Partner von:
Anzeige

Steile Karriere bei Rechten: Früherer Radio Bremen-Reporter Lührssen will Bremer AfD-Spitzenkandidat werden

Via Facebook verteidigte die AfD in Bremen Hinrich Lührssen im August vergangenen Jahres
Via Facebook verteidigte die AfD in Bremen Hinrich Lührssen im August vergangenen Jahres

Erst vor sieben Monaten ist er in die Partei eingetreten – jetzt will er schon Spitzenkandidat werden: Der freiberufliche Fernsehreporter Hinrich Lührssen, bekannt durch Beiträge für Radio Bremen (RB) und „stern TV“, bewirbt sich am kommenden Sonntag auf einer Parteiversammlung um die Spitzenkandidatur der Bremer AfD bei der Bürgerschaftswahl im Mai. Das bestätigte er am Donnerstag in einem Gespräch mit MEEDIA.

Anzeige

Von Eckhard Stengel

Sein ehemaliger Haussender RB berichtete am Donnerstag als erster über Lührssens Bewerbung. Der 60-Jährige hatte selber jahrelang für die kleinste ARD-Anstalt gearbeitet. Mehr oder weniger regelmäßig lieferte er kauzige Beiträge für das Fernsehregionalmagazin „buten un binnen“, in denen er sich über absurdes Verwaltungshandeln lustig machte. Auch bei „stern TV“ war er häufiger zu sehen, und für den Rowohlt-Verlag schrieb er Bücher über Amtsdeutsch, Werbesprüche und menschliche Missgeschicke. Dass er im Juni 2018 in die tendenziell medienfeindliche AfD eintrat, überraschte nicht nur Außenstehende, sondern auch seine Kolleginnen und Kollegen. Denn bis dahin war Lührssen nicht durch politische Äußerungen aufgefallen.

In der AfD machte er sofort Karriere: Nur wenige Wochen nach seinem Eintritt berief der Landesvorstand ihn als „kooptiertes“ Mitglied in die Parteiführung. Nun also der nächste Karriereschritt: Lührssen bewirbt sich um Platz 1 der Bremer AfD-Liste für die Bürgerschaftswahl am 26. Mai. Darüber abgestimmt wird am Sonntag auf einer Mitgliederversammlung („Aufstellungsversammlung“) für den Wahlbereich Bremen. Im kleineren Wahlbereich Bremerhaven stellen die Parteien jeweils eigene Spitzenkandidaten auf; eine Landesliste für den ganzen Zwei-Städte-Staat sieht das Bremische Wahlgesetz nicht vor.

Die Chance, dass die Parteibasis ihn auf den Bremer Spitzenplatz wählt, hält Lührssen für „ganz gut“, wie er im Gespräch mit MEEDIA sagt. Der Landesvorstand macht allerdings keinen Wahlvorschlag, und es ist durchaus möglich, dass noch andere Mitglieder gegen Lührssen kandidieren.

Bremer Landesverband gilt selbst für AfD-Verhältnisse als weit rechts stehend und hat schon den Verfassungsschutz auf den Plan gerufen

Die Bremer AfD gilt innerhalb der Bundespartei als so weit rechts stehend, dass der Bremer Verfassungsschutz schon seit Monaten prüft, ob der Landesverband nicht wegen möglicher rechtsextremer Bestrebungen zum Beobachtungsobjekt werden sollte. Bei der AfD-Jugendorganisation „Junge Alternative“ hat das Amt diese Frage bereits bejaht und mit der Überwachung begonnen – allein schon wegen ihrer Zusammenarbeit mit den rechtsextremen „Identitären“.

Doch Lührssen kann den Verdacht „nicht nachvollziehen“. Er nimmt auch keinen großen Anstoß daran, dass die Bremer AfD nach dem Überfall auf den Landesvorsitzenden Frank Magnitz Falschbehauptungen über das Ausmaß der Tat verbreitet hat. Sie behauptete, der Politiker sei mit einem Kantholz und mit Tritten gegen seinen Kopf malträtiert worden – was durch Aufnahmen von Überwachungskameras inzwischen eindeutig widerlegt wurde. Die AfD verbreitete auch sofort ein blutiges Foto des Überfallenen, um „eine mediale Betroffenheit zu erzeugen“, wie Magnitz inzwischen in einer von der taz veröffentlichten internen Mitglieder-Rundmail schrieb. Lührssen sagt zu den anfangs überspitzten Behauptungen der AfD: „Es sind kleine Fehler passiert in der öffentlichen Darstellung, aber es bleibt ja ein Anschlag mit der hohen Wahrscheinlichkeit, dass er politisch motiviert war.“

