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Abschied zum Monatsende

ZDF-Chefredakteur Peter Frey: In diesem Punkt hätte ich „noch energischer sein müssen“

Peter Frey geht als ZDF-Chefredakteur in Rente - Foto: ZDF/Laurence Chaperon

Schröder, Merkel, Scholz: Peter Frey hat die mächtigsten Politiker des Landes interviewt. Warum dem ZDF-Chefredakteur, der jetzt in Rente geht, das Bild eines Boxers in Erinnerung bleibt und welche die größte Baustelle ist, die er seiner Nachfolgerin hinterlässt.

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Im heimischen Arbeitszimmer in Mainz wird der Brief seinen Platz finden. All die Jahre war er samt Umschlag und Briefmarke an einer Wand im Büro von ZDF-Chefredakteur Peter Frey eingerahmt. Der 65 Jahre alte Journalist wirkt stolz und ergriffen, als er im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur vom Absender erzählt. Frey liest den Brief vor. Er stammt von der Mainzer Schriftstellerin Anna Seghers aus dem Jahre 1980.

Darin lobt sie einen Hörfunkbeitrag des 22-jährigen Studenten. Als Mitarbeiter für den SWR hatte Frey die bis dahin kaum bekannte Geschichte des Nazi-Konzentrationslagers Osthofen bei Worms rekonstruiert – Schauplatz von Seghers Roman „Das siebte Kreuz“. Das war am Anfang seiner Karriere und im Gespräch bekommt man das Gefühl: Es war mit ausschlaggebend, dass er diesen Berufsweg einschlug.

Obwohl das im Kalten Krieg verpönt war, besuchte Frey die Schriftstellerin sogar in Ost-Berlin, wie er erzählt. „Ich wollte ja was von ihr hören, aber sie hat praktisch nichts gesagt. Sie hat mich nur nach Mainz gefragt. Sie wollte mit jemandem sprechen, der über ihre Heimatstadt berichtet.“ Er sagt rückblickend: „Das war eine echte starke Motivation, in diesen Beruf reinzugehen.“

1982 erstmals beim ZDF

Er ist einer der bekanntesten TV-Journalisten geworden, Ende September geht er in Rente. Der gebürtige Bingener interviewt in höflichem, klarem und forderndem Ton Politiker. Er präsentiert Sommerinterviews und kommentiert im „heute journal“. Bei Großereignissen geht er vor die Kamera, zuletzt in London zum Begräbnis der Queen.

Frey, der mit seiner Ehefrau eine Tochter hat, hätte sich auch vorstellen können, Zeitungsjournalist zu werden. Letztlich habe er pragmatisch gehandelt: „Ich bin dort geblieben, wo man mir eine Perspektive geboten hat. 1982 habe ich eine Hospitanz beim ZDF gemacht, und im Anschluss an einen Auslandsaufenthalt hat sich dann das ZDF bei mir gemeldet. So bin ich beim Fernsehen gelandet.“ Frey studierte Politikwissenschaft, Pädagogik und Romanistik und schrieb eine Doktorarbeit.

Bekannt ist der Katholik auch durch die ZDF-Interviewreihe „Was nun?“ im Duo mit Bettina Schausten, die seine Nachfolgerin wird (MEEDIA berichtete). Die Liste seiner Stationen bei dem öffentlich-rechtlichen Sender in Mainz ist lang: Unter anderem war er Vize-Leiter des Studios Washington. Er entwickelte das Europamagazin „heute – in Europa“ ebenso wie das „ZDF-Morgenmagazin“. Er war Leiter des Hauptstadtstudios. Gab es eine Sendung, die er gerne ins Programm gebracht hätte, es aber nicht schaffte? „Ein europäisches Journal, zu einer prägnanten Sendezeit.“

Start als Chefredakteur von Skandal überschattet

Sein Start als Chefredakteur 2010 war von einem Skandal überschattet, der dem Sender noch lange in den Knochen steckte – und der Politik: Eine CDU-nahe Mehrheit im ZDF-Kontrollgremium Verwaltungsrat hatte den Vertrag von Chefredakteur Nikolaus Brender nicht verlängert. Der Fall führte dazu, dass das Bundesverfassungsgericht die politische Präsenz im Gremium einhegte.

