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Kommentar: Der falsche Mann – Max Conzes abrupter Abgang ist ein Segen für ProSiebenSat.1

Wertvernichter: ProSiebenSat.1-CEO Max Conze

Max Conze ist als Vorstandsvorsitzender von ProSiebenSat.1 krachend gescheitert. Ein Mann, der sich als Macher neuen Stils suggerierte, aber vergaß, diesen neuen Stil auch selbst zu leben. Um eine desaströsere Bilanz eines Vorstandschefs zu finden, muss man in Deutschland lange suchen.

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Okay, das dauert jetzt ein bisschen länger.

Führungskreis 0 (Vorstand): 

Conrad Albert

Sabine Eckhardt

Jan Frouman

Jan Kemper

Christoph Wahl

Führungskreise 1 und 2 (Geschäftsführer großer GmbHs, Führungskräfte mit strategischer Bedeutung und/oder Umsatzverantwortung): 

Stefan Beitz

Rüdiger Böss

Thomas Conrad

Nicole Crichton 

Marcus Hartmann

Bettina Hörmann

Mark Klimmek

Stefanie Lüdeke

Eun-Kyung Park

Florian Pautner

Jens Pippig

Marcus Prosch

Boris Radke

Ben Regensburger

Michael Schmidt

Nick Thexton

Michaela Tod

Markus Weber

Markus Wolfbauer

Dennis Zentgraf

All diese Top-Manager haben ProSiebenSat.1 unter Max Conze verlassen oder sind im Scheiden. Die Liste ist lang, voller prominenter Namen und aller Wahrscheinlichkeit nach nicht vollständig. Zuletzt erweiterte sie sich um Manager, die Conze selbst zu P7S1 geholt oder befördert hatte. Sie verdeutlicht den Braindrain, an dem der Konzern noch lange zu leiden haben wird. An dem Ausscheiden von Max Conze? Nicht so sehr. 

Trauerspiel auf dem Parkett

Conze kam im Juni 2018 zu ProSiebenSat.1; mit ihm verband sich die Hoffnung, einen  tatkräftigen Vorstandschef gefunden zu haben, der die vielen Probleme des Entertainment-Konzerns nicht nur anpacken, sondern auch lösen würde. Nach nicht einmal zwei Jahren ist mehr als klar: Diese Hoffnung hätte falscher nicht sein können. Unter Max Conze sind die Probleme größer und die Perspektiven düsterer geworden, er hat Geschäftspartner und Mitarbeiter vor den Kopf gestoßen und ohne große Fortune agiert. Aber es dafür geschafft, aus internen Kritikern Spötter zu machen.

Man muss es so sagen: Um eine desaströsere Bilanz eines Vorstandschefs zu finden, muss man in Deutschland lange suchen. Auch außerhalb der Medienbranche. 

Unter Conzes Ägide gab der Aktienkurs um sagenhafte zwei Drittel nach. Die bereinigte EBIDTA-Marge sank 2019 auf 21,1 Prozent (Vorjahr: 25,3), das bereinigte Netto-Einkommen von 541 auf 387 Mio. Euro und das bereinigte Ergebnis je Aktie von 2,36 Euro auf 1,71 Euro. Die Dividendenrendite für 2019 wird sich wahrscheinlich von 8 auf 6 Prozent verringern. Das Trauerspiel auf dem Parkett ist ein recht faires Abbild des Gesamtzustands des Konzerns.

Erstmals seit langer, langer Zeit liegt der Konzern im Split der Mediabudgets hinter dem Konkurrenten RTL. Und obwohl die TV-Branche laut Nielsen im Januar und Februar brutto 4 Prozent mehr als ein Jahr zuvor mit Werbung umsetzte, verloren ProSieben und Sat.1 5,0 Prozent und 1,5 Prozent ihrer 2019er-Umsätze. Die E-Commerce- und Digitaltochter Nucom hat die in sie gesteckten Erwartungen immer noch nicht erfüllen können. Und Joyn – angetreten „um den deutschen Streaming-Markt zu verändern“ – ist immer noch wenig mehr als eine Live-Streaming-App für reguläres, lineares Fernsehen. Eine, die dem Vernehmen nach Kapitalisierungsschwierigkeiten hat.

