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“Vorsortierung der Wirklichkeit”: Medienkritiker Fritz Wolf über Dokus bei ARD und ZDF

Fritz Wolf
Fritz Wolf ©Foto: Twitter/ Grimme-Institut/ Montage: MEEDIA

Die AG Dok, der Berufsverband der Dokumentarfilmer, hat in Kooperation mit dem Grimme-Institut die Studie "Deutschland – Doku-Land" vorgestellt und den öffentlich-rechtlichen Sendern dabei kein gutes Zeugnis ausgestellt. MEEDIA hat mit dem Autor der Analyse, Fritz Wolf, über den Stellenwert von Dokumentation und die Rolle von Netflix gesprochen.

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Herr Wolf, was sind die zentralen Ergebnisse der Studie?
Fritz Wolf: Ein Ergebnis ist, dass es eine unglaubliche Menge an Dokumentationen im deutschen Fernsehen gibt. Ich habe ja nur die öffentlich-rechtlichen Programme ARD, ZDF, Arte, 3sat und die Dritten untersucht, dazu gibt es noch die ganzen Sparten-Sender. Diese Zahl ist auch noch gestiegen im Vergleich zu 2003, ebenfalls wie die Formatierung, die ja ein wesentliches Kennzeichen der TV-Dokumentationen ist. Damit ist die Unterwerfung des Stoffs unter bestimmte Erzählregeln gemeint, die von den Redaktionen aufgestellt werden. Das kann sehr streng, aber auch sehr locker sein. Die freien Arbeiten sind wenig.

Wie zeigt sich das in den Zahlen?
2003, bei der letzten Studie dazu, waren 66 Prozent der dokumentarischen Arbeiten in irgendeiner Weise formatiert. Inzwischen sind es 75 bis 80 Prozent.

Damit sprechen Sie unter anderem Formate wie „Menschen hautnah“ oder „37 Grad“ an. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?
Die Formatierung bedeutet, dass dort die künstlerische Handschrift der Autoren verloren geht, sodass das Hauptgewicht bei den Redaktionen und Konzepten liegt. Das geht sehr weit, wie in einem Interview mit einer Produzentin nachzulesen war. Nämlich dass die Sender im Grunde die ganze Wirklichkeit vorgefertigt haben wollen, bevor es fertig gedreht ist. Das führt unter anderem zu solchen Vorkommnissen wie bei „Menschen hautnah“, dass man sich dann die Protagonisten auf dem Darstellermarkt holt und sie vorher castet (MEEDIA berichtete, Anm. d. Red.). Formate sind auch immer eine Vorsortierung der Wirklichkeit und das, was für das Dokumentarische eigentlich interessant ist, die Beobachtung und Entdeckung, werden durch das Erfinden ersetzt. Für den Zuschauer ist das Problem, dass es immer erwartbar ist.

Aber warum gibt es immer mehr, wie Sie sagen, Erwartbares im öffentlich-rechtlichen Programm?
Der größte Feind der Programmdirektoren ist die Fernbedienung. Und die größte Angst ist die vor dem Griff der Zuschauer dahin. Deswegen gibt’s den Versuch, die Sendeplätze so genau wie möglich im Voraus zu berechnen und an die Zielgruppe, Erzählweise etc. anzupassen. Das ist durchaus in der Logik des Systems, das sich ganz nach der Quote richtet – und auch an der Formatierung orientiert. Der große Widerspruch ist dann der, dass es langweilig wird.

Das ist nun die Seite der formatierten Dokus. Sie haben ebenfalls die unformatierten Dokumentarfilme untersucht, die meist Spielfilmlänge haben. Was haben Sie da herausgefunden?
Es gibt mehr davon, als man zunächst annehmen würde. Allerdings werden sie zu einer Zeit ausgestrahlt, zu der sie ein potenzielles Publikum gar nicht mehr erreichen. Mehr als die Hälfte aller Dokumentarfilme wird nach 23 Uhr gesendet, manche sogar erst nach Mitternacht. Dokumentarfilme sind aus Sicht der AG Dok eine Form, in der wichtige politische und gesellschaftliche Fragen behandelt werden und gerade nun die werden außerhalb der normalen Sendezeit versendet. Das ist nicht nur für die Mitglieder der AG Dok schlecht, sondern für die Gesellschaft als Ganzes, wenn die politisch relevanten Themen in diesem Sektor so spät ausgestrahlt werden. Viele potenzielle Zuschauer wissen oft gar nicht, dass es diese Filme gibt und falls sie es wissen, wissen sie nicht wo.

 

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Allerdings gibt es dafür prominente Plätze zur Primetime, nicht zu vergessen die Mediatheken, wo die Dokumentarfilme abrufbar sind. Die Nutzerzahlen sind durchaus beachtenswert.
Formate wie „Menschen hautnah“, „Terra X“ oder „37 Grad“ laufen zu guten Sendezeiten, aber das gilt eben nicht für den klassischen Dokumentarfilm. Zu den Mediatheken: Natürlich gibt es die Möglichkeit darüber Zuschauer zu erreichen, aber das Kernproblem ist, dass der Dokumentarfilm als Gattung nicht mehr wahrgenommen wird und er in den Sendern nicht wertgeschätzt wird. Wenn ich als Zuschauer nicht weiß, dass es solche Filme gibt und wovon sie handeln, nützt mir auch die Mediathek nichts.

