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Gastbeitrag: Warum die Drosselung bei Netflix, YouTube & Co keine reine PR-Aktion ist

Martin Becke Foto: privat

Die großen Streamingdienste haben einen entscheidenden Vorteil: Wenn das Netz überlastet, speichern sie nah am Kunden einfach zwischen. Andere können das nicht. Die Ankündigung von Netflix, YouTube und Co., die Datenmengen vorübergehend zu drosseln, ist deshalb eine sinnvolle Unterstützung für wichtigere Anwendungen. 

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Von Martin Becke

Für viele Nutzer ist in normalen Zeiten das Internet eine riesige Unterhaltungsmaschine. Schaut man auf die Prä-Krisenzeit, machten alleine die Videoangebote 58 Prozent des weltweiten Internetverkehrs aus. Insbesondere relevant sind Größen wie Netflix mit 15 Prozent oder YouTube mit 11,4 Prozent Anteil. Die private Nutzung ist häufig primär auf Konsum ausgelegt, mit vielen Diensten, die häufig keine zeitkritische Kommunikation umfassen. Doch plötzlich werden auch vermehrt zeitkritische Anwendungen privat, also aus dem Homeoffice genutzt.

Weil viele Menschen aktuell zu Hause sind, ist der private Internetanschluss deshalb einer Dauerbelastung ausgesetzt. Nicht temporäre Überlastungsszenarien entstehen, sondern dauerhafte, auch, weil vielen Menschen das Wissen fehlt, wie sie ihre Infrastruktur für ihre neue Herausforderung optimieren können. Die Ankündigung der Anbieter – also von Netflix, YouTube und Co – die Datenmengen vorübergehend zu drosseln, sollte deshalb als eine sinnvolle Unterstützung für die wichtigeren Anwendungen verstanden werden, nicht als reine PR-Aktion. 

Millisekunden können eine Ewigkeit sein 

Es ist nicht anzunehmen, dass sich der Medienkonsum gerade in diesen Zeiten mit viel heimischem Aufenthalt reduziert. Dennoch macht dies die Betreiber hinter Netflix, YouTube und ähnlichen Angeboten nicht besonders nervös, da Mechanismen existieren, die für eine ausgewogene Verteilung aller Ressourcen sorgen. Für diese Anbieter hat die große Nachfrage vielleicht ein wenig mehr Wartezeit oder eine Reduzierung der Bildqualität zur Folge, aber der grundsätzliche Dienst ist nicht gefährdet. Das gilt aber nicht für andere Akteure. 

Sekunden, gar Millisekunden, sind manchmal Ewigkeiten für Anwendungen, die nicht primär zum Zeitvertreib genutzt werden. Im Vergleich wird bei einem zeitkritischen Dienst wie einem Skype-Anruf bereits die Überschreitung von 200 Millisekunden als problematisch angesehen. In normalen Zeiten sind solche Dienste gut gerüstet, kleine Datenspitzen abzufangen und im Zweifel wird die Anwendung eben beendet. Doch in diesen Zeiten kann der Job davon abhängen, ob zum Beispiel ein Skype-Anruf gelingt, oder nicht.    

Wenn der Datenstrom zur langen Schlange wird 

Bei einer Video-Konferenz müssen Bild und Sprache in einem festen Zeitfenster übertragen werden. Im Homeoffice konkurriert das Meeting dann zum Beispiel mit einem Datenstrom eines Netflix-Films, der versucht, möglichst viel der Kapazitäten zu nutzen. Man kann sich eine Supermarktkasse vorstellen, die versucht, das Mehr an Kunden zu bewältigen. Es werden sich Schlangen bilden, da in diesem System genau diese Schlangen vorgesehen waren, um Spitzen bewältigen zu können.

Aktuell ist dieses Stressszenario aber nicht der Ausnahmefall, sondern bei acht Stunden Home-Office mitunter eher Regel. Um im Bild zu bleiben, bleiben die Schlangen an den Supermarktkassen also stehen. In diesen Schlangen befinden sich nun eine Vielzahl von Kunden mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Darunter auch Kunden mit zeitkritischer Ware, zum Beispiel Eis. Wenn jedoch alle Kunden gleichbehandelt werden sollen, kann es passieren, dass ihr Eis geschmolzen ist, bevor es bezahlt werden kann. So ist das auch mit zeitkritischen Diensten. 

Im schlimmsten Szenario und weil Warteschlangen nicht unendlich lang sein können, wird es auch Kunden geben, die sich gar nicht erst anstellen dürfen. Der Anbieter von nicht zeitkritischen Informationen – also Netflix oder YouTube – ist aber in diesem Konkurrenzszenario hier eindeutig im Vorteil, da er Informationen nahe am Kunden zwischenspeichern kann. Er besitzt Strategien, um sich näher an der Kasse zu positionieren, also, um möglichst viele Plätze in der Schlange für sich einzunehmen. Doch unter jenen Kunden, die sich nun nicht einmal mehr anstellen dürfen, sind dann wieder solche mit zeitkritischer Ware. 

Dienste, die wirklich wichtig sind

An unserer Hochschule haben wir es aktuell mit tausenden Studierenden zu tun, die ihr Studium trotz Krise voranbringen müssen. Dies gelingt häufig nur über Video-Angebote in Echtzeit. Die Frage, die wir uns also stellen müssen, ist, ob der Film in der höchsten Qualität unsere höchste Priorität hat. Oder doch etwas anderes. 

Große Streaming-Anbieter haben ihre besondere Rolle in dieser Krise verstanden und sorgen mit Ihrer Zurückhaltung nun dafür, dass die viele Schlangen an der Supermarktkasse in akzeptabler Menge gefüllt werden. So können gerade Anschlüsse mit vielen Teilnehmern oder schlechter Anbindung mehr Dienste, insbesondere Echtzeitdienste, nutzen, die in diesen Zeiten wirklich wichtig sind. 

Zur Person:
Dr. Martin Becke ist Professor an der HAW Hamburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten im Department Informatik zählen Kommunikation und verteilte Systeme. Er promovierte über die Überlastkontrolle im Internet. Darüber hinaus berät Becke seit Jahren Unternehmen im Aufbau und Betrieb moderner und skalierender Infrastruktur. Seine aktuellen Forschungsarbeiten konzentrieren sich auch auf den IoT-Kontext. Privat setzt sich Becke für den Aufbau und den Betrieb eines offenen und freien Internets ein. 

Lesen Sie hierzu auch das MEEDIA-Interview „Die Drosselung bei Netflix und Co ist sinnloser Aktionismus“ mit IT-Blogger Felix „Fefe“ von Leitner.

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