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Die GAFAM-Kolumne

Sind Sie auch ein bisschen Netflix-müde?

BigTech Weekly

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Netflix oder nicht – das ist die Frage, die sich immer mehr Zuschauer stellen. Die jüngste Quartalsbilanz macht wenig Hoffnung auf eine schnelle Trendwende. Netflix leidet an einer Übermacht an alten und neuen Wettbewerbern – und der Übersättigung der Gen Z.

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Sind Sie noch Netflix-Kunde? Die vor Jahren undenkbare Frage muss ernsthaft gestellt werden, denn die Verluste werden größer. 200.000 zahlende Mitglieder gingen im ersten Quartal verloren, fast eine Million nun schon im zweiten Quartal, wie der Streaming-Pionier Dienstagabend nach Handelsschluss im Rahmen seiner neusten Quartalsbilanz bekannt gab.

Ich selbst zähle noch zu den 220 Millionen Abonnenten, die jeden Monat 13 Euro nach Los Gatos überweisen – aber nicht mehr aus Überzeugung, sondern durch kindlichen Nachdruck. Den übt mein dreieinhalbjähriger Sohn aus, der ziemlich quengelig wird, wenn er nicht einmal am Tag „Paw Patrol“ oder „Bobo“ sehen kann. Ich weiß, was Sie jetzt denken – und Sie haben nicht unrecht. Kinder und TV: keine gute Idee. Das stimmt, aber das Leben besteht eben aus Kompromissen, und so kommt es, dass der beste Netflix-Kunde in unserer Familie ein Kleinkind ist, das jeden Tag für eine halbe Stunde glücklicher Zuschauer des Streaming-Platzhirsches ist.

Würden meine Frau und ich Netflix nach inzwischen acht Jahren das Abo kündigen oder zumindest pausieren? Gut möglich, denn einen Mehrwert habe ich in den vergangenen Monaten nicht aus Netflix gezogen, was dem Sommer und dem Urlaub geschuldet sein mag, aber ich kann mich tatsächlich nicht an die letzte Serie erinnern, die ich durchgebinged habe. („King of Stonks“ ist zumindest auf meiner Watchlist.)

TV-Landschaft im Schockzustand

Wie bei so vielen First Mover-Angeboten in der Techbranche gab es bei Netflix eine Hype-Phase, die nach dem Sensationserfolg von „House of Cards“ Mitte des vergangenen Jahrzehnts auch in Deutschland begann. (Netflix launchte hierzulande im September 2014.) Das Angebot wurde schnell umfangreicher, auch wenn die Qualität oft zu wünschen übrig ließ. Weil die Konkurrenz aus der etablierten TV-Landschaft zunächst im Schockzustand erstarrt zu sein schien, und es tatsächlich ein erhebliches Budget und Commitment braucht, eine eigene Bibliothek aufzubauen, die es mit Netflix aufnehmen kann, hatte der Streaming-Pionier in den 10er-Jahren freie Fahrt. Keine Frage: Reed Hastings hat bei seiner Internationalisierungsstrategie viel richtig gemacht, wie regionale Achtungserfolge wie „Dark“ oder „Squid Game“ bewiesen. Das vergangene Jahrzehnt war Netflix‘ goldene Dekade.

Dass Erfolge zu wiederholen, in eine andere Kategorie fällt, als einen Überraschungshit zu landen, weiß jeder Leistungssportler. An Netflix wird anno 2022 nicht weniger als die Erwartung des Goldstandards gestellt, der von allen Streaming-Anbietern auch mit ziemlich goldener Preisschleife daherkommt, wenn man die beliebte Standard-Abo-Variante von 13 Euro pro Monat zugrunde legt. (Auch ein Basis-Abo in SD-Qualität ist für 8 Euro möglich.) Netflix ist längst kein cooler Angreifer mehr, sondern Verteidiger des Throns.

Herausforderer mit tiefen Taschen

Auf der Herausfordererseite befinden sich indes absolute Weltkonzerne, die es sich über Jahre leisten können zu attackieren – und die man sich für monatliche Abo-Preise von 5 Euro (Apple TV) oder 9 Euro im Monat ebenfalls durchaus schnell leisten kann. Apple gewann dieses Jahr mit „Coda“ bereits den Oscar für den Film des Jahres, während es Disney+ nach gerade einmal 30 Monaten bereits auf 130 Millionen Abonnenten bringt. Entsprechend verwundert nicht, dass Disney+ oder Apple TV+ auf ein neues Serienpublikum stoßen, die nach Jahren des exzessiven Bingewatchings schlichtweg Netflix-müde sind. Erschwerend kommt zudem auf dem Heimatmarkt die Streaming-Offensive der Traditions-TV-Sender in Form von Peacock (NBCUniversal), Paramount+ (Viacom CBS), Discovery+ und HBO Max (beide WarnerMedia) hinzu.

