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Non Fungible Tokens (NFT)

Siegfried Gin: Ein Graffiti als NFT

Siegfried Gin

Dies ist eine (illegale) digitale Kopie des einzigartigen Original-JPG der Graffiti-Aktion - Foto: Siegfried Gin

Sammler aufgepasst: Noch gut zwölf Stunden läuft die NFT-Auktion von Sigfried Gin. Versteigert wird das Foto einer inzwischen zerstörten Graffiti-Installation des Kunst-Kollektivs 1UP aus Berlin. Der Case zeigt die spannenden Möglichkeiten, aber auch die Grenzen des Hypes.

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Christoph Wilcke war bis gestern der Meistbietende. Der Grafik-Designer aus Bonn nimmt Teil an der Auktion eines JPG-Bilds. Es ist laut Angebotstext das einzig verfügbare hochauflösende Bild eines Regals voller Gin-Flaschen, das von den Künstlern des Berliner Kollektivs OneUnitedPower ( 1UP) besprüht wurde. Auftraggeber ist der experimentierfreudige Gin-Fabrikant Siegfried Gin aus … Bonn.

Das Bild ist das letzte Überbleibsel einer Kunstaktion, die letzte Woche in Kreuzberg stattfand. 361 Gin-Flaschen wurden in einem Regal arrangiert und die Graffiti-Sprayer von 1UP färbten die Flaschenwand bunt ein und verzierten sie mit dem eigenen Logo. Danach wurde das Kunstwerk zerlegt und die einzelnen Flaschen über ein Losverfahren verkauft. Jede Flasche ist ein Unikat. Der Gesamterlös der Aktion beträgt 10.000 Euro. Die nummerierten Flaschen wurden nämlich zum Originalpreis (29,90 Euro) abgegeben.  „Jeder soll sich ein Stück Kunst leisten können“, lässt sich auf der Kampagnen-Website nachlesen.

Sigfried Flasche
Jede der 361 Gin-Flaschen ist ein Unikat – Bild: Siegfried Gin / Screenshot

Die Auktion läuft noch bis Samstag, wobei das genaue Ende nicht absehbar ist. Treffen in kurzer Folge mehrere neue Höchstgebote ein, dann verlängert sich die Auktion automatisch. Im Moment liegt das Höchstgebot bei 0,01103 WERTH (Wrapped Ethereum), was einem Wert von knapp 380 Dollar entspricht. Der Mindestverkaufspreis ist damit noch nicht erreicht. Der Erlös aus der Auktion geht an das Bonner Kinderheim.

Warum NFT?

Das JPG ist als NFT in der Blockchain registriert. Das garantiert seine Einzigartigkeit. Während digitale Inhalte grundsätzlich beliebig oft kopiert werden können, es also kein physisches Eigentumsrecht gibt, soll die Registrierung in der Blockchain ein digitales Eigentumsrecht garantieren. Die Blockchain funktioniert als eine Art öffentlich geführtes Katasteramt. Jede Veränderung bedarf der Zustimmung der Beteiligten und ist auf Dauer nachvollziehbar. Somit könnte die Registrierung in der Blockchain zur Grundlage eines „Eigentumsprozesses“ werden. Einen effektiven Schutz gegen illegale Kopien bietet sie nur, wenn das jeweilige Rechtssystem dahinter mitmacht, also die Rechtsprechung sowie die Exekutive.

Und das ist die Krux an der ansonsten großartigen Idee. Wo kein Kläger, da kein Richter. Und wo keine Kenntnis von Eigentumsmissbrauch, da kein Kläger. Bei extrem teuren und mit viel Öffentlichkeit gehandelten NFTs ähnelt das dem inneren Kreis der Kunstszene. Eine illegale Kopie kann kaum öffentlich gehandelt werden, da sich die Beteiligten über Echtheitszertifikate absichern werden. Aber wo beginnt dieses halb-öffentliche Interesse an Kunst? Das Gemälde gibt es physisch nur einmal im Original. Beim JPG ist jede Kopie identisch, sie hat nur eben keine Blockchain-Registrierung. Na und? Wer auf das Vorschaubild in der Auktion klickt, kann sich das Bild in voller Auflösung auf den Rechner laden.

Aber dafür gibt es letztlich den Auktionsmechanismus. Wenn es Sammler gibt, denen es wichtig ist, das Original mit Zertifikat zu besitzen, dann können sie mitbieten. Aus welcher Motivation auch immer. Und mit etwas Glück steigt der Auktionserlös in die zweistelligen Millionen, wie bei der längst legendären Auktion des Grafikdesigners Beeple.


