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Thema “Migration” von ARD und ZDF überbewertet? Studie beleuchtet Vorwurf des Agenda-Setting im Wahljahr 2017

Polit-Talker Anne Will, Sandra Maischberg, Frank Plasberg
Polit-Talker Anne Will, Sandra Maischberg, Frank Plasberg

Haben ARD und ZDF im Vorfeld der Bundestagswahl 2017 beim Thema "Migration" Agenda-Setting betrieben? Medienkritiker und Kommentatoren beklagten bei politischen Sendungen, insbesondere im TV-Duell Merkel vs. Schulz, eine "Themensetzung von rechts". Die Otto-Brenner-Stiftung hat die TV-Berichterstattung akribisch untersucht und nun ihre Ergebnisse vorgestellt.

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Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, ging damals mit den Polit-Talkshows von ARD und ZDF noch härter ins Gericht. Durch ihre einseitige Fokussierung auf die Themen „Flüchtlinge“ und „Islam“ hätten die Sender dazu beigetragen, „die AfD bundestagsfähig zu machen“. Ist am dem Vorwurf etwas dran?

Die Medienwissenschaftler Marc Liesching und Gabriele Hooffacker der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig (HTWK Leipzig) haben im Auftrag der Otto Brenner Stiftung (OBS) eine umfassende Kategorisierung aller Erstsendeminuten der politischen Sendungen von ARD und ZDF im Monat vor der Bundestagswahl 2017 vorgenommen.

Die Autoren stellen ihre Forschungsergebnisse in den Kontext der Debatten um „Agenda-Setting“ und „Framing“. Die Ausgangsthese: Eine häufige Themensetzung („Agenda-Setting“) kann die (Themen)Prioritäten der Zuschauer beeinflussen. Ebenso kann die Rahmung (das „Framing“) des Themas Migration, bspw. mit dem Thema „Kriminalität“, Verknüpfungen in den Köpfen des Fernsehpublikums erzeugen und festigen.

Es lässt sich zunächst festhalten: In den fünf meistgesehenen Sendungen war „Migration“ das Thema Nummer eins. Über ein Fünftel der Sendezeit kreiste um diesen Sachverhalt. Beim TV-Duell Merkel vs. Schulz, der Sendung mit den höchsten Einschaltquoten, war das Ergebnis noch deutlicher: 34% der Sendezeit handelte vom Thema “Migration”, während “Arbeit/Familie/Soziales”, “Steuern/Finanzen” und “Wirtschaft/Verkehr/Bau” zusammen kaum 15 Prozent auf sich vereinigten.

“Migration” bei Polit-Talkshow nur auf Rang sechs

Allerdings zeigte sich über alle untersuchten Sendungen hinweg jedoch ein anderes Bild: Hier rangiert “Migration” mit knapp zwölf Prozent hinter “Arbeit/Familie/Soziales” (15%) und nur knapp vor dem Thema Außenpolitik (11%). Bei den Polit-Talksendungen, also ohne TV-Magazine wie etwa “Monitor”, rangiert das Thema “Migration” – entgegen der häufig geäußerten Kritik – mit rund neun Prozent abgeschlagen auf Platz sechs, weit hinter “Außenpolitik” (22,35%). In den Wahlsendungen stach das Thema mit rund 21% jedoch klar heraus.

Viel schwieriger war hingegen die Frage nach einem möglicherweise unpassenden Framing bestimmter Themen zu beantworten. Eine ergänzende, qualitative Umfrage unter Probanden zur Objektivität bzw. Neutralität von Moderationsfragen in Polit-Talksendungen und Wahlsendungen weist zumindest darauf hin, dass ein Anteil von etwa einem Viertel der journalistischen Fragen aus Zuschauersicht als suggestiv-deutend eingestuft werden könnte.

