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“Team Wallraff” droht erneut Ärger: RTL-Doku über Missstände in Psychiatrien könnte juristische Nachspiele haben

Günter Wallraff
Günter Wallraff ©imago/Future Image

"Team Wallraff" holte gestern im jungen Publikum den besten Marktanteil seit 2016. Grund dafür war eine Undercover-Reportage, die die Missstände in psychiatrischen Einrichtungen aufdeckt. Günter Wallraff und seine Reporter mussten sich dabei rechtlichen Problemen stellen. Die Rechtsabteilung von RTL hatte bereits vor Ausstrahlung 26 sogenannte juristische Eingaben erhalten.

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Das Team um Reporterurgestein Günter Wallraff hat sich in seinem neuesten Einsatz für die RTL-Reihe “Team Wallraff” mit dem Titel “Hinter geschlossenen Türen” undercover in Psychiatrien und Jugendhilfe begeben, um dort Missstände aufzudecken. Die Reporter trafen “auf verzweifelte und traumatisierte Menschen und konnten beobachten, dass das Personal oft an seine Grenzen kommt”. Die Einsätze führten sie in Einrichtungen nach Frankfurt, Stuttgart, Berlin und in die Eifel.

“Fast 30 juristische Eingaben”, so die Justiziarin

Auf rechtlicher Ebene sorgten die Recherchen mit verdeckter Kamera für Unruhe. Im Vorfeld habe es so viele juristische Androhungen gegeben wie nie zuvor. “Wir haben bis kurz vor der Sendung fast 30 juristische Eingaben erhalten”, erklärt Rechtsanwältin Eva Pipke auf Nachfrage. Sie ist bei der RTL Mediengruppe verantwortlich für Business & Legal Affair. “Es handelt sich dabei auch um zahlreiche Abmahnungen gegenüber der für die Sendung zuständigen Produktionsfirma infoNetwork GmbH und den einzelnen Undercover-Redakteuren. Zudem hatten sich die Kliniken zahlreiche Vollmachten von Mitarbeitern und Betreuern der psychisch kranken Patienten besorgt, wodurch die Anzahl der Eingaben fast täglich stieg.”

“Aufgrund der enormen Missstände, die wir aufgedeckt haben, hatten wir uns dafür entschieden, trotz des Gegenwindes zu veröffentlichen”, erläutert Pipke. Sie betont: “Wir sind froh, denen eine Stimme verliehen zu haben, denen lange Zeit keiner zugehört hat und zwar Patienten und Mitarbeitern.” Wallraff hatte bereits vor der Ausstrahlung in einem Video-Statement mitgeteilt: “Wir senden jetzt erst recht.”

“Menschenunwürdige Zustände müssen aufgearbeitet werden”

1,55 Millionen der 14- bis 49-Jährigen interessierten sich am Montagabend für das Format, was einem Marktanteil von 16,9 Prozent entspricht, der beste seit August 2016. Inklusive der Über-50-Jährigen sahen die Folge insgesamt 2,74 Millionen, im Gesamtpublikum war sie allerdings eine der schwächsten der “Team Wallraff”-Geschichte (MEEDIA berichtete).

„Unsere Anwälte wurden mit Klagen regelrecht bedroht. Daher hat es mich gefreut, dass sie und die Verantwortlichen des Senders nach Prüfung der Beweislage voll hinter der Ausstrahlung stehen”, erklärt dazu Günter Wallraff im Gespräch mit MEEDIA. Die betroffenen Einrichtungen müssten Konsequenzen daraus ziehen, so nun die Erwartung.

“Die menschenunwürdigen Zustände müssen aufgearbeitet und patientengerechte Pflege und Unterbringung gewährleistet werden.” Gleichzeitig sieht der 76-Jährige die aufsichtsführenden Behörden in der Pflicht, die dafür sorgen müssten, “dass die ganz konkreten Missstände unmittelbar abgestellt werden”.

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“Skandalisierende Berichterstattung von RTL”

Eine der betroffenen Kliniken hat sich nach Ausstrahlung zu den Vorwürfen geäußert. Gegenüber der Bild erklärt die Pressestelle des Vivantes Klinikums in Berlin-Spandau. “Einige Aspekte der gezeigten TV-Szenen entsprechen nicht den Ansprüchen von Vivantes an eine gute psychiatrische Versorgung. Vivantes hat daher umgehend mit der Aufarbeitung der konkreten Einzelfälle begonnen. Diese stellen sich bei genauerer Betrachtung zum Teil völlig anders dar, als in der skandalisierenden Berichterstattung von RTL suggeriert wird.”

