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Gib den Trollen Zunder: Wie die ARD die Debatte um das „Framing-Manual“ anheizt, ohne es zu merken

Framing-Päpstin Elisabeth Wehling, Schlagzeilen zur ARD-Framing-Debatte ©Foto: elisabethwehling.com/ Screenshots: netzpolitik.org/ bild.de/ tichyseinblick.de/ faz.net/ sueddeutsche.de/ Montage: MEEDIA

Die Debatte um das „Framing Manual“ der ARD ist mittlerweile komplett entgleist. Kritiker werfen der ARD vor, sie wolle „umerziehen“, betreibe „Rundfunk-Sozialismus“, und übe sich im „totalitären Denken“. Die Auswüchse in den Übertreibungen nehmen hysterische Züge an. Umgekehrt überrascht es, wie dilettantisch die ARD in der Causa „Framing-Manual“ kommuniziert. Ein Kommentar.

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Es ist schon einigermaßen atemberaubend, wie falsch die ARD-Oberen die Brisanz des „Framing-Manuals“ eingeschätzt haben. Das Papier vom Institut der Sprachwissenschaftlerin und Framing-Expertin Elisabeth Wehling bietet auf den ersten Blick reichlich Zündstoff und Angriffsfläche für Kritik. Auf den zweiten Blick auch. Das fängt bei dem Überzeichnen der ARD als hochmoralische Veranstaltung an und hört beim Verunglimpfen von privaten Medien als „Heuschrecken“ oder dem ebenso bedenklichen wie dämlichen Begriff von der „Profitzensur“ nicht auf. Zu allem Überfluss ist das Papier an zahlreichen Stellen auch noch unfreiwillig komisch, etwa wenn Slogan-Vorschläge gemacht werden wie „Kontrollierte Demokratie statt jeder wie er will“, „Wir nehmen jeden ernst – auch Deinen Stammtisch“ (wahlweise „Deine Oma“ oder „Dein Kind“) oder „Kein Husch Husch bei Information“. Für sowas zahlt die ARD 120.000 Euro.

Zunächst versuchte ARD-Generalsekretärin Susanne Pfab das Papier u.a. im Gespräch mit MEEDIA als „Denkanstoß“ kleinzureden. Als die Stimmung schon hochkochte und allenthalben der Ruf nach Veröffentlichung des Papiers auftauchte, verwies die ARD auf urheberrechtliche Gründe, warum sie das Manual nicht veröffentlichen könne. Das besorgte dann flugs Netzpolitik.org mit der Begründung, „damit sich alle Beitragszahlende aus der Originalquelle informieren können und an der Debatte informierter teilhaben können.“ Das Blog vergaß nicht, den Kritikern des Papiers gleich noch einen mitzugeben, indem erklärt wurde, „gerade rechte Webseiten machen mit dem ausgewählten Zitieren aus dem Text massiv Stimmung gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk“. Wer war damit gemeint? Auch Medien wie MEEDIA, die Welt oder die FAZ, die über das Framing-Manual frühzeitig berichtet hatten? Oder Blogs wie „Tichys Einblick“?

Bei „Tichys Einblick“ wagte Namensgeber Roland Tichy den Vergleich, Elisabeth Wehling sei der Claas Relotius der ARD. Was er damit bezweckt, außer sinnfrei zwei Medien-Aufreger in einen Tweet zu packen, bleibt im Dunkeln.

Wobei der eine Aufreger (Relotius) freilich ungleich mehr Substanz hat als der andere („Framing-Manual“), beide Sachen aber außer Aufreger-Potenzial rein gar nichts miteinander zu tun haben. Auftritt Michael Hanfeld in der FAZ. Für den Groß-Kritiker des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist das Manual natürlich ein gefundenes Fressen und er liefert die Häme frei Haus:

Wir fassen uns jetzt alle an den Händen und sagen: „Unser gemeinsamer, freier Rundfunk ARD“. Nochmal, bitte mit etwas mehr Emphase: „Unser gemeinsamer, freier Rundfunk ARD“. Schon besser. Geht doch! Aber aller guten Dinge sind drei, und wir sind die Guten, also alle im Chor: „Unser gemeinsamer, freier Rundfunk ARD“. Klingt das nicht gut, fühlen wir uns jetzt nicht besser? Tief durchatmen, das Mantra murmeln und los gehts in die Diskussion mit bösen Rundfunkkritikern, die die Welt ins Unheil stürzen und uns „unseren gemeinsamen, freien Rundfunk ARD“ nehmen wollen.