Hat Netflix angesichts der plötzlichen Aufholjagd immer hockkarätiger Konkurrenten damit seine besten Tage hinter sich? Zumindest aus Aktionärssicht sieht es so aus. Kostete eine Netflix-Aktie im vergangenen November noch 700 Dollar und zu Jahresbeginn 600 Dollar, waren es im Mai gerade mal noch 162 Dollar. Der absolut atemberaubende Absturz von 77 Prozent in knapp einem halben Jahr hat mehr als 200 Milliarden Dollar an Börsenwert ausradiert.

Auch die leichte Erholung in Reaktion auf das jüngste Zahlenwerk für das zweite Quartal hat bislang für nicht mehr als kosmetische Korrekturen gesorgt. Die Netflix-Aktie hat zwar mit der Techbörse Nasdaq in den vergangenen Wochen an einer Sommer-Erholungsrally partizipiert, bringt es nach einem Kurszuwachs von rund 30 Prozent seit Mitte Mai dennoch weiterhin nur auf Kurse von 215 Dollar und einen Börsenwert von weiterhin unter 100 Milliarden Dollar. Erzrivale Disney, den Netflix in den vergangenen Jahren kurzfristig als wertvollsten Medienkonzern abgelöst hatte, wird an der Wall Street mit 188 Milliarden inzwischen wieder (fast) doppelt so hoch bewertet.

Tatsächlich sind Reed Hastings‘ aktuelle Argumente in Dollar und Cent nicht gerade berauschend. Netflix‘ Umsätze legten im Dreimonatszeitraum von Anfang April bis Ende Juni mit 8,6 Prozent so geringfügig zu wie nie in der Streaming-Ära des ehemaligen DVD-Versenders (und blieben unter den Wall Street-Erwartungen). Ja, Netflix verdient mit 1,44 Milliarden Dollar unterm Strich gutes Geld, kann den Nettogewinn indes nur noch marginal gegenüber dem Vorjahreszeitraum steigern – und das auch nur wegen der Bilanzierungsarithmetik. (Neubewertung des Schuldenstands).

Die Turnaround-Aussichten gestalten sich unterdessen schwierig. Im laufenden Quartal bleibt Netflix mit seinen eigenen Umsatzerwartungen von 7,84 Milliarden Dollar gar unter dem jüngsten Dreimonatszeitraum und deutlich unter den Wall Street-Schätzungen. CEO Hastings stellt zwar eine Rückgewinnung der verlorenen Million Abonnenten per Ende September in Aussicht, doch damit würde Netflix 2022 immer noch weniger zahlende Mitglieder verbuchen als Ende 2021.

Hoffnungsträger Werbung

Wird es nächstes Jahr besser? Hoffnungsträger ist die Abo-Werbe-Variante in Kooperation mit Microsoft, die Anfang 2023 an den Start gehen soll. Und da sind die Bemühungen, dem Passwort-Sharing mit einem „Freundes-Abo“ einen Riegel vorzuschieben. Klingt nach Stöckchen, über die Analysten und Aktionäre springen könnten, doch der Effekt bleibt in der Praxis offen, zumal eine weitere Abonnentenabwanderung einer zunehmend saturierten Zuschauerschaft droht.

Ein immer gefährlicherer Gegner, der bei den vor allem jüngeren Zielgruppen die in diesen Tagen „Stranger Things“ feiert, fliegt aktuell nämlich noch unter dem Radar. Nicht andere Streamer oder YouTube saugen an Netflix die gesehenen Minuten seiner unzähligen Serien und Filme ab, sondern ein anderer, explosiver Inhalteanbieter aus Fernost mit einer Milliarde Content Creator: TikTok. Am Ende hat auch die Generation Z nur zwei Augen – und der Tag 24 Stunden.

+++ Short Tech Reads +++

Bloomberg: Apple will Einstellungen und Investitionen 2023 herunterfahren 

Es ist ein Signal für die ganze Techbranche: Selbst Apple drückt auf die Kostenbremse. Wie der stets gut vernetzte Bloomberg-Techreporter Mark Gurman berichtet, will der Branchenprimus im nächsten Jahr in einigen Geschäftsbereichen weniger Geld für neue Mitarbeiter und Forschung und Entwicklung ausgeben. Andere GAFAM-Konzerne wie Meta hatten bereits in den vergangenen Monaten Einsparungen angekündigt – Alphabet und Microsoft zogen in den letzten Tagen ebenfalls nach.  