Suggestive Moderatoren-Fragen nur bedingt nachweisbar

Im Kontext einer umstrittenen öffentlichen Äußerung des AfD-Politikers Alexander Gauland wurden etwa in der Sendung “Hart aber fair”formuliert Moderator Frank Plasberg: „Wie ist das zu erklären, dass ein Mann mit Sprache sowas nicht merkt, es sei denn es steckt Absicht dahinter?“ sowie „Herr Gauland, ich frag Sie nochmal, gestern kam das hoch, heute morgen haben Sie sich geäußert. Wie schlafen Sie eigentlich in einer solchen Nacht und wenn Sie auch die Ähnlichkeiten zu Amerika sehen, Ihre politischen Ziele sind bekannt, wir diskutieren gerade über den Weg. Wie schlafen Sie in einer solchen Nacht?“ Die Forscher kommen aber zu dem Schluss, dass eine objektivierte Kategorisierung von Moderationsfragen nach ihrer Neutralität bzw. suggestiven Charakter extrem schwierig ist, da die Bewertung ihrerseits der subjektiven Deutung der sichtenden Personen unterliegt.

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Zudem haben die Autoren der Studie auch noch Journalisten der untersuchten Sendungen zu den Abläufen und dem journalistischen Selbstverständnis ihrer Redaktion befragt. „Bisher wurde in den Debatten viel mit ‘gefühlten’ Fakten und Häufigkeiten gearbeitet“, so Autor Marc Liesching, „wir wollten die Debatten auf ein sichereres Fundament stellen – sodass nun über die Interpretation der Zahlen und auch über methodische Fragen ihres Zustandekommens sachlich fundiert diskutiert werden kann“.

Das sagen die Redaktionsleiter von Illner, Maischberger und “Monitor”

Auf die Frage, ob Politik-Sendungen das Wahlverhalten verändern können, antworteten zwei der drei befragten Redakteure mit einem entschiedenen „Nein“. Georg Restle von “Monitor” begründet dies so: „Ich hoffe, dass wir Menschen zum Nachdenken und Diskutieren bringen, aber dass wir Wahlentscheidungen von größeren Teilen der Bevölkerung maßgeblich verändern könnten, davon gehen wir natürlich nicht aus.“ Noch dezidierter äußert sich Volker Wilms (“Maybrit Illner”): „Ich glaube, da gibt man den Talkshows zu viel Ehre. Das kann eine Talkshow nicht, weil eine Talkshow ausgewählte Gäste hat, die längst nicht für alle sprechen können. Deshalb glaube ich auch nicht, dass eine Talkshow die Wahl in irgendeiner Weise beeinflussen kann. Den Anspruch möchte ich auch gar nicht haben.“

Ganz anders sieht Theo Lange (“Maischberger”) die Möglichkeiten einer Veränderung des Wahlverhaltens durch eine politische Talkshow: „Wenn eine Wahl ansteht, dann beschäftigen sich mehr Leute mit Politik und politischen Standpunkten, weil eine Entscheidung ansteht. Da sind wir auch journalistische Dienstleister. Wir wollen Meinungen abbilden, wollen spannende Diskussionen und ja, vielleicht auch eine Entscheidungshilfe geben. Da unterscheiden wir uns nicht von den legendären Elefantenrunden der 1970er und 1980er Jahre mit Schmidt, Strauß oder Ditfurth. Ob wir eine Wahlentscheidung tatsächlich verändern, das weiß ich nicht.“

„Die qualitativen Befragungen haben gezeigt, dass die allgemein anerkannten journalistischen Qualitätsstandards wie Aktualität, Neutralität und Meinungsvielfalt in allen untersuchten Redaktionen eine wichtige Rolle spielen“, fasst Autorin Gabriele Hooffacker zusammen, „zudem konnten die TV-Redakteure Effekte wie den Hostile-Media-Effekt, wonach Personen mit einer festen Position eine ausgewogene Berichterstattung als verzerrend erleben, aus der Praxis bestätigen.

„Agenda-Setting“ und „Framing“ als Begleiter des Journalismus

Was folgt daraus für den politischen Journalismus? “Es geht nicht darum, ob Themen generell gesetzt und gerahmt werden“, so Jupp Legrand, Geschäftsführer der OBS, denn das sei schließlich inhärenter Bestandteil jeder journalistischen Arbeit. Diskutiert werden müsse vielmehr, „auf welche Art und Weise welches Thema wie häufig besprochen und wie gerahmt wird”, so Legrand weiter.

Dafür brauche es einerseits ein Bewusstsein über diese Vorgänge und eine konsequente (Selbst)Beobachtung des Journalismus. Andererseits müsse endlich eine Debatte geführt werden “wie eine Reflexion der Folgen von Agenda-Setting und Framing als Bestandteil des Journalismus implementiert werden kann – auch das wollen wir mit unserer Studie anstoßen.”

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