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Andrea Kiewel vs. „Tagesschau“: Das Henne-Ei-Problem bei der Israel-Berichterstattung deutscher Medien

ZDF-Moderatorin Andrea Kiewel hat die "Tagesschau" für ihre Israel-Berichterstattung kritisiert © ZDF/Marcus Höhn/ ARD/Tagesschau(Screenshot)/ Montage: MEEDIA

Es gibt Dinge in Medien-Deutschland, die können einen durchaus noch überraschen. Die plötzliche Berufung der ZDF-„Fernsehgarten“-Moderatorin Andrea Kiewel zur politischen Kommentatorin ist so eines. In der Jüdischen Allgemeinen übte „Kiwi“ scharfe Kritik an der ARD-„Tagesschau“ für einen vermeintlich einseitigen Beitrag zu Israel. „Tagesschau“-Chef Kai Gniffke wies die Kritik via Facebook zurück. Dabei trifft die Moderatorin durchaus einen wunden Punkt.

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„Ich war splitterfasernackt, als die Sirene losheulte. ‚Na, bravo‘, dachte ich, ‚mein erster Raketenalarm in Tel Aviv, und ich habe nichts an!'“ So beginnt Andrea Kiewel ihren Gastbeitrag für die Jüdische Allgemeine. Überschrift: „Liebe Kollegen …“ Dass sie beim Raketenalarm in Tel Aviv nackt unter der Dusche stand, fasziniert Frau Kiewel so sehr, dass sie diesen Umstand gleich mehrfach in ihrem Meinungsstück unterbringt. Kern ihrer Kritik an der „Tagesschau“: Deutsche Medien berichten einseitig und unvollständig über den Konflikt zwischen Israel und der radikal-islamistischen Hamas, die den Gaza-Streifen regiert.

Diese Kritik ist ebensowenig neu, wie sie ganz unberechtigt ist. Es lohnt hier aber ein genauerer Blick, denn der „Kiwi“-Kommentar hat am Wochenende im Social Web recht hohe Wellen geschlagen. „Nach schweren Angriffen der israelischen Armee auf den Gazastreifen …“, so begann die knapp halbminütige „Tagesschau“-Meldung vom Dienstag, 26. März. Es folgte eine Schilderung, dass Israel an der Grenze zum Gaza-Streifen Panzer auffahren ließt und man sah ein von der israelischen Armee zerstörtes Gebäude. Andrea Kiewel:

Liebe Kolleginnen und Kollegen der ARD, Sie irren sich! Ich war vor Ort, als es losging mit den Raketen aus Gaza. Die Reaktion der israelischen Armee darauf war – wie der Name schon sagt – eine Reaktion. Man muss Israel nicht mögen. Man kann diesen Staat kritisieren, sich zur Brust nehmen und ihm viele Fragen stellen. Man muss aber, wenn man Journalist ist, die Wahrheit berichten.

„Tagesschau“-Chefredakteur Kai Gniffke kontert die Kritik via Facebook. „Selbstverständlich“ habe die „Tagesschau“ darauf hingewiesen, dass die israelischen Angriffe auf den Gaza-Streifen eine Reaktion auf den Beschuss eines Gebäudes in Israel durch die Hamas einen Tag zuvor darstellten. In der Tat lautete der letzte Satz der „Tagesschau“-Meldung: „Am Montag hatte die Hamas bei einem Raketenangriff ein Haus in Israel zerstört.“

Tags zuvor, am Montag, 25. März, meldete die „Tagesschau“: „Als Reaktion auf einen Raketenangriff auf israelisches Gebiet, hat die Armee Ziele im Gaza-Streifen beschossen.“ Dazu gab es Bilder, wie israelische Bomben im Gazastreifen niedergehen, Bilder, wie die israelische Armee Panzer und Bodentruppen an der Grenze zum Gazastreifen zusammenzieht. Es gab auch Bilder des zerstörten Hauses in Israel. „Laut israelischer Armee soll die Rakete von der Hamas abgefeuert worden sein …“ „Soll abgefeuert worden sein“, „die Rakete“. Es kommt hier schon auch auf die Feinheiten der Formulierung an.

