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Andreas Rickmann

Als ich meine Angora-Allergie vergaß

Andreas Rickmann – Foto: Andreas Rickmann / MEEDIA

Als Lokalreporter lernt man fürs Leben – und für spätere Berufe. Bei allem Enthusiasmus sollte man aber seine eigene Konstitution nicht vergessen.

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Am Wochenende war mein Terminkalender knüppelvoll: erst zur Einweihung des örtlichen Feuerwehrautos, dann zur Wanderung der Kolping-Frauen, später die Jahreshauptversammlung des Schützenvereins, und am Ende noch ein Absacker auf der Feier der Landjugend. Die Koordinaten des öffentlichen Lebens jenseits der Metropolen haben fast schon Ewigkeitscharakter. In welcher Rolle ich daran teilnahm? Meine ersten journalistischen Gehversuche machte ich Mitte der Nullerjahre neben dem Studium für die Tageszeitung in meiner Geburtsstadt Lippstadt in NRW.

An ein Ereignis erinnere ich mich bis heute: Ich war bestellt für einen Termin in der Schützenhalle, wo eine Rassegeflügelschau stattfand. Neben Hühnern waren hier auch Kaninchen zu sehen. Eines dieser Lieblinge der Kinder mit ihrem flauschigen Fell sollte mir denn auch zum Verhängnis werden.

Ich kam in die Halle, es fielen die Standardsätze („Ah, der junge Mann von der Zeitung.“ „Schreiben Sie was Schönes.“), und bald führte ich mit dem Vereinsvorsitzenden ein lebendiges Gespräch über die ausgestellten Arten. Zum Schluss hatte er die Idee, ein gemeinsames Foto von uns beiden plus einem Kind mit Kaninchen auf dem Arm zu machen. Keine gute Idee! Zunächst musste ich niesen, dann spielte mein Kreislauf verrückt und ich bekam plötzlich nur noch schwer Luft. Ohne große Erklärung suchte ich das Weite und ließ einen verdatterten Rassegeflügel-Vorsitzenden zurück.

Das war mir in dem Moment egal. Ich hatte einfach meine Allergie gegen Angora vergessen, und genau aus diesem eigentlich herrlichen Naturmaterial war das Kaninchenfell.

Die Zeit im Lokalen wird gerne als Ochsentour bezeichnet. Ich möchte diese Zeit aber nicht missen. Im Gegenteil: Es ist eine prägende Schule, die heute häufig viel zu kurz kommt. Vor Ort sein, auf Menschen zugehen, sich selbst Einblicke verschaffen, immer neue Einblicke in das Leben der Menschen erhalten – und auf Zeile schreiben.

Ich kann es nur empfehlen. Seine eigene Konstitution sollte man allerdings nie vergessen.

Andreas Rickmann berät in Berlin als Selbständiger Publisher, Institutionen, Parteien und Sportler. Zuvor war er bei „Bild“ Director Digital Growth.


Auch schon mal dem Grauen ins Gesicht geschaut? Schreiben Sie uns: meinschlimmsterjob@meedia.de

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