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Zensurvorwurf

Das sagt TikTok zur Sperrung des Melnyk-Clips aus dem Jung-Interview

Andrij Melnyk im Gespräch mit Tilo Jung – ein Clip wurde auf TikTok kurzzeitig gesperrt.

Andrij Melnyk im Gespräch mit Tilo Jung für "Jung & Naiv". Ein Clip mit umstrittenen Aussagen zu Stepan Bandera wurde auf TikTok kurzzeitig gesperrt – Foto: Screenshot YouTube Jung & Naiv

Nachdem TikTok einen Ausschnitt aus einem Tilo-Jung-Interview mit Botschafter Andrij Melnyk gesperrt hat, wurde der Vorwurf der Zensur laut. Inzwischen ist der Clip wieder live. Auf Anfrage von MEEDIA erklärt TikTok den Vorfall.

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Die Äußerungen von Andrij Melnyk hatten es in sich. Im Interview mit Tilo Jung wollte sich der ukrainische Botschafter in Deutschland nicht von Stepan Bandera distanzieren. Der ukrainische Nationalistenführer wird für den Tod zahlreicher Juden und Polen im Zweiten Weltkrieg verantwortlich gemacht. Dass genau ein Ausschnitt mit diesen Aussagen auf dem TikTok-Kanal von „Jung & Naiv“ gesperrt wurden, sorgte für Kritik. Dabei geht es um den knapp neunminütigen Ausschnitt aus dem dreistündigen Interview, in dem Melnyk seine Sicht auf Stepan Bandera als Nationalhelden verteidigt und behauptet, dass es keine Beweise für antipolnische und antisemitische Gräueltaten gebe. Tilo Jung selbst sprach von Zensur (MEEDIA berichtete).

TikTok verspricht Besserung im Bereich Richtlinien und Schulung der Teams

Inzwischen ist der Clip wieder auf TikTok zu sehen. Wie Tilo Jung auf Twitter mitteilt, wurde er ohne weiteren Kommentar freigeschaltet. MEEDIA selbst hat nach Anfrage eine Antwort von offizieller Seite zu dem Vorfall erhalten. Eine Sprecherin des Unternehmens teilte folgendes mit:

„Wir wissen, dass wir nicht immer alles richtig machen – dies ist ein komplexer und nuancierter Bereich, und wir investieren weiterhin in die Stärkung unserer Richtlinien und Durchsetzung unserer Strategien sowie in die Schulung unserer Teams.“

In der Antwort von TikTok erhielt MEEDIA außerdem weitere Erklärungen zum Hintergrund, die die Entscheidung im Einzelfall genauer beleuchten sollen. Demnach verurteile man bei der Social-Media-Plattform Antisemitismus und dulde keine Hassrede. „Wir arbeiten aggressiv gegen Hass, indem wir Konten und Inhalte, die gegen unsere Richtlinien verstoßen, proaktiv entfernen und die Suche nach hasserfüllten Ideologien auf unsere Community-Richtlinien umleiten.“ Dazu gehörten auch Inhalte, die den Holocaust und andere Völkermorde leugnen. Allerdings erlaube man Gegenreden und Inhalte, „die hasserfüllte Ideologien auf unserer Plattform verurteilen“. Aus diesem Grund habe man das Video nach erneuter Überprüfung wiederhergestellt.

Tilo Jung: „Welchen Fehler sie gemacht haben, wird verschwiegen.“

Ein Ergebnis, mit dem Tilo Jung sich alles andere als zufrieden zeigt. Gegenüber MEEDIA erklärt er auf Nachfrage, dass das Statement von Tiktok zum Himmel schreie. Er sehe hier „kein Schuldeingeständnis, keine Entschuldigung, nur ein vages ‚Wir alle machen Fehler!‘.“ Eine Erklärung, warum das Video überhaupt gesperrt wurde, fehle, so Jung.

Für den Gründer von „Jung & Naiv“ ist klar, dass die Unterdrückung journalistischer Inhalte nicht adressiert wurde. „Welchen Fehler sie gemacht haben, wird verschwiegen.“ Jung zieht in Zweifel, dass es sich überhaupt um einen Fehler gehandelt habe. Ganz im Gegenteil, vielleicht habe der TikTok-Algorithmus einfach das getan, was er machen solle. Tilo Jung sieht in den Richtlinien von TikTok und in der Durchsetzung der Strategien das eigentliche Problem, wenn dadurch „die Einschränkung von Meinungs- und Pressefreiheit auf TikTok in Kauf genommen wird“. Schließlich könne die künstliche Intelligenz nur das entdecken, was sie entdecken soll. Unterm Strich ist für ihn klar: „Die Sperrung sowie die Reaktion seitens TikTok sind inakzeptabel und einer globalen Social-Media-Plattform unwürdig.“

Vorwurf der heimlichen Zensur bei TikTok

TikTok selbst steht immer wieder wegen möglicher Zensur in der Kritik. Dem Tochterunternehmen der chinesischen Konzernmutter Bytedance wird regelmäßig Einflussnahme vorgeworfen – etwa auf die Sichtbarkeit bestimmter Userinnen und User oder auch Inhalte. So gab es Berichte, wonach die Reichweite von Konten von Menschen mit Behinderungen oder aus der LGBTQ-Community eingeschränkt wurden. Ein Rechercheverbund von NDR, WDR und „Tagesschau“ deckte erst im März auf, wie bei der Plattform Wortfilter zum Einsatz kommen, um Inhalte zu den Themen LGBTQ und Nationalsozialismus einzuschränken. Kommentare, in denen entsprechende Wörter fielen, waren nur noch für die Kommentierenden selbst sichtbar, aber nicht mehr für die ganze TikTok-Community. Diese Praxis, „Shadow-Banning“ genannt, wurde von dem Unternehmen eingeräumt. Analog ist es denkbar, dass auch im Falle des Melnyk-Interviews entsprechende Automatisierungen zum Einsatz kamen, die nach erneuter Bewertung wieder rückgängig gemacht wurden.

Hier sehen Sie das besagte Video mit Andrij Melnyk und Tilo Jung auf TikTok

@jungnaiv

Der ukrainischer Botschafter Andrij Melnyk im Gespräch mit Tilo über Stepan Bandera. Das ganze Gespräch findet ihr auf Youtube und als Podcast.

♬ Originalton – Jung & Naiv

Hier können Sie das ganze Interview von Tilo Jung mit dem ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk sehen:

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