Was fordern Sie, prominentere Sendeplätze?
Ja, unbedingt. Das muss nicht immer um 20:15 Uhr sein, denn natürlich taugt nicht jeder Film dafür, aber den ein oder anderen gibt es. Um ein Beispiel zu nennen: „Kulenkampffs Schuhe“ von Regina Schilling, ein absolut Primetime-tauglicher Film. Das hat die ARD nicht fertig gebracht, die Dritten haben das dann übernommen. Es gibt jedoch auch Filme, die sind um 23 Uhr besser aufgehoben. Insgesamt sind es zu viele, die in der Nacht laufen und zu wenige, die zu einer guten Sendezeit ausgestrahlt werden. Die nächste Forderung wäre, dass man die Wertschätzung durch mehr Bemühung zum Ausdruck bringt. Jeder Fernsehfilm wird heute durch Trailer und Programmhinweise beworben, für den Dokumentarfilm gibt es das so gut wie gar nicht. Eine der dringlichsten Maßnahmen wäre also dafür zu sorgen, dass sie überhaupt wahrgenommen werden.

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In der ARD lief der von Ihnen angesprochen Film übrigens an einem Mittwoch im August um 22:30 Uhr – und damit ziemlich genau bis Mitternacht.
In den Sendern weiß man, dass Mitternacht eine Grenze ist, vor allem werktags. Potenzielle Zuschauer suchen einen Film, der dann bis kurz nach Mitternacht gehen soll und schauen ihn sich deshalb schon nicht mehr an, weil sie am nächsten Tag früh raus müssen. Wenn Filme in diese Zeit um Mitternacht reinragen, schauen sich das Leute nicht mehr an.

Sie stellen eine gewisse Mutlosigkeit bei den Programmmachern fest. Lieber auf sichere gute Quoten setzen, als einen Dokumentationsfilm zu senden, der womöglich schwächere Quoten einbringt…
Aber öffentlich-rechtliches Fernsehen darf als einziges Kriterium nicht nur die Quote haben, sondern da gibt es weitere, die alle im Rundfunkauftrag liegen. Klar, Sender müssen auch auf die Quote achten, denn wenn ein Sender keine Zuschauer hat, ist das auch nicht das Richtige. Aber ausschließlich die Quote zu nehmen, was in der Gegenwart immer noch der Fall ist, entspricht nicht dem öffentlich-rechtlichen Auftrag. Auf lange Sicht gesehen kommt es durchaus darauf an, seine Zuschauer zu erziehen.

Das müssen Sie bitte erklären.
Ich meine das nicht im pädagogischen Sinne, sondern dass die Sender ihre Zuschauer an Angebote in ihrem Programm heranführen, die sie auf den ersten Blick nicht auf dem Schirm haben. Oder man sie daran gewöhnt, dass auf bestimmten Sendeplätzen politisch relevante Filme zu finden sind – und nicht nur die, ja tollen, schönen Naturfilme, wie aktuell wieder. Die ARD hat das kürzlich am Montag mit einem ganzen dokumentarischen Abend versucht.

Blicken Sie der Zukunft des Dokumentarfilms optimistisch entgegen?
Ich vergleiche den Dokumentarfilm immer gern mit dem Jazz. Nicht nur weil er spätnachts gespielt wird, sondern weil er künstlerisch sehr vielfältig ist und dem Zuschauer etwas abverlangt. Das Genre verlangt Aufmerksamkeit und entspricht nicht dem Alltagsfernsehen. Daher wird er immer ein Produkt für eine Zuschauerminderheit sein. Durch eine stärkere Geltung, würden aber die Autoren wieder mehr Mut bekommen, Stoffe zu suchen und zu erzählen.

Nun erobern mit Netflix, Amazon Prime & Co. mehr und mehr auch Streamingdienste den Markt und setzen dabei ebenfalls auf Dokumentationen. Diese Dienste sind zwar kein Bestandteil Ihrer Studie, aber wie bewerten Sie deren Stellenwert als Medienjournalist?
Bei Netflix handelt sich um ein gewinnorientiertes Unternehmen und es wird sich auf lange Sicht nur mit den Sachen beschäftigen, die Gewinn bringen. Aktuell kaufen sie ziemlich viel auf, was für einen Dokumentarfilmer sehr günstig ist. Wer sich allerdings mit Netflix einlässt, tut dies mit Haut und Haaren. Sie kaufen komplette Rechte und wenn ein Projekt erstmal bei Netflix ist, ist es nirgendwo mehr sonst. Das Unternehmen hat da durchaus einen Absolutheitsanspruch. Voriges Jahr auf einem amerikanischen Filmfestival, wo alle dachten Netflix geht auf Einkaufstour, haben sie schließlich gar nichts gekauft. Dass Netflix seine Marktmacht da ausgespielt hat, hat einige Dokumentarfilmer ziemlich frustriert.