Zeitweise dominierte das Manual die Homepage von FAZ.net wie sonst nur ein G20-Gipfel:

Tja, liebe ARD. Leider habt Ihr Euch die Suppe zu großen Teilen selbst eingebrockt. Was hätte man anders machen können? So ziemlich alles. Es geht damit los, dass man auch schon 2017, als das Manual beauftragt wurde, auf die Idee hätte kommen können, dass „Framing“ für die Vermittlung von öffentlich-rechtlichen Werten komplett ungeeignet ist. Dem Begriff haftet nun einmal außerhalb linguistischer Zirkel der Ruch der Hirnwäsche an. Zum miesen Image von „Framing“ hat Frau Dr. Wehling mit ihren Talkshow- und Kongressauftritten selbst maßgeblich beigetragen. Aber OK, nun war das Ding beauftragt, was nun? Als das Manual dann vorlag, sollte jedem Menschen, der schon mal was mit Medien zu tun hatte, klar sein, dass das Teil stinkt und mächtigen Ärger bedeutet. Das Manual liefert Gegnern des öffentlichen Rundfunks im Allgemeinen und der ARD im Besonderen tonnenweise Material zum Einprügeln. Ganz abgesehen davon, dass man sich als Auftraggeber auch hätte fragen können, ob 120.000 Euro für eine Aneinanderreihung von schon mal Gesagtem plus Moral-Geblubber plus lächerlichen Slogans wirklich gut angelegtes Beitragsgeld sind. OK, es kamen noch die Workshops obendrauf. Na dann …

Dann zogen zwei Jahre ins Land und auf einmal taucht das Manual bei Journalisten auf. Erste Fragen trudeln bei der ARD ein: Warum ein „Framing-Manual“? Was soll das? Warum diese moralischen Überhöhungen? Warum diese Herabsetzungen der Privatmedien? ARD-Generalsekretärin Susanne Pfab übernahm die Kommunikation und versuchte, das Manual als „Denkanstoß“ herunterzuspielen. Alles nicht so schlimm, gehen sie weiter, es gibt nix zu sehen. Klappte natürlich nicht. Nach den ersten Berichten fing die Stimmung an, so richtig hochzukochen. „Wir wollen das Dokument sehen“, wurde auf Twitter geschrien. „Geht nicht“, meinte die ARD, sorry: Urheberrecht. Was klang wie eine Ausrede, war vermutlich auch eine. Statt nach den ersten Anfragen das Dokument sofort selbst zu veröffentlichen und sich angemessen davon zu distanzieren, dachten die ARD-Verantwortlichen offenbar immer noch, man könnte eine Veröffentlichung verhindern. Das besorgten dann die weißen Ritter von Netzpolitik.org zum Wohle der Beitragszahler und zur Mehrung der eigenen Reputation. Damit brachen alle Dämme und eine schon aufgeheizte Meute machte sich über den Text her, teils in Serien. Es ist halt schon einiges an Material.

Und anstatt auch das gezahlte Honorar sogleich transparent zu machen, wurde die Info, dass der Framing-Spaß 120.000 Euro gekostet hat, von der ARD nun aktuell nachgereicht. Einfach nochmal ein bisschen Zunder nachlegen. Die ARD verfolgte eine Strategie des Herunterspielens und scheibchenweise dann doch veröffentlichen. Gerade so, als habe man seinen Abschluss an der Kommunikations-Fachhochschule Karl-Theodor zu Guttenberg gemacht. Ja, natürlich sind die Reaktionen und die mediale Hysterie über das Manual komplett überdreht und übertrieben. Schlimm ist aber auch, dass die ARD das selbst angefacht und verstärkt hat und es noch nicht einmal zu merken scheint.

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