Frey wurde Brenders Nachfolger und startete nicht unbelastet. Beispiel aus dem Medienecho: Der Ex-Geschäftsführer des Adolf-Grimme-Instituts und Medienwissenschaftler Bernd Gäbler schrieb damals in einer Kolumne im „Stern“: „Lieber Herr Frey, jetzt sind Sie also der von Roland Koch tolerierte Sozialdemokrat. Das ist Ihre Rolle im ZDF-Farbenspiel. Tun Sie erstens sofort alles, um diesen Eindruck zu zerstören.“

48 Mal Merkel, 0 Mal Papst

48 Mal interviewte Frey Angela Merkel. Geklappt hat es nie mit einem Gespräch mit Papst Johannes Paul II., was er sich gewünscht hätte. „Merkel hat mir auch wegen des Dauerlaufs, den sie absolviert hat, imponiert.“ Frey sagt über TV-Interviews: „Man darf nicht unterschätzen, was für eine Anstrengung das für die Politik bedeutet, sich einer solchen Situation im Fernsehen auszusetzen.“ Ein Bild ist ihm im Gedächtnis geblieben: 2002, sein erstes Sommerinterview mit Bundeskanzler Schröder im Garten des Bundeskanzleramts.

Weil das TV-Team schon früher mit dem Aufbau fertig war, wollte er Bescheid geben – so berichtet es Frey. „Dann bin ich in meiner Naivität und Unerfahrenheit im Kanzleramt in den siebten Stock gefahren. Die Tür war offen, das Sekretariat war leer. Und dann stand Gerhard Schröder an diesem bodentiefen Fenster mit den Händen in den Hosentaschen und guckte nach draußen. Es war so, als würde ich in die Privatsphäre von jemandem eindringen. Das würde ich nie mehr machen. Es war ein Anfängerfehler.“ Frey sagt, das Ganze habe ihm gezeigt, welche Konzentration es braucht, um solch ein Interview zu führen. „Gerhard Schröder stand da und hat Kraft gesammelt. Er stand da wie ein Boxer vor dem Kampf.“

Sein Job als Chefredakteur war es auch, Reformen anzuschieben. Über seinen eigenen Führungsstil sagt er: „Ich bin strenger als ich mich für streng halte.“ Was ihm besonders viel Kraft abverlangt habe? „Die Einstellung des Frauenmagazins ‚Mona Lisa‘ (MEEDIA berichtete) war ein echter Kraftakt, weil das ein Titel war, mit dem sehr viele viel verbunden haben.“ Ob er etwas bereue? „Es gibt schon Personalentscheidungen – da ist man im Nachhinein schlauer.“ Und: „Wahrscheinlich hätte ich, was das Umsteuern der Kräfte vom Fernsehen in den Onlinebereich angeht, noch energischer sein müssen.“ Dies sei die größte Baustelle, die er hinterlasse.

„Peter Frey war in das Gelingen verliebt“

Nachgefragt bei der Konkurrenz, schreibt Ex-ARD-Chefredakteur Rainald Becker der dpa: Er habe Frey als hochprofessionellen Journalisten und fairen Gesprächspartner kennengelernt. „Auch als Konkurrent und Wettbewerber gab es nie auch nur den Versuch, die ARD oder mich persönlich über den Tisch zu ziehen.“ Becker ergänzt: „Ob bei den Vorbereitungen zu ‚Berliner Runden‘, bei Absprachen zu Live–Übertragungen oder bei der Vorbereitung von Wahlsendungen, immer ging es um die Sache, um die journalistische Qualität, um den Erfolg bei Zuschauerinnen und Zuschauern. Peter Frey war in das Gelingen verliebt, welches System am Ende die Nase vorn hatte bei der Zuschauergunst war zweitrangig.“ Und: „Er griff auch zum Hörer oder schrieb eine Mail, kurzum, meldete sich, wenn ihm bei der ARD etwas als positiv und gelungen aufgefallen war.“

Was kommt ab Oktober? Frey kann sich vorstellen, vielleicht als Dozent an einer osteuropäischen Uni zu arbeiten.

von Anna Ringle und Peter Zschunke

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