Anzeige

Menschen und Marken

Die letzte Generation braucht Hilfe

Frank Dopheide – Illustration: Bertil Brahm

Ob in der Politik, Wirtschaft oder Religion – die zukünftigen Betroffenen sitzen nicht mit am Tisch, schreibt MEEDIA-Kolumnist Frank Dopheide. Er fordert, der Jugend mehr Mitbestimmung zu geben.

Anzeige

Im Iran befreien sich Teenager von Kopftuch und uralten Glaubenssätzen und riskieren alles für ihre Vorstellung vom Leben – ihr Leben nämlich. In Amerika kämpft ein fast achtzigjähriger Präsident um die Position als führende Wirtschaftsmacht der Welt. In Großbritannien haben die Alten gegen den Willen der Jungen das Land aus der Europäischen Union abgemeldet, England in eine Regierungskrise nach der anderen gestürzt und das englische Pfund gleich mit runtergewirtschaftet.

Der Machthaber, der heute am Ruder steht und den Kurs für die Zukunft setzt (und notfalls mit Gewalt durchsetzt), hat biologisch mit der Welt von morgen nichts zu tun. Er wird dort nur zur ewigen Ruhe gebettet, die Jugend aber muss seine Entscheidungen tragen und ertragen.

„Die Zukunft ist auch eine kommunikative Aufgabe.“

Ob in der Politik, der Wirtschaft, der Religion – ob beim Thema Gesundheit, Rente oder Klima. In welche Richtung wir auch blicken, die zukünftigen Betroffenen sitzen nicht mit am Tisch. Genau genommen sind sie nicht einmal im gleichen Raum. Das ist auffällig, falsch und ein wachsendes Problem. Das gilt übrigens auch für unsere Branche. Die „Tagesschau“ spricht von einem Schritt Richtung Zukunft, wenn sie die männlichen Sprecher von der Krawattenpflicht befreien. Kommunikation und Werbung sind alt geworden. Die jungen Wilden sind auch in unserer Branche weit und breit nicht zu sehen. Der Zeitgeist ist zwar Teil des Geschäftsmodells, aber er bekommt keine Festanstellung. Wir Kommunikatoren haben versagt und das hat dramatische Auswirkungen für die Unternehmen, die Gesellschaft und die Zukunft selbst. Die Welt der Kommunikation und ihre Kunden drehen sich schon seit Jahren in erster Linie um sich selbst. Es ist uns nicht in gelungen, die wichtigsten Stimmen der Zukunft mit an den Tisch zu bringen, ihnen Gehör und eine Plattform zu schaffen. Die Erfahrenen hocken vor dem Fernseher, der Zeitung und dem Rechner, mitten in der schallschutzgedämmten Filterblase. Nichts dringt zu ihnen durch.

Die Probleme der Zukunft sind gewaltig und scheinen jede Minute weiter zu wachsen. Damit ist die Jugend tagtäglich konfrontiert, ohne dass sie eine echte Gelegenheit bekommt, sich zu artikulieren oder in welcher Form auch immer zu aktivieren. So ist die Depression oder die Revolution programmiert. Selbstwirksamkeit heißt das psychologische Wirkprinzip. Habe ich das Gefühl, mein Tun selbst bestimmen zu können, die Welt durch mein Agieren selbst ein bisschen verändern zu können, dann halte ich eine Menge aus und kann viel bewirken. Ohne diese Möglichkeit, die eigene Wirksamkeit zu erleben, wird ein Mensch oder eine Gesellschaft krank.

So formt sich eine neue Kraft: die letzte Generation. Der Oberstufenschüler und die Romanistikstudentin werden zu Aktivisten. Jetzt geht es um alles. Das Endspiel um die Zukunft. Wenn sich in diesem Szenario die Angst, die Energie und der Einsatzwille der jungen Generation ihren Weg bahnen – Kartoffelbrei auf Kunstwerke geschleudert wird und Straßen blockiert werden, dann sind der Aufschrei, das Kopfschütteln und die Besserwisserei groß. Die Erkenntnis, dass die jungen Aktivisten Teil des Gesprächs und der Entscheidung sein müssen, bleibt dagegen klein.

Die Zukunft ist auch eine kommunikative Aufgabe. Sie ist damit unser Job. Jedes Unternehmen, dass in Zukunft noch eine Rolle spielen will, braucht die jungen Menschen – als Mitarbeiter:in, Kund:in und gesellschaftlichen Anker.

Just do it. Beginne bei jedem Kunden, der Jugend kommunikative Brücken, Bühnen und Formate zu bauen. In der Diskussion um die Zukunft ist sie die wichtigste Stimme. Verleihen wir ihr mehr Gewicht und Raum. Sorgen wir dafür, dass ihre Stimme bei Zukunftsthemen doppelt zählt – schließlich sind sie auch doppelt und dreifach betroffen. Kommunikation ist der Anfang von allem. Das ist unser Job. Das ist der Beginn von Zukunft.


Frank Dopheide war Chairman von Grey und Geschäftsführer beim „Handelsblatt“. Zuletzt hat er die Purpose-Agentur Human Unlimited gegründet. Für MEEDIA schreibt er über Menschen, Marken und Menschenmarken.

Anzeige