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„Sie sollten sich schämen“ – Richard Gutjahrs bittere Abrechnung mit dem BR-Intendanten Uli Wilhelm

Richard Gutjahr auf der re:publica 2018 ©Screenshot: Youtube/re:publica

Der Journalist Richard Gutjahr ist seit Jahren das Ziel von Verleumdungskampagnen rechtsextremer Kreise vor allem im Internet. Zum Jahreswechsel hat Gutjahr seine Tätigkeit als fester Freier für den Bayerischen Rundfunk beendet und dessen Intendanten, Ulrich Wilhelm, zum Abschied einen offenen Brief voller Verbitterung geschrieben. Der Sender und Wilhelm hätten ihn mit „Hass und Hetze allein gelassen“. Der BR weist die Beschuldigungen zurück.

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Der Ursprung der Hetz-Kampagnen gegen Gutjahr und seine Familie liegt in seiner Berichterstattung zu zwei hochdramatischen Ereignissen 2016. Einmal war er privat in Nizza, als dort ein Terror-Anschlag mit einem Lkw auf eine Menschenmenge verübt wurde. Gutjahr filmte den Anschlag mit seinem Handy vom Hotelzimmer aus und stellte das Material dann dem BR zur Verfügung. Später war Gutjahr ebenfalls vor Ort, als in München ein Amokläufer in einem Münchner Einkaufszentrum um sich schoss.

Weil er bei beiden Ereignissen zufällig vor Ort war und seine Frau Israelin ist, strickten Wirrköpfe vor allem im Netz Verschwörungskampagnen zusammen und verfolgten Gutjahr und seine Familie. Der Journalist selbst hat den jahrelangen, zermürbenden Kampf gegen die Hetz-Kampagnen später selbst in einem Vortrag auf dem Republic-Kongress aufgearbeitet.

Wie er nun in seinem offenen Brief an BR-Intendant Ulrich Wilhelm schreibt, fühlte er sich während der ganzen Zeit von seinem Sender und speziell von Wilhelm im Stich gelassen. Seine Bitte, ihn bei den Prozesskosten zu unterstützen sei von Wilhelm abgelehnt worden. Gutjahr schreibt:

Erst als ich mich in der Folge an den Ombudsmann sowie an den Rundfunkratsvorsitzenden des BR wandte, ließen Sie mir finanzielle Beihilfe zukommen, eine einmalige Zahlung, weniger als ein Monatsgehalt. Verbunden mit der unmissverständlichen Ansage, dass dies eine Ausnahme sei und ich mich in Zukunft mit meinen Problemen an den Deutschen Journalistenverband wenden soll. Die begleitenden Worte Ihres Juristischen Direktors werde ich nie vergessen: Man könne ja nicht jedem freien Mitarbeiter gleich einen Anwalt stellen, nur weil man mal im Netz „angepöbelt“ werde.

Gutjahr schreibt weiter, ihm sei zugetragen worden, Wilhelm habe in nicht-öffentlichen Sitzungen des Rundfunkrates behauptet, der Sender habe seine Prozesskosten beglichen und er, Wilhelm, habe sich bei Gutjahr dafür entschuldigt, dass der BR Gutjahrs Video-Material unbearbeitet verbreitet habe. Beides seien Lügen, so Gutjahr:  „Ihre Direktoren hatten anfangs sogar noch die Chuzpe, mir die Schuld für diesen redaktionellen Fehler in die Schuhe zu schieben, indem sie gegenüber den Rundfunkräten erklärten, ich hätte mein Augenzeugen-Video nicht sendefähig angeliefert. Sie sollten sich schämen, dass Sie derartige Aussagen Ihrer Direktoren unkommentiert so im Raum haben stehen lassen.“

Die BR-Führungsspitze habe ihn und seine Familie „mit dem Hass und der Hetze in Folge meiner Berichterstattung für die ARD allein gelassen“, klagt Gutjahr an. Zum Ende des Jahres lief sein Beschäftigungsverhältnis mit dem BR aus. Auf eigenen Wunsch habe er es nicht verlängert.

Wilhelms Äußerungen in jüngster Zeit über die Verantwortung des BR in Zeiten von Fake News und Hate Speech seien für ihn „nur mehr schwer zu ertragen“ gewesen: „Wie kann man sich auf Bühnen stellen und von Werten reden, wenn man diese im Tagesgeschäft aber auch gegenüber dem eigenen Rundfunkrat so eklatant vermissen lässt? Wenn uns Medienmacher etwas von den großen Tech-Konzernen aus dem Silicon Valley unterscheidet, dann doch wohl unser journalistisches Ethos.“

Gegenüber DWDL.de hat der Bayerische Rundfunk eine Stellungnahme zu den Anschuldigungen Gutjahrs abgegeben. Die „wiederkehrende öffentliche Kritik“ von Gutjahr erhalte keine neuen Aspekte und sei nicht zutreffend, heißt es darin. „Der BR weist insbesondere den Vorwurf der Lüge und Täuschung durch den Intendanten strikt zurück.“ Ein BR-Sprecher: „Die Geschäftsleitung und der Vorsitzende des Rundfunkrats des BR haben sich in den letzten drei Jahren mehrfach und intensiv mit allen Facetten des Falles beschäftigt. Der Rundfunkrat hat ausführlich über den Fall beraten. Herr Gutjahr erhielt finanzielle Unterstützung auch im Hinblick auf ihm entstandene Prozesskosten.“ Bereits im März 2019 habe man sich auf Wunsch Gutjahrs auf einen Aufhebungsvertrag geeinigt.

swi

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