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Menschen und Marken

Zoom alleine nützt nichts. Auch Manager brauchen Liebe

Frank Dopheide – Illustration: Bertil Brahm

Die Pandemie zerbröselt die Statussymbole der Chefs. Die müssen nun das alte Management-System neu erfinden – und für diese Aufgabe benötigen sie vor allem eines: die Zuneigung ihrer Teams. Wirklich.

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Es gab schon leichtere Zeiten, um Chef*in zu sein. Die Welt und die Märkte spielen verrückt. Das Klima und auch die Diskussionen darüber heizen sich auf.

Der Virus legt die Wirtschaft, die Kultur und manchmal den gesunden Menschenverstand lahm. Ausgerechnet jetzt, wo die Manager*innen gefordert sind wie noch nie zuvor in ihrer Karriere, herrscht in ihrer Arbeitswelt Hausverbot und ihr Büro ist „out of order“. Alle hart erarbeiteten Statussymbole sind außer Dienst: der Fahrer, der Aufzug in die oberste Etage, das Eckbüro, die ehrfürchtigen Blicke der Mitarbeiter. Während man früher in aller Wichtigkeit ins Büro fuhr, sitzt die Arbeit nun Zuhause und chattet den ganzen lieben langen Tag am Computer. Topmanagement hatten sich Kinder und Partner anders vorgestellt. Der Mythos schwindet. Alle Insignien der Macht, das Monogramm bestickte Hemd, die rahmengenähten Budapester, die Aktentasche aus Krokoleder und der Montblanc Füller wurden in die hinterste Schublade gepackt, nicht mal mehr die seidige Krawatte von Hermès kommt zum Einsatz. Das kurze Winken in die Kamera mit der Rolex am Arm sorgt kaum für Linderung.

Das hat psychologische Auswirkungen. Rituale dienen auch der Selbstvergewisserung, jetzt sind sie weggebrochen, und plötzlich steht die Sinnfrage im Raum. Das unterbewusste Funktionieren im Sinne von „weiter so“ wird durch die radikal veränderte Lebenswelt unmöglich gemacht. Die Zukunft hat über Nacht ihre Richtung geändert. Es kommt zur „Liminalität“. Dieser vor hundert Jahren vom Ethnologen Arnold van Gennep geprägte Begriff beschreibt die Erkenntnis, dass Gesellschaften Symbole verwenden, um Momente des Übergangs zu markieren. Das Symbol blickt uns aus dem Rechner entgegen – der Lockdownbart. Allerorts sprießen Bärte aus ehemals glattrasierten Gesichtern, wie beim kanadischen Premier Justin Trudeau. Das Gesicht wird umrahmt. Ein menschliches Aufheulen gegen die Idee, dass der „virale“ Zustand normal werden könnte.

Die Akutmaßnahme gegen gefühlten Bedeutungsverlust heißt exzessives Videoconferencing. Alle sehen alles – und mich. Management by Zoomingaround als neue Bestätigungsmethode. Natürlich ist das keine Lösung. Nun kommen wir zum entscheidenden Punkt: Ausgerechnet die Manager*in, die von dem System nach oben auf den Chefsessel gespült wurde, muss jetzt dieses System sprengen, um sich und das Unternehmen neu zu erfinden. Eine Herkulesaufgabe.

Es gibt nur eine Möglichkeit, um physikalisch über sich hinaus zu wachsen: die Frage nach dem Sinn und die spürbare Unterstützung durch die Menge. Wir haben gerade in USA gesehen, was dann möglich wird. Joe Biden und Kamala Harris haben ihre Bestimmung darin gefunden, das Land zu einen und den amerikanischen Traum mit positiver Energie zu beleben. 74 Millionen Amerikaner sind ihnen gefolgt und befeuern sie mit Freudentränen, Stoßgebeten und persönlichem Engagement. Die ganze Welt scheint voller Goodwill, die neue Führung auf diesem Weg zu unterstützen.

„Der Fahrer, die Rolex, das Eckbüro – alles egal geworden“

Vielleicht haben Sie mal gelesen, dass die Größe des Teichs Einfluss auf die Größe des Fisches hat. Dasselbe gilt auch im Meer der Unterstützung. Je größer und spürbarer diese wird, desto stärker kann Chef*in über sich hinauswachsen.

You never work alone. Lassen wir sie es spüren.


Frank Dopheide war Chairman von Grey und Geschäftsführer beim Handelsblatt. Zuletzt hat er die Purpose-Agentur Human Unlimited gegründet. Für MEEDIA schreibt er über Menschen, Marken und Menschenmarken.

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