Sie brauchen noch ein paar Basics zum NFT-Hype?

NFT NBA

Das NFT-Prinzip hat noch mit einem weiteren Problem zu kämpfen. Die benötigte Rechnerleistung zur permanenten Aktualisierung der Blockchain ist immens. Somit ist die NFT-Registrierung eines Objekts Umweltverschmutzung und zwar nicht digital, sondern ganz physisch. Versuche, dies einzudämmen, indem kleine Untersegmente, sogenannte Private Blockchains gebildet werden, sind hinlänglich absurd. Gerade dann bedarf es Vertrauen in den Betreiber und somit ist das kaum mehr wert, als ein öffentlich einsehbares Register, dass von einem vertrauenswürdigen und gut kontrollierten Betreiber geführt wird. Da braucht es die Blockchain gar nicht.

Gary Vaynerchuk und der Big Drop

Die Kritikpunkte ändern aber freilich nichts daran, dass NFT zurzeit ein Hype ist, und dass die Veröffentlichung eines digitalen Werkstücks nicht nur Ertrag, sondern auch eine positive weil innovative Markenwahrnehmung erzeugen kann. Nike hat echte Turnschuhe schon mit ihrem digitalen Gegenstück verknüpft. Die Fastfoodkette TacoBell verkaufte animierte GIFs für bis zu 3.600 Dollar pro Stück.

„Neue Dinge kann man nur lernen, wenn man sie macht“. Das ist die Maxime von Gary Vaynerchuck. Der aus Belarus stammende Amerikaner, gilt auch in Europa vielen Marketern als Vorbild, wenn es darum geht, die Möglichkeiten neuer Technologien auszuloten. „Wenn ich am Wochenende etwas neues lese oder sehe, setze ich mich am Montag solange hin, bis ich es wirklich verstanden haben“, erläutert der ehemalige Online-Weinhändler sein Prinzip. Während andere noch darüber nachdenken, macht er schon.

Siegfried Gin Auktion
Noch ist der Mindestpreis bei Siegfried Gin nicht erreicht – Foto: Screenshot

In Sachen NFT ist Vaynerchuck spät dran. Aber dafür legt er einen Big Drop hin, also eine generalstabsmäßige vorbereitete Aktion. Anders als bei Siegfried Gin ist es für ihn kein Schnellschuss, bei dem der Herausgeber einfach riskiert, dass zu wenig Aufmerksamkeit auf die Auktion gelenkt wird.

10.255 Tokens hat Vaynerchuck aufgelegt und das Projekt auf der Website VeeFriends.com veröffentlicht. Und die Tokens sind mehr als digitale Kunstwerke. Sie verfügen allesamt über einen direkten Bezug zur physischen Welt. Zum NFT kauft der jeweilige Auktionsgewinner auch gleich Eintrittskarten für Vaynerchuks eigene Konferenz VeeCon mit. Oder er erwirbt einen Timeslot für ein 1:1-Gespräch mit dem Serienunternehmer. „Das NFT ist nur die Repräsentanz eines Vertrags. Dahinter kann viel mehr stehen“, erläutert Vaynerchuck in einem Interview mit dem US-Branchendienst „Adage“.

Über genug Nachfrage wird sich Gary Vaynerchuck nicht beklagen können. Er hat innerhalb seiner gewaltigen Gefolgschaft auf Social Media immer wieder kleine Informationskrümel fallen gelassen, die auf das Projekt hindeuteten. Damit hat er die Spannung aufgebaut, die zum offiziellen Start am 5. Mai dann auch die erwünschte Presseaufmerksamkeit generierte. Neben Branchenmedien berichteten auch CNN und CNBC.

Auf die Frage hin, wie er die Euphorie um NFT erklärt, wird Vaynerchuck deutlich: „Der Hype entsteht aus der gleichen Unwissenheit wie 1990 gegenüber dem Internet und gleichzeitig der Gier nach schnellem Profit, wie wir das Ende der Neunzigerjahre gesehen haben“. Allerdings lässt er auch keinen Zweifel daran, dass er wirklich an das digitale Vertragsprinzip glaubt. „Langfristig wird alles, was Marken tun, eine NFT-Entsprechung haben. Einfach weil es keinen Grund gibt, es nicht zu tun und weil es so viele Möglichkeiten eröffnet“.

Wie wäre es, wenn auch Sie jetzt nicht mehr lesen, sondern machen? Die Auktion von Siegfried Gin läuft noch und dahinter steckt definitiv ein guter Zweck.

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