBB widmen. Da hat sie zu tun. Unter tatkräftiger Hilfe vor allem des „Business Insiders“ hat sich einiges angehäuft: Dinner mit geheimen „Multiplikatoren“ in den Privaträumen, dubiose Berater-Verträge, explodierende Kosten für den RBB-Neubau in Berlin, üppige Gehaltserhöhung trotz Spardruck beim Sender, Luxus-Dienstwagen mit Mega-Rabatt vom Hersteller. Es entstand der Eindruck einer abgehobenen Selbstbedienungs-Mentalität, gepaart mit einer gewissen Unfähigkeit zur Krisenkommunikation. Statt aufzuklären, mäkelte Frau Schlesinger über die undichten Stellen im eigenen Haus und zeichnete sich als Opfer der bösen „Springer-Presse“. Das kam wohl auch bei den Intendanten-Kollegen nicht super an. Zumal im Vorwürfe-Tsunami nicht mehr daran zu denken war, dass sie die Arbeit vorantreiben könnte, die der ARD-Vorsitz mit sich bringt.

Doch es bleibt eine Frage:

Tja. Man wird wohl die Ergebnisse der Compliance-Untersuchung abwarten, bis die RBB-Frage auch einer Klärung zugeführt wird. Allzu hohe Summen würde ich auf den langfristigen Verbleib von Patricia Schlesinger auf dem Intendanten-Stuhl des RBB aber nicht wetten.

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Huch, ich habe „Intendanten-Stuhl“ geschrieben und daher das „Generische Maskulinum“ benutzt. Sprache ist ja heutzutage auch politisch. Soll man nun gendern oder nicht? Ich selbst fremdle mit dem Gendern, finde aber auch, dass die Doppelpunkte und Sternchen jetzt nicht den sofortigen Untergang des Abendlandes bedeuten. Mal ein Blick ins Ausland: Bei den Franzosen haben sie das Gendern an Schulen verboten. Die Kollegen dort haben es aber auch noch schwerer, da es im Französischen nicht reicht, einfach ein „:in“ oder „:innen“ anzuhängen. Im Französischen verändern die meisten Wörter in ihrer weiblichen Form die ganze Endung. Aus dem Wort „électeurs“ (Wähler) würde gegendert „électeur:rice:s“. Gar nicht schön. Gar nicht praktisch. Noch mehr Probleme mit dem Gendern als mittelalte weiße Männer (wie ich) haben, haben sehr alte weiße Männer wie „Sprachpapst“ Wolf Schneider (97, „Deutsch für Profis“), der in der „Bild“ beschied: „Gendern ist für Wichtigtuer“. Wenn ich sehe, wie groß die Probleme von Freunden des Genderns sind, diese Schreibweisen konsistent durchzuhalten, könnte ich mir vorstellen, dass sich die Debatte irgendwann selbst erledigt. Es gibt ja genügend andere Dinge, über die man sich aufregen kann.

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Über das Interview mit Gerhard Schröder im „Stern“ (€) zum Beispiel. Da haben sich einige aufgeregt, wie man dem Putin-Versteher Schröder eine solche Bühne geben könne. Pfui! Unkritisch geführt sei das Interview zudem, man hätte den Altkanzler viel härter anpacken müssen usw. Geführt wurde das Interview von „Stern“-Chefredakteur Gregor Peter Schmitz und RTL-Politikchef Nikolaus Blome. Ich kann die Kritik an diesem Interview nicht nachvollziehen. Es sollte nicht Aufgabe der Interviewer sein, den Gesprächspartner vorzuführen oder dazu zu bringen, eigene Fehlleistungen „zu gestehen“. Ein zu konfrontativer Aggro-Interviewstil hat selten zu brauchbaren Ergebnissen geführt. Sollte man Altkanzler Schröder überhaupt eine „Bühne“ bieten? Aber natürlich! Es ist doch interessant zu lesen, wie er seine Rolle sieht und wie er mit der Kritik umgeht. Das Interview wurde in anderen Medien rauf und runter zitiert, hatte also offensichtlich Nachrichtenwert-Wert. Und wann Bitteschön war es zuletzt so, dass Leute gefragt wurden, ob sie einem mal eben eine Geschichte aus dem „Stern“ „besorgen“ könnten? Ist schon eine Weile her. Das ist der beste Beleg für die Relevanz des Stücks.

Gelohnt hat sich das Schröder-Interview außerdem allein für die Information, dass Frau Schröder-Kim den Rest-Bestand an „Gerd“-Tassen aus dem SPD-Shop aufgekauft hat, weil Generalsekretär Kevin Kühnert die da nicht mehr haben wollte. Der Altkanzler verteilt die Tassen jetzt offenbar als Geschenke an vorbeischauende Journalisten.

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Twitter ist eine Hass-Maschine und es herrscht dort bisweilen eine toxische Debattenkultur. Einerseits. Andererseits ist Twitter auch das Soziale Netzwerk mit den lustigsten Inhalten. Sehr begeistert hat mich diese Woche die Geschichte des französischen Physikers und Wissenschaftsphilosophen Etienne Klein, der ein Foto einer Scheibe Chorizo-Wurst als Aufnahme des James Webb Teleskops von Proxima Centauri ausgab.

Proxima Chorizo! Interessanterweise war der Wurst-Coup die Neuauflage eines sehr ähnlichen Bild-Witzes des Astrophysikers Peter Coles nur einen Tag vorher, der aber nicht ganz so viral ging und kein ganz so riesiges Medienecho hervorrief. Vielleicht, weil seine Wurstscheibe noch ein bisschen zu fettig glänzte?

Klein hat sich schließlich für seinen Wurst-Witz entschuldigt. Einige Zeitgenossen fanden wohl, er habe mit dem Post Fake-News Vorschub geleistet. Dabei kann mehr Weltraum-Wurst-Content nur zur Aufhellung der Stimmungslage im Twitterversum beitragen.

Bon Appetit und schönes Wochenende!

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