Über die hohe Anzahl von Abmahnungen ist die Pressestelle der Klinik nicht überrascht, da das “Team Wallraff” die Wahrung des Patientengeheimnisses erheblich verletzt habe. Dazu heißt es: “Daher wundert es nicht, wenn Dutzende der betroffenen Patientinnen und Patienten sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich darüber empören und auch rechtlich dagegen wehren wollen.”

RTL-Juristin Eva Pipke rechnet “bei dem ein oder anderen Unternehmen mit einer Flut von Klagen, die sich dann jahrelang hinziehen werden”. Sie hofft allerdings, dass “die kritisierten Einrichtungen es konstruktiv nutzen und statt das Geld für Anwälte und Klagen für sinnvolle Verbesserungen der Situationen ihrer Patienten nutzen”.

Ungenauigkeiten bei der Zusammenstellung der Szenen

Zahlreiche Medien wie die Berliner Morgenpost, der Tagesspiegel oder Der Westen haben über die Dokumentation berichtet. Spiegel Online (SpOn) hat dabei in einem Artikel insbesondere eine Szene des Films kritisiert. Die Bilder einer bestimmten Sequenz wirkten montiert, weil in einer Szene Schnee zu sehen ist – in der direkt davor jedoch nicht. So etwas schade letztendlich der Glaubwürdigkeit.

Gegenüber SpOn haben die Macher die Bildmontage, die im Film nicht gekennzeichnet war, am Dienstagnachmittag zugegeben. RTL sieht darin allerdings kein Problem, heißt es in dem Artikel. Man könne “jede einzelne Situation lückenlos” aus dem Filmmaterial beweisen, “weil die versteckten Kameras ohne Unterbrechung durchlaufen. Dies legen wir auch – wenn erforderlich – dem Gericht vor.”

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Alle Kommentare

  1. Einerseits kann man natürlich über den Stil von RTL und Wallraff streiten, andererseits ist der eigentliche Skandal ein ganz anderer. Viele Menschen sind in diesen Psychiatrien vollkommen Fehl am Platze. Eine ambulante Behandlung durch Psychotherapeuten wäre für den Großteil der Patienten die deutlich bessere Alternative. Aber mit der stationären Behandlung lässt sich mehr Geld verdienen. In den Psychiatrien geht es den Menschen schlechter als im Gefängnis und sie werden derart traumatisiert, dass es für sie schwerer wird wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Der Fehler liegt im System und von diesem profitieren zu viele. Deswegen wird es nicht geändert.

  2. Folterbote – Götterbote
    Kunstmagazin der großen gesellschaftlichen Probleme
    Nach der Psychiatrie sollst Du der Alte sein
    Nach dem Knast sollst Du ein anderer sein.
    Nach dem Altersheim sollst Du tod sein.

    Ausgabe 1 mit sarkastischen und lehrreichen Kurzgeschichten zur Psychiatrie.

    http://www.folterbote.de

  3. Das sind gängigen Praktiken bei RTL.

    Ende 2016, trat der Direktor des Musée d’art moderne (Mudam) in Luxemburg zurück, nachdem ihm RTL in einer Fernsehsendung vorgeworfen hat, eine Reporterin des Senders vor laufender Kamera angegriffen und verletzt zu haben.
    Aber, « die RTL-Redaktion distanzierte sich in einem internen Schreiben vom eigenen Fernsehbericht, der nicht von der Redaktion, sondern von der Leitung des Senders initiiert worden sei, und veröffentlichte die insgesamt 20-minütige Aufnahme des Interviews. Beim Vergleich fällt auf, daß die entscheidende Szene für den dramatischen Effekt geschnitten wurde und daß das Interview, nachdem Lunghi zweimal entnervt aus dem Bild stürmt und dann wiederkehrt, ganz normal weitergeht. Ob die Reporterin eine Verletzung davontrug, Iässt sich anhand der Bilder nicht beurteilen; es deutet aber wenig darauf hin. » ( Michael Kohler, Hauen und Stechen, Art Kunstmagazin, Januar 2017)

