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Wochenrückblick

Wenn die Zahl der Abo-Abschlüsse über dein Gehalt entscheidet …

Was passiert, wenn man die Bezahlung von Journalisten daran knüpft, wie viele Abos ihre Artikel abschießen? Nichts Gutes. Der Virologe Hendrik Streeck arbeitet weiter hart daran, mit Hilfe von übersteigerter Medienpräsenz seinen Ruf als Wissenschaftler zu ruinieren. Der „Spiegel“ findet digitales Storytelling nicht mehr so doll wie früher. Und die Reichelt-Affäre ruft Jörg Kachelmann auf den Plan. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Hab einen interessanten Artikel im „Guardian“ diese Woche gesehen: „Daily Telegraph plans to link journalists‘ pay with article popularity„. Da wird berichtet, dass der britische „Telegraph“ angeblich Pläne verfolgt, die Bezahlung von Journalisten an die Performance von Artikeln zu knüpfen. Der „Telegraph“ verwendet eine Analyse-Software namens Stars, die sichtbar macht, welche Artikel und Autoren im Sinne von Klicks und Abo-Abschlüssen „funktionieren“. Längst wurde das Clickbaiting bei vielen großen Medienmarken durch Subscribtion-Baiting abgelöst. Nicht mehr die Zahl der Klicks ist der entscheidende Faktor, sondern die Zahl der abgeschlossenen (Probe)Abos pro Artikel. Diese Mechanik sorgt dann bei Abo-getriebenen Medien nicht etwa dafür, dass die Qualität der Inhalte besser wird, weil es ja nicht mehr um pure Klicks geht. Die Jagd nach Abos sorgt für eine mindestens ebenso starke Tendenz zum Polarisieren und Zuspitzen, wie das klassische Clickbaiting. Vielleicht sogar noch stärker, denn der Leser soll ja nicht nur klicken, sondern ein Abo abschließen. Er oder sie muss also noch heftiger getriggert werden.

Wenn man die Artikel-Performance jetzt auch noch an die Bezahlung der Redakteure knüpft, wenn auch vielleicht nur zum Teil, würde dieses Phänomen wohl noch deutlich verschärft. Dementsprechend groß sind die Vorbehalte in der Belegschaft des „Telegraph“. Dass reine Digitalmedien einen Teil der Mitarbeiter-Bezahlung von Klicks abhängig machen, war vor gar nicht mal so langer Zeit nicht ungewöhnlich. Prominentestes Beispiel war das US-amerikanische Klatschportal Gawker. Dort und anderswo ist man davon aber abgerückt. Die Effekte auf den Medien-Output waren wohl nicht gesund. Führungspersonal des „Telegraph“ streitet ab, dass es Pläne gibt, die Bezahlung von Mitarbeitern mit der Artikel-Performance zu verknüpfen. Dass alleine schon die Möglichkeit, dass dies geschehen könnte, solch einen Aufruhr bei der Zeitung auslöst, lässt tief blicken. Mehr Polarisierung ist nicht direkt das, was wir in der Medienlandschaft brauchen.

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Was reitet eigentlich Prof. Hendrik Streeck? Diese Frage meine ich durchaus ernst. Wie kann man sich in der Wahrnehmung der eigenen Person nur so täuschen, wie er es offenbar tut? Diese Woche stand er als eine Art Aushilfs-Ranga-Yogeshwar in einer ZDF-Sendung herum und moderierte händerudernd, wie die legendäre Kappensitzung von Gangelt nachgespielt wurde. Ein unwürdiges Schauspiel für einen seriösen Wissenschaftler. Und jetzt hat er auch noch einen Corona-Podcast mit „RTL Punkt 12“-Moderatorin Katja Burkard. Große Teile des Podcasts gehen für eine an Realsatire schrammende Anhimmelung des Virologen durch die Moderatorin drauf („Du bist ein Überflieger …“, „Du bist prominent …“ usw.), was ihm nur so ein bisschen pro-forma-peinlich zu sein scheint. Der Podcast heißt „Hotspot“, genau wie das Buch zur Pandemie, das Streeck gerade mal eben veröffentlicht hat („Spiegel“-Bestseller, natürlich). Um mit C. Drosten zu sprechen: Er hat offensichtlich nichts Besseres zu tun.

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Der „Spiegel“ hat diese Woche verkündet, dass er seine Kiosk-Apps einstellt und das Digital-Magazin in die deutlich weiter verbreitete News-App überführt. Eine vernünftige Entscheidung. Noch interessanter fand ich dabei, dass der „Spiegel“ in seinem Entwicklungsblog bei Medium.com schreibt, dass es künftig im Digital-Magazin weniger digitales Storytelling geben soll. Erinnert sich jemand daran? Die „New York Times“ löste mit einem digital mächtig aufgemotzten Stück zu einem Lawinen-Unglück („Snow Fall“) den Hype um digitales Storytelling aus. Plötzlich überboten sich Medien darin, online Video- und Audioschnipsel in ihre großen Artikel einzubauen. Es gab Landkarten zu sehen und Infografiken, die sich schick auf und wieder abbauten. Man scrollte und scrollte und es rauschte und knisterte die ganze Zeit. Auch der „Spiegel“ machte da eine Weile begeistert mit. Auch ich war früher begeistert von dem Klimbim. Abgesehen davon, dass das toll (und angeberisch) aussah, lenkte das Gebimmel und Gewusel aber mächtig vom Eigentlichen ab: dem Text. Diese Erkenntnis hat sich jetzt auch bei mir und beim „Spiegel“ durchgesetzt: „Gute Texte sind genug.“ Gut so!

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Die Affäre um die Vorwürfe gegen „Bild“-Chef Julian Reichelt ist immer noch nicht ausgestanden. Die Prognose, dass die Compliance-Untersuchung womöglich in dieser Woche abgeschlossen sein würde, erweist sich als voreilig (zumindest Stand jetzt, Freitagnachmittag). Stattdessen tröpfeln weiter die Reichelt-Artikel rein. Der „Stern“ nutzte die Geschichte, um auch mal auf sein Plus-Angebot hinzuweisen und damit zu teasern, dass ein geheimnisvoller Promi einen entscheidenden Hinweis gegeben habe. Gerade so, als wüssten die an dieser Affäre interessierten Kreise nicht längst, dass es sich dabei um Benjamin von Stuckrad-Barre handelt. Die „Stern“-Redaktion fragte wohl auch einige Zeitgenossen an, die ihre Erfahrungen mit der „Bild“ gemacht hatten, darunter Jörg Kachelmann. Die Sammel-Geschichte kam dann doch nicht, aber Kachelmann war die Anfrage Anlass genug, seine Twitter-Abstinenz zu unterbrechen und erwartungsgemäß zu schäumen.

Schönes Wochenende!

PS: In der neuen Folge des „Medien-Woche“-Podcasts debattiere ich mit Kollege Christian Meier von der „Welt“ über die Medien-Offensive des Hendrik Streeck. Außerdem geht es um den Info-Krieg rund um den russischen Propagandasender RT Deutsch, den scheinheiligen Google-Vorstoß für den Datenschutz und die grotesken Presseförderungspläne der Regierung. Es freut mich, wenn Sie reinhören!

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