Dass alles ist faktisch korrekt, man kann der „Tagesschau“ keine Propaganda vorwerfen. Allerdings ist ein subtiler Bias in der Berichterstattung durchaus wahrnehmbar. Vor allem, wenn man sich nur die zweite Kurz-Meldung vom Dienstag anschaut, bleibt das Bild israelischer Panzer hängen. Der Schlusssatz kann leicht überhört werden, zumal nicht explizit gesagt wird, dass die israelische Militäraktion eine Reaktion ist. Immer wird betont, dass die Rakete von der Hamas abgefeuert worden sein soll. Von wem denn sonst? Und es war nur eine Rakete, die ihr Ziel fand. Abgefeuert wurden deutlich mehr Raketen, die aber von Israel abgefangen wurden. Gniffke ist hier in seiner Antwort an Andrea Kiewel unpräzise. Genauso unpräzise wie Frau Kiewel, die den Schlusssatz in ihrer Betrachtung ganz weglässt. Ihre Kritik wäre seriöser, hätte sie den Schlussatz der „Tagesschau“-Meldung erwähnt.

Man kann die Geschichte des erneut eskalierenden Gaza-Konflikts aus zwei Perspektiven erzählen: Aus israelischer Perspektive handelt es sich um legitime Reaktionen auf Raketenangriffe der Hamas aus dem Gaza-Streifen. Man beachte den Plural, denn es war – wie gesagt – nicht nur eine Rakete. Hätten die Israelis nicht ein gut funktionierendes Abwehrsystem, würden die Raketen der Hamas womöglich noch viel größeren Schaden anrichten und vielleicht auch Tote fordern. Dass der Staat Israel seine Bevölkerung nach allen Möglichkeiten schützt, kann man ihm nicht vorwerfen.

Die andere Perspektive ist die eines unverhältnismäßigen Gegenschlags des „mächtigen“ Israels gegen die „armen“ unterdrückten Palästinenser im Gaza-Streifen. Wie tief das Denkmuster von „mächtigen Israel“ vs die „armen Palästinenser“ in deutsche Medien eingesickert ist, zeigt nicht zuletzt ein Kommentar in der taz vom 26. März. „Mit den Raketen auf die grenznahen israelischen Orte kann man sich arrangieren“, heißt es da. Die Bevölkerung dort habe ja Bunker und erhalte schließlich auch Steuervergünstigungen. Das bisschen Raketenbeschuss: halb so wild. Hauptsache es gibt Steuervergünstigungen.

Die Beispiele aus der „Tagesschau“ sind nicht im Ansatz so krass. Aber auch hier die Frage: Hätte man es besser machen können? Ja! Indem man die Meldung vom 26. März so begonnen hätte, wie Kai Gniffke es in seiner Replik auf die Kiewel-Kritik andeutet. Etwa so: „Nachdem der Konflikt zwischen Israel und dem Gaza-Streifen nach Raketenangriffen der Hamas auf Israel erneut eskalierte …“ Es ist ein bisschen das Henne-Ei-Problem der deutschen Israel-Berichterstattung: Was nimmt man zuerst wahr? Den Raketenangriff der Hamas oder den Gegenschlag der Israelis? Das aktuelle Beispiel „Tagesschau“ zeigt, dass der Fokus der Medien oft auf dem Gegenschlag liegt. Vielleicht, weil man sich mit dem Raketenbeschuss „arrangiert“ hat, wie die taz schrieb?

Das mögen Details in der Gewichtung von Meldungen, in Formulierungen sein. Aber gerade mit Bezug auf die Israel-Berichterstattung sind Details wichtig. Insofern hat Andrea Kiewel ganz recht gehabt, ihre Erfahrungen unter der Dusche in Tel Aviv mitzuteilen.

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