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"Inclusion Playbook" der Amerikaner

Kritik an Amazon Studios:
"Bild" beklagt einen "Woke-Wahnsinn", wo keiner ist

Axel Springer SE, Verlagshaus an der Axel-Springer-Straße – Foto: Jürgen Ritter / Imago

Amazon Studios hat ein sogenanntes “Inclusion Playbook” veröffentlicht. In der “Bild” wirft Autorin Judith Sevinç Basad dem Unternehmen vor, die eigenen Mitarbeiter durch „radikale Denk- und Sprechregeln“ umerziehen zu wollen. Der Vorwurf ist deutlich übertrieben.

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“Woke Wahnsinn – Amazon führt neue Denk- und Sprech-Regeln ein” war jüngst in der „Bild“ zu lesen. Herrje, dachte ich, das auch noch! Ich bin, das sollten Sie vielleicht wissen, kein Freund der so genannten Woke-Kultur. Dass Sprache Realitäten nicht einfach so ändert, hat die “Deutsche Demokratische Republik” bereits bewiesen. Und wenn Erwachsene nun „Safe Spaces“ fordern oder wieder anfangen, Menschen aufgrund von Alter, Geschlecht oder Hautfarbe zu sortieren, frage ich mich ehrlich, ob es 300 Jahre nach der Aufklärung nicht höchste Zeit ist für die nächste. 

Der „Bild“-Text, um den es hier geht, entzündet sich an einem „Inclusion Playbook“, das Amazon Studios veröffentlicht hat. Und obgleich mir bewusst ist, dass die „Bild“ ein Boulevardblatt ist, dachte ich: Da wird schon was dran sein, wenn Autorin Judith Sevinç Basad – die ich für ihren Kampf gegen Denk- und Sprechverbote durchaus schätze – schreibt, dass der Begriff „biologische Uhr“ unter Generalverdacht gestellt werde, Franzosen künftig nur noch von Franzosen gespielt werden dürfen oder der Begriff „Dschihad“ verharmlost würde, um religiöse Gefühle nicht zu verletzen. All diese Forderungen gibt es da draußen ja wirklich. Was ich davon halte, können Sie sich denken. 

Hang zur Überdramatisierung

Weil das so ist, habe ich mir dieses „Inclusion Playbook“ angesehen. Ich las und las, aber all diese Vorschriften, über die sich die „Bild“ empörte, konnte ich entweder nicht finden oder ich stellte fest, dass der Artikel zur Überdramatisierung dessen neigt, was im „Inclusion Playbook“ drinsteht. Etwa, was den Casting-Prozess betrifft. Im „Inclusion Playbook“ steht zwar, dass Produktionen idealerweise zu 30 Prozent aus „Frauen und unterrepräsentierten rassischen/ethnischen Gruppen“ bestehen sollen. Die „Bild“ macht daraus in der Folge allerdings: „Kurz: Schauspieler und Mitarbeiter werden bei Amazon künftig nicht mehr nach ihrer Kompetenz eingestellt, sondern nach ihrer Nationalität, ihrer Hautfarbe, ja sogar nach ihrer Art der Sexualität.“ 

MEEDIA-Redakteur Ben Krischke 

Minderheiten im Casting-Prozess stärker zu berücksichtigen und dafür, wenn nötig, auch Quoten zu setzen – wie es im “Inclusion Playbook” steht – ist das eine. Dass Kompetenz in der Folge nicht mehr relevant sei, wie die „Bild“ behauptet, etwas ganz anderes. Und ja: Im einen oder anderen Abschnitt dieses „Inclusion Playbooks“ habe auch ich mich gefragt, ob die Autoren dahinter nicht ein bisschen übersensibel sind. Zum Beispiel, wenn es um Humor geht – und wie verletzend der sein kann. Mein Ansatz ist eher: Pointe sticht Gefühle. Aber ist das schon dieser „Woke-Wahnsinn“, von dem Basad schreibt? Sind das diese „Sprech- und Denkregeln“? Wohl kaum.

Denn anders als der „Bild“-Artikel suggeriert, ist das „Inclusion Playbook“ weniger Handlungsanweisung denn Denkanstoß. Unterm Strich will Amazon Studios halt im Sinne des Zeitgeists für bestimmte Themen sensibilisieren. Das mag man doof finden, und an manchen Stellen mag das auch übertrieben oder realitätsfern wirken. An anderen Stellen werden gleichwohl Fragen formuliert, die man sich im 21. Jahrhundert schon stellen darf, wenn man für ein globales Unternehmen mit abertausenden Beschäftigten tätig ist: „Are there specific roles identified in the script where gender, race, ethnicity, religion, sexual orientation or other factors are set? Are there parts that should be open to all genders, all ethnicities, all levels of ability, and to all regardless of LGBTQ+ identification?“

Denk- und Sprechregeln bei Amazon?

Aber was ist denn jetzt mit der „biologischen Uhr“, die als Begriff Frauen diskriminieren soll, oder den Franzosen, die bloß noch von Franzosen gespielt werden dürfen?, fragen Sie vielleicht. Guter Punkt. Im „Bild“-Artikel gibt es eine kleine Stelle, die für das große Ganze ziemlich relevant ist, die man aber schon aufgrund der schieren Wucht der Überschrift – „Woke-Wahnsinn“ und so – leicht überlesen kann.

Die bizarrsten Regeln und Forderungen, mit denen Amazon laut „Bild“ ihren Mitarbeitern „Denk- und Sprechregeln“ verordnet, stehen gar nicht im „Inclusion Playbook“ der Amazon Studios, sondern in einer Broschüre einer externen Organisation, die im „Inclusion Playbook“ – neben anderen – verlinkt ist. Das steht zwar auch im „Bild“-Artikel („Dabei verweist Amazon auf eine Aufklärungsbroschüre einer Organisation, um ihre Mitarbeiter umzuerziehen“), allerdings nimmt das Basads harscher Kritik an Amazon auch ganz schön den Wind aus den Segeln.

Wie steht es um die Freiheit der Kunst?

Denn die Aufklärungsbroschüre einer externen Organisation ist halt nicht die Aufklärungsbroschüre von Amazon. Und ein Verweis auf eine externe Quelle ist halt auch keine „Umerziehung“. Im „Inclusion Playbook“ selbst heißt es zum Beispiel lediglich, man wolle sich bemühen, entsprechend der Figur auch den Schauspieler zu casten. Wörtlich heißt es: „It is our intention, whenever possible, to cast actors in a role whose identity aligns with the identity of the character they will be playing (by gender, gender identity, nationality, race/ethnicity, sexual orientation, and disability) and in particular when the character is a member of an underrepresented group/identity.“

Nun ist mir freilich bewusst, dass da viel Platz für weitergehende Interpretationen und Fragen bleibt: Setzt die schiere Existenz eines „Inclusion Playbooks“ die Mitarbeiter nicht schon unter Druck? Was sagt das über einen Konzern aus, wenn er auf externe Organisationen verweist, die allerlei Blödsinn formulieren? Und wie steht es – ganz allgemein – um die Freiheit der Kunst, wenn der Zeitgeist Teil des kreativen Schaffens werden soll? Alles richtige, alles wichtige Fragen. Aber man muss nicht gleich einen „Woke-Wahnsinn“ beklagen, wo gar keiner ist.

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