CNBC: Snapchat kommt auf den Desktop  

Manchmal dauert es auch in der Techbranche ein bisschen länger – aber dieses Produkt-Update ist nach jedem Maßstab in seiner Langsamkeit rekordverdächtig. Elf (!) Jahre nach dem Start der Mobile-Only-App kommt Snapchat auf den Desktop – für Kunden in den USA, Kanada, Australien und Großbritannien, die bereit sind, im Monat vier Dollar für den Premium-Dienst Snapchat+ zu zahlen.  

The Verge: Tesla verkauft 75 Prozent seiner Bitcoin-Bestände

Die Geschäfte laufen immer besser für Tesla: Für das abgelaufene zweite Quartal konnte der Elektroautohersteller gestern erneut eine starkes Zahlenwerk vorlegen. Nach einer Umsatzsteigerung von 42 Prozent erlöste der sechstwertvollste Konzern der Welt knapp 17 Milliarden Dollar im Geschäftszeitraum von Anfang April bis Ende Juni und fuhr dabei einen Nettogewinn von 2,26 Milliarden Dollar.

Für Schlagzeilen abseits des Kerngeschäfts sorgte indes ein Update des Segmentes „Digital Assets“, deren Bestände sich von 1,2 Milliarden auf nur noch 218 Millionen Dollar verringerten. Der Grund: Tesla hat im zweiten Quartal 75 Prozent seiner Bitcoin-Bestände verkauft – und das auch noch mit Verlust. Elon Musk ein Jahr altes Treuebekenntnis zur wertvollsten Kryptowährung hat sich damit als nicht sehr handfest erwiesen, was von der Krypto-Community entsprechend kommentiert wurde.

+++ One more thing: Elon Musk liftet sein Shirt – und das Social Web hat seinen Payback-Moment +++

Keine Frage: Es ist heiß derzeit. Sehr, sehr heiß. In diesen Tagen fallen rundum in Europa die Hitzerekorde – und damit die Hüllen. Freiwillig hat auch der reichste Mann der Welt blankgezogen – und sich im griechischen Mykonos eine Auszeit im kühlen Nass gegönnt, wie die Boulevard-Journalisten von Page Six festgehalten haben. 

Weil Elon Musk sich höchst selten oben ohne zeigt, in den vergangenen Monaten aber so brachial wie nie auf Twitter ausgeteilt hat (und das u.a. auch zu körperlichen Merkmalen wie im Falle Bill Gates), hat sich das Social Web den Körper des 51-Jährigen sehr genau angesehen – und schnell ein hämisches Urteil gefällt. 

So vorhersehbar die Bodyshaming-Attacken, so bemerkenswert ist doch, von welcher Seite sie zum Teil kommen. So hat es sich Marketingprofessor Scott Galloway nicht nehmen lassen, einen Körperkult-Vergleich zu posten – zwischen ihm und Musk.  

Hintergrund ist die seit Monaten brodelnde Dauerfehde der beiden Alphatiere – Musk nannte Galloway bekanntlich im vergangenen Jahr einen „unerträglichen Dummkopf„, weil der Marketingprofessor Tesla 2019 auf einem Fünf-Jahrestief eine weitere Kurshalbierung prophezeit hat. Stattdessen sollte sich die Aktie in den folgenden zwei Jahren verfünfundzwanzigfachen. Musk reagierte unterdessen mit der Replik, der wolle / solle sich nun vielleicht öfter mit blanker Brust zeigen. („Free the nip“) Männer sind und bleiben bekanntlich große Jungs. 

In anderen Worten: Wir haben den Boden des Sommerlochs erreicht. Meine Empfehlung in diesen heißen Tagen lautet: Kühlen Kopf bewahren und mal wieder das Freibad Ihres Vertrauens besuchen. Ich habe es gestern Nachmittag am heißesten Tag aller Zeiten in Hamburg (40 Grad!) für Stunden getan, um meinem kleinen Sohn die unvergleichliche Freude des Planschbeckens zu bereiten – und mich dabei in Pommes-mit-Ketchup-und-Majo-Laune an meine eigene Kindheit zu erinnern.  Es sind die kleinen Dinge…

In diesem Sinne: Happy Summertime + bis nächste Woche!

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