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Internationale Recherche

„Uber-Leaks“ decken auch PR-Praktiken auf

Um Uber zu benutzen, benötigt man eine App – Foto: Uber

Öffentlich gewordene E-Mails und Chats des Fahrdienst-Vermittlers Uber geben Einblicke in das aggressive Geschäftsgebaren des Unternehmens. Dabei spielen auch dubiose PR-Praktiken eine Rolle.

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Mehr als 124.000 Dokumente wie E-Mails und Chatnachrichten wurden der britischen Zeitung „Guardian“ zugespielt. Als Quelle gab sich nach der Veröffentlichung ein ehemaliger Uber-Manager zu erkennen. Mark McGann war Lobbyist für den Fahrdienst-Vermittler in Europa. Er habe beschlossen, als Whistleblower aufzutreten, weil er glaube, dass Uber bewusst Gesetze missachtet habe. „Ich bin zum Teil verantwortlich“, sagte er dem „Guardian“. Er sei derjenige gewesen, der Regierungen und Öffentlichkeit von Vorteilen des Uber-Modells zu überzeugen versuchte. Nun habe er ein schlechtes Gewissen: „Wir haben den Leuten in Wirklichkeit eine Lüge verkauft.“

War ein „FAZ“-Gastbeitrag von Uber initiert?

In die Kritik gerät in diesem Zusammenhang unter anderem die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Die Frankfurter hätten einen Uber-freundlichen Gastbeitrag des Ökonomen Justus Haucap veröffentlicht. Die „FAZ“ veröffentlichte inzwischen einen Artikel zu den Uber-Files – und hierhin bestreitet der Ökonom, er habe im Auftrag von Uber gehandelt.

Axel Springer und Uber unter „Bild“-Chef Kai Diekmann

Wie „Tagesschau“ berichtet, rückte vor allem der Axel-Springer-Verlag und die „Bild“-Zeitung in den Fokus von Uber. „Wir brauchen jemanden wie Kai Diekmann, der Türen für uns öffnet“, konstatierten demzufolge Manager des Fahrdienstleisters. Bei Uber erhoffte man sich laut den Recherchen von WDR, NDR und „Süddeutscher Zeitung“ Zugang in die deutsche Politik und damit zu einer wohlgesonnenen Gesetzgebung. Wie die Uber-Files ergeben, investierte Axel Springer 2016 in das US-Unternehmen. Der Vorteil für Uber war laut Leak nicht die kleinere Investition, sondern „die Unterstützung und der Einfluss des Verlags in Berlin und Brüssel“. Ein Konzept, das nicht unerfolgreich war: Geleakte Mails zeigen, dass via Springer der damalige Uber-Mitgründer und CEO Travis Kalanick den früheren Daimler Chef Dieter Zetsche öffentlichkeitswirksam auf einer Startup-Konferenz traf – zusammen mit Kai Diekmann, der damals „Bild“-Chef war. Über den Austausch zwischen Diekmann und Kalanick wurde laut „Tagessschau“ in Springer-Medien ausführlich berichtet. Besonders problematisch: Hinweise auf die Beteiligung von Axel Springer an Uber zu diesem Zeitpunkt fehlten in der Berichterstattung. Bei Springer selbst sieht man auf Nachfrage der „Tagesschau“ kein Problem, da die Beteiligung mit fünf Millionen US-Dollar im Verhältnis zu anderen Investitionen unbedeutend für den Verlag gewesen sei. In ähnlichen Fällen gebe es ebenso wenig Transparenzhinweise. Diekmann, der nach seiner Zeit bei „Bild“ im Beratergremium von Uber startete, ließ erklären, dass es nie einen Interessenkonflikt gegeben habe.

Agressive Expansion

Die Unterlagen stammen aus einer Zeit, in der Uber unter dem Travis Kalanick auf eine aggressive internationale Expansion setzte. In der Anfangszeit versuchte das 2008 gegründete Unternehmen auch in Europa zum Teil sein US-Modell zu etablieren, bei dem Privatleute Fahrgäste in ihren eigenen Autos befördern. Nach dem Einschreiten von Regulierern gab Uber die Praxis auf, Spannungen mit Taxibranche und Behörden blieben jedoch über Jahre groß. Seit 2017 Dara Khosrowshahi den Spitzenjob bei Uber übernahm, distanzierte sich das Unternehmen wiederholt vom Geschäftsgebaren seines Vorgängers.

Uber äußert sich

Auch nun hieß es in einer Stellungnahme des Unternehmens: „Wir haben und werden kein Verhalten in der Vergangenheit entschuldigen, das ganz klar nicht mit unseren gegenwärtigen Werten im Einklang steht. Stattdessen bitten wir die Öffentlichkeit darum, uns nach dem zu beurteilen, was wir in den vergangen fünf Jahren getan haben und was wir in den kommenden Jahren tun werden.“

In den Unterlagen ist unter anderem dokumentiert, wie Uber nach Protesten gegen die Firma in Frankreich im Jahr 2016 eine große Gegendemonstration organisierte, mit „15.000 Fahrern“ und „50.000 Kunden“, wie Kalanick in von der „Washington Post“ veröffentlichten Chatnachrichten schrieb. Er spielte demnach die Gefahr eines möglichen aggressiven Verhaltens der Gegenseite herunter: „Wenn wir 50.000 Passagiere haben, werden und können sie nichts tun.“ Zugleich schien er Risiken in Kauf zu nehmen: „Ich denke, es ist es wert. Gewalt garantiert Erfolg.“

Uber-Managerin Jill Hazelbaker schrieb der „Washington Post“ dazu: „Es gibt vieles, was unser damaliger Chef vor fast einem Jahrzehnt gesagt hat, das wir heute nicht dulden würden.“ Aber nie sei jemand bei Uber glücklich über Gewalt gegen einen Fahrer gewesen. Auch Kalanicks Sprecher entgegnete, dieser habe nie vorgeschlagen, dass Uber aus Gewalt gegen Fahrer Kapital zieht.

Die Unterlagen belegen den Berichten zufolge auch den bereits seit Jahren bekannten umstrittenen Einsatz von zwei Software-Werkzeugen. Mit einem Namens Greyball wurde demnach die Anzeige in der Uber-App am Standort von Regulierungsbehörden so angepasst, dass keine Fahrzeuge angezeigt wurden. Mit einem „Kill Switch“ seien unter anderem während einer Razzia im Uber-Büro in Amsterdam Computer per Fernzugriff abgeschaltet worden.

An der Auswertung dieser sogenannten Uber-Files waren das International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) und mehr als 180 Journalisten Medien beteiligt, darunter „Le Monde“, „El País“ und „Washington Post“. In Deutschland arbeiteten Reporterinnen und Reporter von NDR, WDR und „Süddeutscher Zeitung“ mit.

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