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"Welt" und "Bild"

Gender Balance Initiative: Springer setzt auf Job-Tandems

Mitarbeiter:innen im Axel-Springer-Gebäude – Foto: Dominik Tryba/Introduce.Berlin

Axel Springer News Media National hat ein „Gender Balance“-Pilotprojekt aufgesetzt. Die ersten fünf Job-Tandems sind schon gefunden.

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Teilzeitkräfte galten früher nicht unbedingt als die Lieblinge der Personalverantwortlichen. In letzter Zeit fügt das Axel-Springer-Segment News Media National (NMN) – dazu gehören beispielsweise die Marken „Welt” und „Bild” – bei den Stellenanzeigen den Passus „Position in Vollzeit oder Teilzeit” hinzu. 

Das Springer-Angebot in den Online-Jobbörsen: „flexible Arbeitszeiten, mobiles Arbeiten und Vereinbarkeit von Job & Privatleben”, so das Versprechen. Diese verstärkte Offenheit für Teilzeit ist dem Umstand geschuldet, dass für manche Stelle nur wenige gute Bewerbungen eingehen – und mit einer reduzierten Arbeitszeit werden solche Jobs eben auch für Mütter und Väter interessant.

Um diese Konstellation für Führungskräfte attraktiv zu machen, sagt Ulrike Bergler, Vice President People & Culture bei der Division News Media National (NMN): „Wird eine Position in Teilzeit besetzt, ist sie in der Personal-Planung für zwei Jahre weiterhin als Vollzeitstelle fortgeschrieben. Es ist also eine eventuelle Nachbesetzung weiterhin in Vollzeit möglich.”

Das zuletzt gestartet „Gender Balance Initiative”-Pilotprojekt des Medienhauses geht weiter. Hier gibt es zum Beispiel ein Job-Tandem-Modell für leitende Angestellte. „Wir haben uns gefragt, warum bei Axel Springer NMN doch mehr Männer als Frauen in Führungspositionen zu finden sind. Was sind die Hürden für unsere Kolleginnen, auch eine Führungsrolle zu übernehmen, insbesondere in den Redaktionen? Unsere Beobachtung: Ganz oft geht es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie”, so Bergler. „Wir haben Workshops zum Thema Gender Balance durchgeführt und dabei den Betriebsrat von Anfang an sehr transparent eingebunden, welche Maßnahmen wir daraus ableiten.”

Stand Ende 2021: Rund 30 Prozent weibliche Führungskräfte

Im Intranet hält der Medienkonzern fest (Stand Dezember 2021): „Aktuell arbeiten bei News Media National (ohne Idealo) circa 30 Prozent Frauen in Führungspositionen und rund 40 Prozent Frauen auf Mitarbeitenden-Ebene.” Eigentlich nicht so überraschend. Ex-„Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt wurde nachgesagt, dass er sich stark auf eine Männertruppe rund um ihn herum fokussiere. „Bild”-Chefredakteurin Tanit Koch ging nach nur zwei Jahren (Januar 2016 bis zum Februar 2018). Seit Anfang 2022 ist Jennifer Wilton Chefredakteurin der Tageszeitung „Die Welt”, zur gleichen Zeit wurde Dagmar Rosenfeld Chefredakteurin der „Welt am Sonntag”. „Wir sind das, was wir sind, nicht weil wir Frauen sind und auch nicht, obwohl wir Frauen sind, sondern weil wir gut sind. Bei ‚Welt‘ sind Frauen in Führungspositionen längst selbstverständlich. Vom Wissensressort über das Forum bis hin zum Politikressort – sie werden von Frauen geleitet”, sagte Rosenfeld im MEEDIA-Interview zur Lage der weiblichen Mitarbeiter im Verlag.

Damit sich noch mehr Frauen an eine solche Rolle wagen, gibt es eben seit einigen Monaten für NMN-Führungskräfte und potenzielle Interessenten, die Möglichkeit, sich eine Position zu teilen. Eine Voraussetzung: An einem Job-Tandem muss immer mindestens eine Frau beteiligt sein. „Um die Bereiche zu ermutigen, Job-Sharing auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln, unterstützen wir die Tandem-Stellen für einen begrenzten Zeitraum finanziell, so dass zusätzliche Kosten kein Hinderungsgrund sind”, sagt Bergler. „Wir haben im ersten Schritt fünf Job-Tandems geschaffen.” Man habe bereits innerhalb der ersten Monate diese Posten vergeben und will das Angebot ausweiten.

