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Gastbeitrag

Quiet Quitting: die Rache der Gen Z

Das Phänomen Quiet Quitting wird auch in Agenturen und Medienbetrieben heiß diskutiert - Foto: Imago

Der deutsche Arbeitsmarkt steht vor einer massiven Herausforderung: Quiet Quitting. Ein Generationenkonflikt, der Geschäftsmodelle bedroht und Führungskräfte an den Rand der Verzweiflung bringt. Für MEEDIA analysiert Oliver Blecken das Phänomen in einem Gastbeitrag.

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Nach einer aktuellen Studie von Gallup sind in den USA derzeit nur noch ein Drittel der Arbeitnehmenden aktiv in ihrem Job engagiert – über die Hälfte gehört mittlerweile zu den sogenannten „Quiet Quittern“: Quiet Quitters leben und arbeiten nach dem Motto: “I am not going to fucking kill myself over a job that doesn’t care about me as a human being!” Warum soll ich den Profit Anderer maximieren, wenn ich selbst davon nichts habe? Und wie kann es überhaupt sein, dass ich als „Quitter“ bezeichnet werde, wenn ich genau den Job mache, für den ich bezahlt werde?

Oliver Blecken hat lange in Management-Positionen für Agenturen in Deutschland und international gearbeitet. Heute hilft er als Coach und Mediator Führungskräften und Teams dabei, Herausforderungen und Krisen zu meistern. Für MEEDIA schreibt er u.a. die Kolumne „Führungsfragen – Foto: privat

Quiet Quitters leisten Dienst nach Vorschrift: Arbeiten von Neun bis Fünf, übernehmen keine Zusatzaufgaben, leisten keine Überstunden, beantworten keine Emails am Abend oder Wochenende. Socializing mit den KollegInnen gibt es auch nicht. Sie sorgen mit minimalem Aufwand für maximalen Ertrag.

Das bedeutet nicht, dass sie ihren Job nicht mögen. Viele machen ihn gern und fühlen sich zu Höherem berufen: ca. 60 Prozent der Hochschulabsolventen in Deutschland sind davon überzeugt, dass sie für Führungspositionen in Unternehmen qualifiziert sind. Entsprechend sind auch ihre Gehaltsforderungen: Ein Bachelor verdient heute in seinem ersten Job durchschnittlich 42.169 Euro, ein Master kommt auf 47.370 Euro, Wirtschaftsingenieure sogar auf 52.832 Euro. Dazu kommt, dass in manchen Branchen Talente ihre Gehälter innerhalb weniger Jahre verdoppeln können.

Auch deshalb sind viele Quiet Quitters im ständigen Kündigungsmodus – denn der Arbeitsmarkt bietet ihnen genug Alternativen. Firmen suchen händeringend nach Fachkräften. Bekommen sie ein besser dotiertes Angebot, ist ihr Wechselwille groß. Eine Horrorvorstellung für Unternehmen in Branchen, die auf das überdurchschnittliche Engagement ihrer Angestellten angewiesen sind.

Führungskräfte zwischen Ignoranz und Verzweiflung.

Nicht nur für Unternehmen ist Quiet Quitting eine große Herausforderung. Es ist ein Stresstest für viele Teams, die nicht homogen besetzt sind. In denen einige das Gefühl haben, sie müssten für die anderen – in ihren Augen egoistischen, unsolidarischen und faulen – KollegInnen mitarbeiten. Das führt zu Frust und Ärger. Dann sind die Führungskräfte gefragt.

Zum Autoren

Oliver Blecken arbeitete nach dem Jura-Studium und einer Ausbildung zum Werbekaufmann 26 Jahre lang in Top-Management und Führungs-Positionen in Deutschland, Russland, Ungarn und der Schweiz (u.a. bei Mediacom, JWT Germany, Mindshare). 2019 bildete er sich weiter , u.a. zum zertifizierten Mediator und systemischen Coach. Seither arbeitet er in dieser Funktion für Firmen, Teams und Einzelpersonen. Im Juli 2020 gründete er die „Coaching Experten“ – einen Verband unabhängiger Coaches, Mediatoren, Trainer und Berater. Neben seinem Job ist er ehrenamtlich in der Telefonseelsorge und der Psychosozialen Notfallversorgung tätig.

Die Reaktionen von Führungskräften auf das Phänomen sind sehr unterschiedlich. Sie reichen von Ignorieren über Kritisieren bis hin zu purer Verzweiflung. Da sind die Chefs, die sagen, das habe es ja schon immer gegeben, Stichwort „Innere Kündigung“. Das seien halt die „Unternehmensbewohner“, die man schon immer mitgeschleppt habe. Diesen Chefs wünscht man, dass sie möglichst nur noch wenige Jahre bis zur Rente vor sich haben, weil sonst sie und ihre Unternehmen unsanft in der Realität erwachen werden.

Dann sind da die Verzweifelten. Eine Managerin schilderte mir neulich, wie sie jeden Morgen in die Augen ihrer Junioren schaut: „Das sind alles Quiet Quitters“ seufzt sie. Und obwohl sie einen sehr werteorientierten, empathischen und kooperativen Führungsstil pflegt, stößt sie bei diesen Mitarbeitenden regelmäßig an ihre Grenzen.

Arianna Huffington, Gründerin der „Huffington Post“, kritisiert die Quiet Quitters drastisch. Diese würden sich innerlich nicht nur von ihrem Job verabschieden, sondern auch anfangen, sich von ihrem Leben zu verabschieden. Selbsternannte „New Work ExpertInnen“ attestieren, dass Distanz zum Job zwar kurzfristig guttun könne, mittel- bis langfristig aber schädlich für Karriere und Unternehmen sei. Wem sein Job nicht gefalle, der solle sich doch einen anderen suchen. CEOs werfen den Quittern mangelnde Partizipation vor: Wenn man sich bei der Arbeit nicht engagieren würde, könnte man das Arbeitsumfeld auch nicht zu einem besseren verändern.

