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Rützels Scharmützel

Morgen, Kunden, wird’s was geben

Anja Rützel – Illustration: Bertil Brahm

Weihnachtszeit ist Werbegeschenkezeit. Erstmals verschicke ich auch welche. Sie werden toll, ich bastel selbst. Gerne würde ich ja Bademäntel branden, aber es ist dann doch was anderes geworden.

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There will be blood, ziemlich wahrscheinlich. Dieses Jahr mache ich nämlich ernst und werde meinen geschätzten Auftraggebern Weihnachtskarten schicken, in denen all meine Liebe steckt. Und vielleicht eben auch ein paar Tropfen Rützelblut, denn die Druckvorlagen will ich an den langen, einsam weggesperrten Coronaabenden aus Linolplatten schnitzen, und diese scharfklingige Fitzelarbeit ging bei meinen letzten Jahren vor 33 Jahren im Kunstunterricht schon nicht verletzungsfrei über die Bühne.

In den vergangenen fünf Jahren meiner Selbstständigkeit war ich eine eher stoffelige Auftragskraft, las vor den Feiertagen zwar erfreut die warmen Wünsche aus den diversen Redaktionen und Buchverlagen, schickte aber meinerseits nichts dergleichen auf den Weg – mal aus Nachlässigkeit, ein andermal, weil ich einen größeren Posten wirklich geschmackvoller, gekaufter Weihnachtskosten um den zweiten Advent herum unerklärlich innerhalb meiner Wohnung verlegte. Die Karten sind nie wieder aufgetaucht, ich schließe nicht aus, dass ein schreibwaren-connaisseurischer Einbrecher sie entwendet und den restlichen Ramsch in meiner Wohnung versnobt zurückgelassen hat.

Nun hoffe ich also, dass eine extra aufwändig handgeklöppelte Karte die Jahre des Versäumnisses ausgleichen wird. Ich habe bereits zwei Motive designt, zwischen denen ich mich noch entscheiden muss: Entweder wird es eine beschauliche, winterlich verschneite Alpinlandschaft, oder ein Porträt meines Hundes, umkränzt von Tannenzweigen und Eberesche (machen wir uns nichts vor, wir wissen alle, wie das ausgehen wird). Und da ich für meine verschleppfreudigen Verhältnisse ja wirklich früh mit den Arbeiten daran beginne, könnte es tatsächlich sein, dass ich die Karten wirklich rechtzeitig fertigbekomme.

Ich hatte, berauscht von meiner eigenen, professionellen Höflichkeit, sogar kurz darüber nachgedacht, besonders treuen Auftraggebern auch ein Geschenk zu überreichen, natürlich mit Rützel-Branding. Damit schlösse sich auch endlich der Kreis zu meinem Kinder-Ich, das jedes Jahr staunend den Werbegeschenkkatalog durchblätterte, den eine Freundin mit Freiberufler-Vater besaß. All diese Kulis! Die Schlüsselmäppchen, Winzregenschirme, Frisbeescheiben und der ganze andere Klimbim, bedruckt mit (so war ich damals überzeugt) den Namen augenscheinlich sehr erfolgreicher Geschäftsleute, die sich diese Spendabilität locker leisten konnten.

Irgendwann, dachte ich damals, möchte ich auch einmal apricotfarbene Frottee-Bademantel an Geschäftsfreunde und -freundinnen verschenken, auf deren Rückenstück in geschwungener Schreibschrift mein Name eingestickt ist. Und womöglich wird es keinen Zeitpunkt mehr geben, an dem eine solche Gabe dankbarer aufgenommen würde als in diesem Jahr, in dem die Nerven eh so blank liegen, dass einen auch der kleinste Akt argloser Freundlichkeit fix und fertig macht. Ich jedenfalls musste gerade weinen, als ich las, dass aus dem Münsteraner Tierheim fünf Kätzchen in ein neues Heim vermittelt wurden, denen die Mitarbeiter die Namen der Mitglieder meiner Lieblingsband Take That gegeben hatten.

Leider hat der Bademantel als solcher im Laufe der Jahre für mich einiges von dem luxuriösen Gepränge eingebüßt, den er für mich als Kind noch hatte – dicke, weiche Bademäntel, das war etwas, das die Leute in Denver Clan trugen. Weswegen ich wahrscheinlich schon personalisierte Heizkissen verschenken müsste, um denselben Effekt zu erzielen.

Ich selbst bekam als Freelancer übrigens nur einmal ein Werbegeschenk zu Weihnachten: Eine Trinkflasche mit aufgedrucktem RTL2-Schriftzug. Ich habe mich sehr darüber gefreut und benutze sie sehr oft, wenn ich mal wieder ein passendes Gefäß für Wodka-Fanta-Mische zum Mitnehmen brauche.

Anja Rützel schreibt hier über ihre Marken- und Medienerlebnisse. Es wird natürlich auch sehr oft um ihren Hund Juri gehen.


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