Bei einem Job-Tandem muss immer eine Frau dabei sein

Eines des ersten Duos besteht aus zwei „Bild”-Frauen. Simone Day und Stefanie May sind seit Mai 2022 gemeinsam für die Leitung des Ressorts „Leben und Wissen“ bei „Bild” zuständig. Beide Ressortleiterinnen teilen sich die Aufgaben zu jeweils 50 Prozent. Anne Pauly und Alexandra Fehling, die Geschäftsführerinnen von Bild Hilft e.V., sind schon seit einiger Zeit ein eingespieltes Führungsteam. Aus dem HR-Bereich haben sich Lucas Galas und Anja Rädler als Co-Heads of Talent Attraction NMN für das Projekt entschieden. Das Springer-Jobsharing sieht allerdings vor, dass es keine vertragliche Kopplung der Stellen gibt. Hat einer der beiden keine Lust mehr, ist also nicht gleich der bisherige Partner betroffen. Beide Personen können in einem Umfang von jeweils bis zu 80 Prozent arbeiten.

Stefanie May und Simone Day (r.) teilen sich den Job Foto: Wolf Lux für Bild

„Von einem Job-Tandem können und sollen nicht nur Frauen profitieren, sondern natürlich auch Männer”, so Bergler. Nicht nur Väter seien daran interessiert. „Es gibt immer wieder Mitarbeitende, die ihre Arbeitszeit aus ganz persönlichen Gründen reduzieren wollen, etwa weil sie nebenberuflich einer anderen Tätigkeit nachgehen möchten, sie jemanden pflegen, oder andere Themen haben, die ihnen in ihrer aktuellen Lebensphase wichtig sind”, so Bergler. 

Job-Tandems sind aktuell vor allem für größere Unternehmen ein Thema: Jüngst verkündete Beiersdorf, dass Nadine Bartenschlager gemeinsam mit Catherine Niebuhr die Rolle des Marketing Directors Deutschland für die Marke Nivea ausfüllt. Bei Volkswagen gibt es ebenso ein Projekt mit dem Titel „Karriere mit Kind”. Der Stiftehersteller Edding geht sogar weiter: Hier teilen sich TLGG-Gründerin Fränzi Kühne und Boontham Temaismithi die neu geschaffene Vorstandsposition des Chief Digital Officers (CDO) bei der Edding AG. Bei solchen Konstellationen dürfte vor allem die Herausforderung sein, sich die Aufgaben aufzuteilen und gut miteinander zu kommunizieren. 

Bergler: „Für uns ist es wichtig, jetzt zu lernen, welche Erfahrungen diese ersten fünf Paare sammeln.” Zudem will die NMN darauf achten, dass im Bewerbungsprozess immer Kolleg:innen hinzugezogen werden, die dasselbe Geschlecht wie die zu interviewende Person haben. „Es gibt oder gab in der Vergangenheit viele Konstellationen, in denen im Wesentlichen männliche Führungskräfte den Auswahlprozess begleitet haben. Dazu kommt noch, dass sich in unserem Bereich prinzipiell mehr Männer bewerben”, so Bergler. „Hier wollen wir gegensteuern.” Damit soll also eine Frau nicht auf zwei bis drei männliche Interviewer treffen.

Welches Ziel sich Axel Springer NMN setzt

Als Ziel hat Axel Springer NMN ausgegeben: „Wir wollen ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis erreichen und streben ein Verhältnis von 50:50 an – bis Ende 2026”, sagt Bergler. Gleichzeitig soll bei der Besetzung der obersten vier Führungsebenen dokumentiert werden, warum ein Mann dafür engagiert oder befördert wurde – um für mehr Transparenz zu sorgen. Mitte 2020 hat das Medienunternehmen erstmals eine Head of Diversity and Inclusion ernannt, Sandra Subel. Ein Zeichen – auch nach außen – ist eine weitere Personalie: Zuletzt ernannte Axel Springer Niddal Salah-Eldin zum Vorstand Talent & Culture  – ein neu geschaffenes Ressort. 

Bei Stellenausschreibungen kommt das Tool Textmetrics zum Einsatz, das bei der zielgruppenspezifischeren und fairen Ansprache von Bewerber:innen unterstützen soll. Als weitere Maßnahme durchlaufen Führungskräfte spezielle Trainings für inklusive Führung. Die Arbeitgebermarke stehe „vor allem für individuelle Freiheit, die Möglichkeit, Veränderung mitzugestalten und Vielfalt zu erleben”, so Bergler. Und gerade der Anspruch „Vielfalt“ muss natürlich mit glaubhaften Handeln unterstrichen werden.

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