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Wochenrückblick

Der „Welt“-Chef schläfert kündigungswillige Abonnenten ein

Die Mediengruppe RTL bastelt mit Jan Hofer und Hape Kerkeling weiter an ihrer Seriositäts-Offensive. Gerhard Schröder verdingt sich als Wurst-Fluencer. Und „Welt“-Chef Ulf Poschardt sediert kündigungswillige Abonnenten. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Am Montag zündet RTL die nächste Stufe seiner Seriositäts-Offensive mit dem neuen News-Flaggschiff-Format „RTL direkt“. Moderiert von „Mr. Tagesschau“ Jan Hofer und Pinar Atalay (sie kommt erst später dazu) ist das News-Format um 22.15 genau gegen die ARD-„Tagesthemen“ positioniert. Beim RTL redet man treuherzig davon, dass dies aber kein „Angriff auf die ARD“ sei. Schon klar. Man holt prominente ARD- bzw. Ex-ARD-Nachrichtenköpfe, macht eine Nachrichtensendung, die exakt zur selben Zeit beginnt, wie eine ARD-Haupt-Nachrichtensendung, aber Angriff? Ach woher! Erster Gast der ersten Ausgabe von „RTL direkt“ ist die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock. Die machte sich in jüngerer Zeit ja etwas rar im TV. Das ZDF-Sommerinterview überließ sie z.B. großzügig ihrem Kollegen Robert Habeck. Der hatte da dann sehr viel Spaß. Aber Frau Baerbock mag scheinbar die Privaten. Ihr allererstes Kandidatinnen-Interview gab sie ja bei ProSieben. Wir erinnern uns: Da wurde sie von den Fragestellern noch beklatscht. Das kommt einem mittlerweile auch vor wie aus einer anderen Zeit. 20 Minuten soll „RTL direkt“ dauern und ganz, ganz anders werden, als all die anderen Nachrichtensendungen. Die Erwartungen hängen hoch.

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Zur etwas weiter gefassten RTL-Offensive gehört ja auch die Verpflichtung vom ehemals kultigen Hape Kerkeling. Die von RTL haben ihn bequatscht, aus der selbst verordneten TV-Diaspora zurückzukehren. Erste Hape-Lebenszeichen sind zwei Vox-Formate im Spätherbst, genaue Sendedaten gibt es noch nicht. Das eine ist eine Reisesendung namens „Hape und die 7 Zwergstaaten“, in der er folgerichtig sieben Zwergstaaten bereist und dort mutmaßlich die eine oder andere Zwergstaaten-Schrulle aufspießt. OK, kann man machen. Von Ferne grüßen „Feuersteins Reisen“. Das andere Format finde ich dagegen schon fast frech in seiner Schlichtheit. In „Ein Abend mit Hape Kerkeling“ liest er im Hansa Theater in Hamburg aus seinem Katzenbuch vor und wird von Dunja Hayali (hallo, ZDF?) zu seinem Leben befragt. Die Zeiten, in denen Hape Kerkeling wirklich große TV-Momente hervorbrachte („Königin Beatrix“, „Hurz“) sind wohl vorbei.

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Riesen-Buhei um die Nachricht, dass Volkswagen bei einer seiner offenbar zahlreichen Kantinen in Wolfsburg die Konzern-Currywurst von der Karte streicht. Richtig Fahrt nahm das Currywurst-Gate auf, als sich Altkanzler Gerhard Schröder in die Debatte einschaltete. „Wenn ich noch im Aufsichtsrat von #VW säße, hätte es so etwas nicht gegeben“, so Schröder auf LinkedIn. Und dann ein Satz für die Ewigkeit: „Currywurst mit Pommes ist einer der Kraftriegel der Facharbeiterin und des Facharbeiters in der Produktion.“ Das solle so bleiben, setzte er noch nach.

„Das Internet“ griff den vom Social-Media-Fuchs Gerd entwickelten Hashtag #rettetdiecurrywurst dankbar auf. Der Gerd setzte die Kampagne auf dem Instagram-Kanal seiner Frau fort und zeigte sich dort mit ihr Currywurst-speisend vor Konopke in Berlin. In den dazugehörigen Kommentaren lernen wir von Frau Schröder-Kim, dass es im heimischen Hannover im Lokal „Ständige Vertretung“ sogar ein Currywurst-Gericht gibt, das nach ihrem Gatten benannt ist. Frau Schröder-Kim ist natürlich im Bilde: „die Kanzlerplatte“, so der Name der Speise. Wohl bekomm’s! In Anbetracht der täglichen Katastrophenmeldungen von Klima, Corona und Waldbränden sehnt man sich manchmal ja fast nach solch wunderbaren Quatsch-Nachrichten.

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Wer an akuten Einschlafstörungen leidet, könnte sich dieses Kurz-Video von „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt aufs Handy laden. Wer sein „Welt“-Abo kündigen will, bekommt offenbar diese Bettel-Botschaft zugeführt.

Der schläfrige Ton, der langgezogene Vortrag sind dabei gewiss Absicht. So wird der Kündungswillige eingelullt und entschlummert sanft, bevor der Kündigungs-Button gedrückt ist. Genial verschnarchtes Marketing! Aber aufpassen: Nicht anschauen, wenn man anschließend Maschinen bedienen muss oder mit dem Auto fahren möchte!

Schönes Wochenende!

PS: Hurra! Der Podcast „Die Medien-Woche“ meldet sich aus der viel zu langen Sommerpause zurück. Mit „Welt“-Kollege Christian Meier bequatsche ich die RTL-G+J-Gemengelage. Wir reden über „RTL direkt“ und geraten wegen der vom Verfassungsgericht durchgewunkenen Beitragserhöhung sogar aneinander. Aber nur ein bisschen. Es freut mich, wenn Sie reinhören!

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