ProSiebenSat.1, das einstige Dax-Mitglied, ist heute ein Übernahmekandidat. Erst diese Woche hat Berlusconis Mediaset den Anteil auf 20,1 Prozent aufgestockt. Und Conzes plötzliche Aus ist wohl genau vor diesem Hintergrund zu deuten: Die italienischen Investoren hatten und haben von ihm keine hohe Meinung. Dem „Manager Magazin“ zufolge sollen sie schon die Abwahl von Aufsichtsratschef Werner Brandt erwogen haben, um endliche eine neue Führung installieren zu können (MEEDIA berichtete). 

Aus dem „Führungsbunker“ nach draußen

Es ist aber nicht allein die wirtschaftliche Entwicklung, bei der Conze beeindruckend schlechte Noten ausgestellt werden müssen. Mindestens ebenso kritisch muss das Auftreten des Vorstandschefs selbst gesehen werden. Bei einem frühen Treffen mit Granden der US-Filmindustrie soll er dem Vernehmen nach seine Gesprächspartner derart vor den Kopf gestoßen haben, dass die sich über „Nazigebaren“ echauffierten. Das mag überzogen sein, zeigt aber den Grad der breitbeinigen Selbstüberschätzung, mit der der Branchenneuling Conze agierte.

Dazu passt auch, dass er anfangs zwar Rat bei ehemaligen Topmanagern des Konzerns suchte, diesen zufolge aber in den Gesprächen vor allem von sich geredet statt zugehört haben soll. Ähnlich das interne Bild: Conze suggerierte sich zwar als Macher neuen Stils, holte etwa alle seine Führungskräfte auf dem sogenannten Executive Floor ins Großraumbüro. Aber er vergaß es, diesen neuen Stil auch selbst zu leben. Selten, so heißt es, sei er selbst anwesend gewesen, und wenn, dann habe er meist im „Führungsbunker“, dem gläsernen Konferenzraum des Stockwerks, gesessen, um von drinnen nach draußen auf seine Leute zu blicken. Kann es ein deutlicheres Symbol für die Entfremdung zwischen Chef und Mannschaft geben?

Kein Geheimnis: Conzes Feierlaune

„Ich habe keine Ahnung, was der den ganzen Tag macht“ — das ist ein Satz, den man öfter über Conze hört, wenn man sich mit Mitgliedern der oberen Führungskreise unterhält, ehemaligen wie aktuellen. Eher kein Geheimnis hingegen: Conzes Feierlaune. Dass ein Vorstandschef den Spitznamen „GT Max“ (GT steht für Gin Tonic) verliehen bekommt, kommt eben auch nicht alle Tage vor. 

Diese Eskapaden und Versäumnisse wären Conze vielleicht verziehen worden, wenn er denn nur abgeliefert hätte. Aber da schließt sich der Kreis des Versagens. Und am Ende ist Conze eben auch daran gescheitert, dass man sich nicht als der tollste Hecht aufführen kann, wenn die Performance eher karpfenteichig ist.

Es bleibt abzuwarten, wie es nun mit P7S1 weitergeht. Ob die Hauptversammlung im Juni auch das Ende des allzu passiven Aufsichtsratschefs Werner Brandt bringen wird. Und was mit der Konzernführung passiert. Dass die derzeitige, neue Spitze aus Vorstandssprecher und Finanzvorstand Rainer Beaujean, Wolfgang Link (Entertainment) und Christine Scheffler (Personal) unverändert bestehen bleibt, halten Insider für eher unwahrscheinlich.

Klar ist hingegen: Es wird jede Menge Arbeit geben. Aufräumarbeit. Und dass Max Conzes abrupter Abgang als Vorstandschef leider ebenso unwürdig wie verdient gewesen ist.

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