Ob Quiet Quitters sich die Ratschläge dieser Führungskräfte, die jeden Monat das zehn- bis hundertfache ihrer Mitarbeitenden verdienen, zu Herzen nehmen, darf getrost bezweifelt werden.

Boomer und Gen X: Eure Arbeitsmoral ist passé!

Für manche Menschen ist Quiet Quitting die letzte Rettung vor dem Burnout. Über Jahre haben sie sich über Gebühr engagiert, jetzt sehen sie nur noch Vollbremsung und Dienst nach Vorschrift als Ausweg, um nicht gesundheitlich auf der Strecke zu bleiben. Deshalb ist es überfällig, dass Unternehmen sich mit dem Thema „Mental Health“ ihrer Mitarbeitenden beschäftigen. Dabei kann man allen daran Beteiligten nur wünschen, dass den Worten und Ankündigungen dazu mehr Greifbares folgt als ein zusätzlicher freier Mental-Health-Day im Jahr.

Natürlich haben auch die letzten zweieinhalb Jahre diesen Trend beschleunigt. Zu Beginn der Pandemie gab es in der Gesellschaft ein großes Gefühl der Solidarität. Heute, verstärkt durch die wirtschaftliche Entwicklung seitdem Russland den barbarischen Krieg gegen die Ukraine begonnen hat, sind viele Menschen egoistischer und schauen zuerst auf ihre eigene Situation.

Die Ursache liegt meines Erachtens jedoch tiefer. Es handelt sich um einen Generationenkonflikt. Denn wenn Boomer und Gen X vor 20 Jahren bei ihren Erzählungen von durchgearbeiteten Wochenenden und Nächten bei Gesprächspartnern noch Respekt und Anerkennung ernteten, blicken sie dabei heute nur noch in die ungläubigen und verständnislosen Gesichter der Gen Z.

Jede Generation benötigt zur Selbstfindung die Abgrenzung zur vorigen Generation. Alte Werte und Normen werden abgelehnt, teilweise werden radikale Gegenpositionen bezogen. Diese Abgrenzung findet immer auch im beruflichen Kontext statt.

So war es mit den 68ern, die als sozial und politisch motivierte Gegenbewegung zu ihren Eltern den Marsch durch die Institutionen antraten.

So war es mit Boomern und Gen X, die eine hedonistische Popkultur prägten und sich als Yuppies der Karriere und dem Konsum verschrieben.

So war es mit der Gen Y, die der Hustle-Culture eine Absage erteilten und ihr die Work-Life-Balance als fundamentalen Bestandteil der Lebensplanung entgegensetzten.

Und jetzt ist da die Gen Z, für die nicht mehr Work-Life-Balance, sondern Work-Life-Separation zählt. Die den vorigen Generation entgegnet: Wir machen bei eurem Wahnsinn nicht mehr mit! Und es dank Fachkräftemangels in vielen Branchen auch nicht müssen.

Ein Weckruf für Unternehmen.

Viele Unternehmen versuchen jetzt, der Arbeit ihrer Mitarbeitenden durch einen ambitionierten Unternehmens-Purpose mehr Gewicht und Bedeutung zu verschaffen. Doch Angestellte sind nicht naiv und wissen, dass in einer kapitalistischen Gesellschaft der echte Purpose eines Unternehmens immer erst einmal der ist, möglichst viel Profit für die Shareholder zu generieren. Und dem Marketing-Unternehmens-Purpose entgegnen sie: „Das ist euer Purpose, nicht meiner“. Denn Quiet Quitters haben ihren eigenen Arbeits-Purpose klar vor Augen. Der Sinn ihrer Arbeit liegt darin, genug Geld zu verdienen, um sich außerhalb der Arbeit ein schönes und erfülltes Leben zu ermöglichen.

Unternehmen müssen jetzt umdenken. Sie müssen ihre Haltung ändern. Sich von der aus der Zeit gefallenen Vorstellung verabschieden, dass das zeitliche Engagement bei der Arbeit ein Maß der Arbeitsleistung ist. Oder dass Mitarbeitende immer die „Extra Meile“ gehen müssen, um Karriere zu machen.

Unternehmen sollten ihre Ziele hinterfragen und justieren. Denn die Gen Z zeigt einer dysfunktionalen Leistungsgesellschaft ihre Grenzen auf. Aber vor allem müssen Unternehmen ihre Führungskräfte ermächtigen und ermutigen, sich mehr um die Angestellten zu kümmern. Denn nur im direkten Umgang können diese die individuellen Wünsche und Bedürfnisse ihrer Mitarbeitenden verstehen und einen Weg finden, diese mit den Unternehmenszielen in Einklang zu bringen.

In vertraulichen Gesprächen höre ich übrigens von vielen „alten Hasen und Häsinnen“, dass diese neue Generation das ja eigentlich ziemlich richtig mache. Und sie sich von diesem Verhalten auch gerne ein Scheibe abschneiden würden. Damit wären die Generationen vielleicht doch nicht so weit voneinander entfernt und eine Versöhnung für die Zukunft nicht ausgeschlossen. 

Letztlich gilt auch hier, was wir in vielen anderen Bereichen gesellschaftlichen Lebens beobachten können: Die innere Haltung ist entscheidend. Eine Verständigung ist möglich, wenn man aufeinander zugeht, einander zuhört, keine Lager bildet, und Konflikte konstruktiv austrägt. Miteinander statt gegeneinander.

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