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Rützels Scharmützel

Schluss mit dem Wendler, irgendwie jedenfalls

Anja Rützel – Illustration: Bertil Brahm

Drei Tage hat mein Vorsatz gehalten, nichts mehr über den Wendler zu posten, über ihn zu lesen oder an ihn zu denken. Immerhin.

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Ich bin ein schwacher Mensch. Ich gebe allen Versuchungen juchzend nach, meine Willenskraft ist weich wie ein Aal. Weil ich das immerhin weiß, spare ich mir aussichtslosen Unfug wie Besserungspläne zum neuen Jahr. Momentan aber ringe ich ausnahmsweise ernsthaft mit einem Vorsatz, den ich gerne erfüllen würde: Ich möchte nichts mehr über Michael Wendler schreiben.

Nichts mehr posten, nichts mehr lesen, am liebsten gar nicht mehr an ihn denken, das wäre doch schön. Weil ich mit jedem Brösel Aufmerksamkeit, den ich von meinem popkulturellen Schiedsrichterhochsitz (auf den ich mich, minimal egoman, gern imaginiere) auf ihn hernieder rieseln lasse, ja auch ein Teil des kurz vor der finalen Drosselung immer wieder neu hochjaulenden Wendlerschen Aufmerksamkeitsmaschine werde, und das ist schon als Gedanke sehr unappetitlich. 

Immerhin drei Tage habe ich den Vorsatz gerade durchgehalten. Am Wochenende hatte ich noch über die demonstrative handwerkliche Grobheit geschrieben, mit der RTL seinen ehemaligen „Deutschland sucht den Superstar“-Juroren aus den Castingfolgen herauspixelte – weil diese Frühepisoden der aktuellen Staffel noch vor der Wendlerschen Wandlung zum Schwurbelinski aufgezeichnet worden waren, durfte er in der Auftaktfolge zunächst noch grienend mit am Jurytresen sitzen, als sei nichts gewesen, wurde dann in den weiteren Folgen aber doch unkenntlich gemacht, als seine neuerlichen Entgleisungen zu krass und die Proteste zu laut wurden. Wendler wurde zur Schliere verfremdet, die aussah, als hätte ein Tierchen auf die Autoscheibe gekackt, was unerfreulich, einem dann aber doch so einerlei gewesen sei, dass man das Malheur nur notdürftig und nicht ganz rückstandsfrei weggewischt hatte.

Ich fand diese Nonmention journalistisch relevant, weil TV-soziologisch interessant und darum berichtenswert (wenn man Fernsehdinge grundsätzlich für rapportier- und rezensierwürdig hält). Danach wollte ich nun aber wirklich Schluss machen mit den Geschichten aus dem finsteren Wendler-Gedankenwald, nach dem Vorbild des Kölner „Express“, der gerade verkündet hatte, ihm künftig keine Bühne mehr bieten zu wollen und darum nicht mehr über ihn zu berichten.

Drei Tage hielt ich also durch, dann postete Wendler am Mittwoch bei Instagram die treuherzig-trottlige Versicherung, er  sei wirklich „weder Holocausts Leugner“ noch „Antisimitist“, und ich MUSSTE diese neuerliche Selbstunterbietung einfach screenshotten und twittern. Ich bin weich, ich bin ein Aal. Immerhin machte ich ordentlich Likes auf seinen Nacken, wie wir jungen Leute sagen. 

Trotzdem weiß ich, dass es die bessere Lösung wäre, aktiv an der Versenkung der Wendlerrelevanz mitzuarbeiten, indem ich ihn passiv nicht mehr beachte. Würde ich nur sein immer wieder gut ausgeleuchtet zur Schau gestelltes multidimensionales Scheitern nicht so faszinierend finden, diese ungebetenen Einblicke in eine Gedankenwelt, die mir surrealer erscheint als jeder Fantasykram! Am liebsten fände ich für mein weiteres Wendlerhandling ein schreiberisches Äquivalent zur RTLschen Unschärfe, aber bis jetzt hatte ich noch keine gute Idee, wie sich dieser optische Kniff verbal übersetzen ließe. Wendler-Inhalte nur noch in blässliche Grautönen zu drucken, um ihre Lektüre extra mühevoll zu machen, scheint mir nicht wirklich die Lösung zu sein. 

Inzwischen werde ich auch schon von fremden Menschen ermahnt,  vom Wendler abzulassen. Ich solle endlich aufhören, ihn zu stalken, schrieb mir eine Frau auf Twitter, ihr schaudere beim Gedanken, dass der „Spiegel“ ernsthaft über solche Themen berichte. Was denn dann als nächstes käme,  schreibe man dort dann etwa bald auch über „Bauer sucht Frau“ oder „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“? Ich sah ihren Punkt und pflichtete ihr bei: Wendler hin, Wendler her – aber „Spiegel“-Texte über das Dschungelcamp, so weit darf es wirklich niemals kommen.


Anja Rützel schreibt hier über ihre Marken- und Medienerlebnisse. Es wird natürlich auch sehr oft um ihren Hund Juri gehen.

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