Und wie wirkt sich die Existenz auf die öffentlich-rechtlichen Sender aus?
Es kann sein, dass da jetzt ein gewisser Druck entsteht. Das wäre sehr zu wünschen, wenn die öffentlich-rechtlichen Sender sehen, dass bei den Streamingdiensten eine andere Wertschätzung vorhanden ist. Vielleicht liege ich mit meiner pessimistischen Prognose auch falsch und wir sagen in ein paar Jahren, dass Netflix ein Segen für den Dokumentarfilm war. Ich zweifle da eher dran.

Es bestehen allerdings auch Chancen, zum Beispiel Kooperationen der öffentlich-rechtlichen Anstalten mit Netflix & Co, die es bereits gibt.
Die sind zum Teil taktischer Natur. Interessant wird es aber erst aus produktionstechnischer Sicht, wenn dadurch neue Produktionen entstehen. Da muss man abwarten, wie flexibel die öffentlich-rechtlichen Sender sind und wie gierig sich Netflix verhält.

Zur Studie:
Analysiert wurden die Programmabläufe aus vier Sendemonaten zwischen Oktober 2017 und März 2018 im Zeitraum von 9 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts in den Sendern ARD, ZDF, 3sat, Arte und den Dritten. Zwei kleine dritte Programme, Radio Bremen und Radio Saarland fanden in der Untersuchung keine Berücksichtigung, weil “sie weitgehend parallel zu den Programmen von NDR respektive SWR laufen”, wie es im Methodik-Kapitel heißt. Die Studie finden Sie hier in voller Länge.

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Alle Kommentare

  1. Vlt ist die Zeit ja nicht mehr ganz so fern, in der Sender mit handwerklich überzeugenden Dokumentationen zu punkten vermögen.
    Mit „den digital majors“ Schritt halten zu wollen angesichts der gegenwärtigen Senderstruktur – die ja auch ein Pfund darstellen könnte, je nach Perspektive – erscheint derzeit jdnfls fast wie das Rennen zwischen Hase und Igel… – zäh, teuer und eher kulturverhindernd als kulturbefördernd.

  2. Lieber Medienkritiker,

    in Rahmen des demographischen Wandels, also in den 2020er Jahren, wird der demographische Charakter der Ersatzenkelstampede SOWIESO offenbart werden und eine gewisse Ersatzenkeltrickbetrügerbande SOWIESO automatisch vollständig auffliegen!

    Und da anscheinend fast alle Beteiligten in dieser Angelegenheit anscheinend NIEMALS persönlich über den Mathematikunterricht der 2 Schulklasse hinausgekommen sind, ODER wahlweise mangels selbstständigen Denkens anscheinend allesamt auf diesen durchschaubaren Ersatzenkeltrick dauerhaft hereingefallen sind, steht der Untergang fast sämtlicher Altparteien und Altmedien also bereits am heutigen Tage in Zeiten des demographischen Wandels mit absoluter Sicherheit bereits schon fest!

    Ein paar Jahre müssen wir bis dahin allerdings noch warten!

      1. Also, DAS ist doch mal ein fundierter, intelligenter Beitrag, Klabautermann! Alle Achtung. So tiefsinnig, eloquent und direkt, passt zum Thema wie “Faust auf Auge”.
        Vielleicht hat aber Franz von … gar nicht so unrecht.
        Denke dabei an den arte / WDR-Skandal um die Doku zum linken / muslimischen Antisemitismus / Israel-Hass, die man nicht ausstrahlen wollte. Oder das Framing-Handbuch, das Theater um das WDR5-Interview mit dem Blogger David Berger usw. Da gibts doch fast jede Woche einige Beispiele. Wir werden noch eine Weile das Rückzugsgefecht des von allen finanzierten ÖR Rundfunk+TV erleben, aber dann ist es es auch gut. Spätestens wenn die Jungen mehrheitlich nicht mehr zuschauen und die Alten sich auch noch abwenden.

  3. In dieser Sorte von “Dokumentation” lässt sich eben ganz besonders gut die Indoktrination des verblödeten Beitragszahlers durch betreutes Denken vorantreiben. Darin besteht eben der Bildungsauftrag es Staatsfunks und der angegliederten Resteverwerter und Aasfresser bei Arte, 3Sat.

    1. Wer den lieben langen Tag nichts besseres kann und zu tun hat als Laberfloskeln wie “betreutes Denken”, stets ohne jeden Zusatz von Substanz und konkreten Inhalten, endlos in die Weiten des Internets hinauszukläffen, sollte sich beim Stichwort “verblödet” mal lieber ganz schnell selber an die leuchtend rote Schnappsnase fassen.

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