    Ein Buch (auf französich) erzählt die Geschichte die sich zur Medien- und Staatsaffäre ausgeweitet hat:
    https://www.amazon.de/Lynchage-médiatique-abus-pouvoir-Chronique-ebook/dp/B07JNQ77F9

  4. Dass sich die “Ertappten” nicht über Wallraf und sein Team freuen, ist nachvollziehbar. Aber es ist noch viel besser, dass sie endlich in die Öffentlichkeit gezerrt werden, denn diese Zustände lassen die sich auch noch gut bezahlen. Profikoptimierung auf dem Rücken der Patienten und Pflegekräfte, damit die nicht eben kleinen Gehälter der “Oberen”, immer weiter steigen.

  5. Herzlichen Dank an das Team Wallraff! Man kann die Machenschaften vermutlich am besten verstehen, wenn man ungefähr gleich pervers ist, … und es ist doch so in Europa & der Schweiz, was im Aufbau der BRD die “Altlast NS-Vergangenheit” war, erscheint heute wieder – als die “wirtschaftliche Verbundenheit”.

  6. Ich kenne zumindest die Psychiatrie in Frankfurt Höchst sehr gut. Ich habe nicht nur als Pflegepraktikantin von der Augenklinik das Desaster beobachten dürfen, ich hatte auch einen Angehörigen da drin, und natürlich kenne ich auch den Dreck, die Gewalt, die täglichen Diebstähle und die Pfleger, die sich nicht aus ihrem Glaskasten trauen. Ebenso kenne ich den eiskalten Chefarzt und seine unansprechbare Oberärztin, deren Lieblingsmedikamente Haloperidol und Benzodiazepine sind – egal ob es bessere Alternativen gibt. Ich empfand es im Film fast harmloser als es in Natura tatsächlich ist, insofern kann zumindest dort von einer skandalisierenden Berichterstattung keine Rede sein

    1. Denkt mal an die originären Kinder- und Jugendlichen Psychiatrien, an die Einrichtungen (Heime) der Freien Träger, in die Kinder und Jugendliche weggesperrt werden, nachdem sie, dank der Unterstützung der Jugendämter unter Mitwirkung der Familiengerichte und unter Ausschluss der Öffentlichkeit ihren Eltern/teilen willkürlich entzogen werden, indem man mit Lügen und Falschbehauptungen den Eltern/teilen das Aufenthaltsbestimmungsrecht und Sorgerecht entzieht, um sie dann ihrem Umfeld zu entreissen, sie systematisch entfremdet. Auch mit Hilfe von Psychopharmaka (Methylphenidan, Diazepam u.ä.) um sie ruhigzustellen wenn sie schreien und nach Hause wollen. Grausam. Methoden die an MKULTRA erinnern, NLP an der Tagesordnung, Demütigungen ohne Ende. Mit dem Ziel des Kreuzbrechens umd ein sozial erwünschtes Verhalten zu bewirken. Methoden wie in den 30ern oder in der DDR. Das hat mit Menschenrechten nichts mehr zu tun und gehört vor ein Strafgericht. Auch in den Jugendhilfeausschüssen der Kommunen und in den Jugendämtern sollte das Team aktiv werden. Denn ohne diese wäre das andere nicht möglich. Ich weiss wovon ich spreche, meine Tochter war in beiden Einrichtungen eingesperrt worden und mir gezielt und systematisch entfremdet worden.
      Ein entsorgter Vater

  7. Ich habe den Film gesehen und trotz aller Bedenken, das es auch die dort Beschäftigten sehr schwer haben und wer sowas ( die Betreuung) denn machen will, eines steht für mich fest:

    So, wie in diesem Film darf es einfach nicht weiterlaufen.

    Besonders das tagelange Festschnallen ans Bett, das ist einfach grausam und egal, wie renitent der eine oder andere vielleicht ist, so, wie sich das mancherorts wohl eingebürgert hat, so darf das nicht bleiben.

    Wenn nie einer was sagt und immer alles nur entschuldigt wird, dann wird es nämlich immer schlimmer.

    Wir haben allein in diesem Jahr sage und schreibe 58 Milliarden Euro an Haushaltsüberschuss und trotzdem ist angeblich auf einmal wieder kein Geld für gar nichts da.

    Wie soll ein normaler Mensch so etwas verstehen?

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