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Newsonomics

Gruner + Jahr: Mission am Ende

Franz Sommerfeld – Illustration: Bertil Brahm

Der Verlag Gruner + Jahr hatte eine Mission. Er begleitete die Bürger der Bundesrepublik nach dem Krieg. Die digitale Revolution bot eine ähnliche Chance für das Medienhaus, die aber nicht ergriffen wurde. Unser Kolumnist Franz Sommerfeld weiß, woran es fehlte.

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Anfang der Neunzehnhundertneunziger nahm ich an einer Probe ostdeutscher Weine in Bremens bestem Restaurant Grashoff mit Gert von Paczensky, Angelika Jahr-Stilcken und anderen für das Magazin „Essen und Trinken“ teil. Als Beitrag zur Einheit wollten sie ostdeutsche Weine fördern.

Das war typisch Gruner + Jahr. Der Verlag verstand es nicht nur, prächtige Gewinne zu erzielen und gut zu unterhalten, sondern er hatte auch eine Mission. Wie kein anderer begleitete und förderte er die Westwerdung der Bundesbürger nach dem Krieg. „Essen und Trinken“ lehrte die Deutschen, trockene Weine zu trinken, und brachte französische und italienische Rezepte in deutsche Küchen; so wurden fremde Gewürze und unbekannte Früchte hier zu Lande heimisch. „Schöner Wohnen“ vertrieb den Gelsenkirchener Barock durch die Moderne. „Brigitte“ förderte das Leitbild der selbstbestimmten Frau. „Geo“ weitete den Blick auf die Welt; seine Ästhetik setzte Maßstäbe. Und der „Stern“, der alles miteinander verband, stand für die liberale Moderne.

Sie trugen dazu bei, das alte Vorkriegsdeutschland auszuschwitzen, langsam, aber nachhaltig, voran getrieben durch Menschen wie Angelika Jahr-Stilcken, Henri Nannen oder Rolf Gillhausen. Reinhard Mohn, der Bertelsmann zu einem internationalen Medienhaus formte, schrieb gar ein Buch über „Die gesellschaftliche Verantwortung des Unternehmers“.

Als diese publizistischen Missionare in die wohlverdiente Betriebsrente gingen, folgte eine neue Generation, der das Gespür für den Geist der Zeit abging. Denn die Vorstellungen der Gründerjahre von Aufbruch, Fortschritt und Wachstum verfingen nicht mehr.

„Zehn Jahre lang ließ allein der Bertelsmann-Vorstandsvorsitzende Thomas Rabe die Ratlosen in Hamburg herum wursteln.“

Statt dessen waren die ersten Vorläufer der digitalen Revolution zu erkennen, einer Umwälzung, die Arbeit, Alltag und Leben der Menschen grundlegend umstürzen sollte. Damit bot sich einem Haus mit einem Portfolio wie Gruner + Jahr eine historische Chance. Wieder hätten sie die Menschen bei einer Neuaufstellung begleiten, beraten, unterhalten und damit gute Gewinne erzielen können. Aber das Erfolgsrezept von Gruner + Jahr liess sich nicht wiederholen, weil Journalisten und Manager fehlten, die den Nerv der Zeit überhaupt wahr nahmen. Es gab keinen verlegerischen Mark Zuckerberg oder Steve Jobs, der das Erbe Henri Nannens und anderer aufzunehmen verstand, auch keine Nummer kleiner.

Das war kein Naturgesetz. „Spiegel“ und „Zeit“ zeigten, wie ein digitaler Wandel gelingen kann. Aber ganze zehn Jahre lang ließ allein der Bertelsmann-Vorstandsvorsitzende Thomas Rabe die Ratlosen in Hamburg herum wursteln. Erst jetzt zieht Rabe die Reißleine und gibt den Konkursverwalter. Die meisten Titel werden verramscht, die anderen erst einmal erhalten. Rabe will in seinen Amtszeiten ungern „Stern“ oder „Geo“ einstellen; so viel Glanz ist dann doch noch.

PS: Die Weinprobe erschien nie, weil die Ergebnisse so schlecht ausfielen und „Essen und Trinken“ den ostdeutschen Winzern nicht schaden wollte. Heute bestelle ich gerne ihre Weine. Die Winzer haben ihre Zeit genutzt. Anders als Gruner+Jahr.


Franz Sommerfeld war viele Jahre Chefredakteur deutscher Zeitungen wie der „Mitteldeutschen Zeitung“ und des „Kölner Stadt-Anzeigers“. Später war er Vorstand der Mediengruppe M. DuMont Schauberg. Für MEEDIA schreibt er über die Zeitungs- und Zeitschriftenbranche. Seine Kolumnen finden Sie hier.

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