Anzeige

Dass führende Parteivertreter auch die Medien für den Überfall mit verantwortlich gemacht haben, scheint an Lührssen vorbeigegangen zu sein. Er kenne keine solchen Äußerungen, sagt er zunächst – bis MEEDIA ihm eine Pressemitteilung der AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen und Alexander Gauland vorhält: „Die feige und lebensbedrohliche Gewalt gegen Frank Magnitz ist das Ergebnis der andauernden Hetze von Politikern und Medien gegen uns, die jetzt in Bremen offenbar von Linksterroristen in die Tat umgesetzt wurde.“ Diese Medienschelte geht dem Fernsehreporter denn doch zu weit: „Das ist zu pauschal.“

Von Radio Bremen und “stern TV” erhält Lührssen schon länger keine Aufträge mehr: “Ich lebe jetzt von Ersparnissen”

Wird er nicht womöglich von der weit rechts stehenden Bremer Parteispitze als bürgerliches Aushängeschild missbraucht? „Ich fühle mich in keinster Weise missbraucht“, antwortet Lührssen. „Ich bin ja freiwillig Mitglied geworden.“ Und jetzt Spitzenkandidat werden zu wollen, sei „im Grunde genommen meine eigene Idee, die sich im Laufe der Mitgliedschaft entwickelt hat“. Von anderen Mitgliedern habe er „viel Unterstützung und Aufforderung verspürt, das zu machen“. Seine Anliegen seien unter anderem eine offene Diskussion über die Folgen der Migration und über das Thema Armut.

Wann und wo die Kandidatenaufstellung genau stattfindet, will die Partei nicht verraten. „Das ist geheim“, sagt der stellvertretende Landesvorsitzende Thomas Jürgewitz. Die Presse ist von der Versammlung ausgeschlossen und soll erst am Montag über das Ergebnis informiert werden.

Als Journalist arbeitet Lührssen im Moment nicht mehr, wie er sagt. Radio Bremen hatte im August 2018 beschlossen, ihm keine Aufträge mehr zu geben, solange er im AfD-Landesvorstand sitzt. Seine Parteimitgliedschaft spiele dabei keine Rolle, hieß es damals, aber eine herausgehobene Funktionärstätigkeit vertrage sich nicht mit der politischen Unabhängigkeit des Senders.

Auch seine Mitarbeit bei „stern TV“ liegt nach Lührssens Worten „auf Eis“. „Ich lebe jetzt von Ersparnissen. Für eine gewisse Zeit komme ich auch so zurecht.“

Keine Neuigkeiten aus der Medien-Branche mehr verpassen: Abonnieren Sie kostenlos die MEEDIA-Newsletter und bleiben Sie über alle aktuellen Entwicklungen auf dem Laufenden.

Anzeige

Mehr zum Thema

Anzeige
Anzeige

Alle Kommentare

  1. Ein Haltungs-Stück, ausgezeichnet

    Wieder konnte das vierte Reich verhindert werden

  2. In welcher politischen Partei unseres Landes könnte sich ein intelligenter Mensch mit Hang zu Realismus und Bodenhaftung denn heute noch einbringen?

    B90/Grüne, Linkspartei und mittlerweile auch SPD fallen da wohl eher aus. Obwohl es auch dort immer noch die eine oder andere “ehrliche Haut” geben mag. Da bleiben die verbleibenden Auswahlmöglichkeiten also eher überschaubar …

  3. Die Nachrichten die hier über den Funk kommen sind das wirklich Allerletzte.
    Haben vor zwei Tagen, mindestens 4 Minuten über einen Wolf berichtet , welcher durch einen Zug umgekommen ist. Sie haben aber noch nie und ich betone nie über einen Mord oder eine Vergewaltigung eines Bereicherers berichtet. Habe deshalb schon zwei mail gesendet, aber natürlich nie eine Antwort erhalten.

  4. Wenn jeder, der sich von linken Arschlöschern belästigt fühlt, zukünftig in die AfD eintritt, dann wird es aber bitter für diese Spinner am linken Rand.
    Da hilft es auch nicht, dass man sich dagegen die Fingerchen wund tippt.

  5. Es muss auch immer Menschen geben die mittels selbstständigen Denkens eben NICHT auf diesen durchschaubaren Ersatzenkeltrick dauerhaft hereinfallen!

    Oder für die Bevölkerungsstatistiker unter Ihnen!

    Sie müssen grenzüberschreitend die innereuropäische Binnenwanderung mit einberechnen, DANN WISSEN Sie auch, was die Ersatzenkelstampede in Wahrheit überhaupt zu bedeuten hat!

  6. “Seine Parteimitgliedschaft spiele dabei keine Rolle, hieß es damals, aber eine herausgehobene Funktionärstätigkeit vertrage sich nicht mit der politischen Unabhängigkeit des Senders.”

    Radio Bremen und politische Unabhängigkeit ist aber eine steile Behauptung. War das Land Bremen nicht das Land, wo linke Faschos einen AfDler fast totgeschlagen haben?

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

Werben auf MEEDIA
Meedia

Meedia