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Menschen und Marken

Die Fake-Entscheider

Frank Dopheide – Illustration: Bertil Brahm

Wir erleben dieser Tage einen Wahlkampf um das wichtigste Führungsamt dieses Landes, der alles vermissen lässt, was Führung ausmacht: Zukunftsvision, Gestaltungswille, Klarheit, Entschlusskraft. Kein Wunder, dass das Interessanteste dabei nicht aus den Köpfen der Bewerber*innen kommt, sondern aus dem Lasch-o-mat.

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Damit wird die Spitze der Politik präsent in einer Disziplin, die es auch in den Führungsetagen der Wirtschaft in den letzten Jahren zur großen Blüte gebracht hat: Fake Leadership. Diese Führungskräfte verstehen sich nicht als Vorbild, Vorarbeiter oder Vordenker, sondern eher systemisch als Vorgesetzte – der Name ist Programm. Ihre Kompetenz wurde qua Organigramm oder Zugehörigkeitsdauer besiegelt. Auf der Höhe ihrer Karriereleiter haben sie sich eine ganze Batterie wirkungsvoller Tools zugelegt, Entscheidungen zu vermeiden, zu delegieren oder vorzutäuschen, um Risiken zu vermeiden. Ihr vermutlich wirkungsvollstes Mittel ist das „Forwarden“, auch bekannt als „Management by mailing around“. Der einfachste Weg Aktivität vorzutäuschen, die Untergebenen mit Nebensächlichkeiten zu beschäftigen und dabei an der Daumenschraube zu drehen. „Let´s install some fear“ wird zwar in keinem Management-Buch gelehrt, ist aber weithin gelebte Praxis und per Entertaste leicht zu praktizieren.

Damit stellt das Fake-Leadership sicher, dass alle beschäftigt sind. Zwar mit sich selbst und nicht mit dem Kunden oder dem Produkt, aber zumindest kommt keiner auf die Idee die Vorgesetzen und ihre Arbeit zu hinterfragen. Eine erfolgreiche Strategie, um ein länger oben auf der Karriereleiter zu bleiben. Fake-Leadership weist ein untrügliches Gespür für die Entscheidungsvermeidung auf. Stets hat man es mit übermächtigen Kräften zu tun, denen man machtlos ausgeliefert ist: dem Markt, den Shareholdern, dem Wettbewerb, der Partei- oder Konzernzentrale. Der Einzelne kann da nichts machen. So hängt er/sie das Fähnchen in den Wind und macht gezwungenermaßen mit. Er/Sie ist niemals vorne mit dabei, sondern nur irgendwie oder hinten dran. Die größten Bedrohungen heißen Neu und Idee.

„Fake-Leadership weist ein untrügliches Gespür für die Entscheidungsvermeidung auf.“

Etwas wirklich Neues ist ihnen in ihrem Berufsleben selten eingefallen. Ihre Karriere ist schließlich auf Erfahrung aufgebaut. Seit Jahrzehnten zählt Dauer der Zugehörigkeit bei allen internen Beförderungsprogrammen als wertvolle Variable.

Noch beängstigender erscheint ihnen das Wort Idee. Denn das verlangt den Einsatz der rechten Gehirnhälfte, die schon seit Jahren nicht mehr bei der Arbeit erschienen ist. Denn auf der höheren Ebene läuft alles logisch ab. Eine Führungskraft kann unwillig, uninspiriert oder unerfolgreich sein. Solange ihr Handeln nicht unlogisch ist, sondern rational nachvollziehbar, kann sie sich ihrer Sache und ihres Jobs sicher sein. Leadership auf die alte, englische Art: Abwarten und Tee trinken. Wer eine Idee entwickelt oder gar etwas Neues versucht, setzt sich ohne Not freiwillig auf den Schleudersitz. No risk, just fun – scheint sich als Erfolgsrezept bewährt zu haben.

So kommt es in der Politik und Wirtschaft zum Entscheidungsstau, wie wir es sonst nur vom Papierstau am Drucker kennen – nichts geht mehr, keiner fühlt sich verantwortlich und der ganze Betrieb liegt lahm. Gerade jetzt, wo an allen Ecken und Enden neue Ideen und Konzepte von Nöten sind. Die Sehnsucht nach Veränderung und dem Vorangehen in neue zukunftsweisende Richtungen wächst spürbar. Nur es passiert nichts. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, aber sie stirbt. Die Partei der Nicht-Wähler ist zur größte Fraktion des Landes angewachsen. Die Mitarbeiter verlieren erst den Glauben an den Vorgesetzten und dann die Bindung an das Unternehmen. Die Folgekosten sind gewaltig.

Die Führungsetage zieht den Kopf ein und hofft, dass der Sturm an ihnen vorüberzieht. Sie erhöht sicherheitshalber die Staumauer. Klüger wäre allerdings, Schiffe oder Rettungsboote zu bauen – sie sind beweglich, lassen sich in unterschiedlichste Richtungen steuern, brauchen allerdings jemanden, der den klaren Kurs vorgibt und auch den kräftigen Wind aushält, der ins Gesicht bläst: Wir kennen diese Menschen unter ihrem alten Begriff: Entscheider. Nie waren sie so wertvoll wie heute.

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Frank Dopheide war Chairman von Grey und Geschäftsführer beim „Handelsblatt“. Zuletzt hat er die Purpose-Agentur Human Unlimited gegründet. Für MEEDIA schreibt er über Menschen, Marken und Menschenmarken.

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