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Newsonomics

Wohin steuert GPS den „Stern“?

Franz Sommerfeld – Illustration: Bertil Brahm

Der neue „Stern“-Chefredakteur Gregor Peter Schmitz wird GPS genannt. Ob er das Magazin sicher durch die Krise führen kann? Die ersten Titelbilder unter seiner Regie – Queen, Söder und Reichen-Steuer – wirken klassisch und stehen nicht mehr in der Tradition des NGO-Journalismus seines Vorgängers, der den „Stern“ als Instrument diverser Bewegungen verstand und dafür auch gelegentlich Bäumchen pflanzte.

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Mit der Rückbesinnung auf klassischen Journalismus stellt Schmitz eine erste Weiche, ohne damit die Frage nach dem zukünftigen Geschäftsmodell des „Stern“ beantworten zu können. Es ist kein Zufall, dass gerade ein gewiefter Werber wie Sebastian Turner, der einst mit Thomas Heilmann die Agentur „Scholz&Friends“ in die Spitzenliga katapultierte, kürzlich in der „Welt“ das Ende des werbefinanzierten Journalismus konstatierte: Drei Jahrzehnte lang, von Anfang der 1970er bis zur Jahrtausendwende, sicherte Werbung redaktionelle Qualität. Je mehr Fläche die Verlage verkaufen konnten, desto bessere Journalisten leisteten sich viele, Gruner + Jahr vorneweg.

Wer allerdings heute durch den „Stern“ wischt oder blättert, wird allenfalls noch eine Handvoll nicht aus dem eigenen Konzern stammende Anzeigen finden. Das lässt sich auch nicht mehr zurückdrehen. Die Werbung wird im digitalen Markt bleiben. Trotzdem setzen die Chefs von RTL und Gruner + Jahr auf die von ihnen durch die Fusion erwarteten sensationellen Reichweiten und damit auf das alte Modell. 

„Wer heute durch den ‚Stern‘ wischt oder blättert, wird allenfalls noch eine Handvoll nicht aus dem eigenen Konzern stammende Anzeigen finden.“

Wie dagegen ein Geschäftsmodell für hochwertigen Journalismus in digitalen Zeiten tatsächlich funktioniert, zeigen die „New York Times“, hierzulande die „Zeit“ und  – trotz Mitarbeiterbeteiligung – auch der „Spiegel“. Sie bilden die Benchmarks für die Zukunft des „Stern“. Alle verbindet der publizistische Anspruch als Kern ihrer Strategien: Journalismus first. So vermochte es der „Spiegel“, einst nur ein Wochenmagazin, an den Tageszeitungen vorbei die nationale Nachrichtenführung zu erlangen. Die „Zeit“ wiederum begleitet den Zeitenbruch mit anspruchsvollen Analysen und Diskussionen, ohne dabei auf Unterhaltung zu verzichten. 

Doch der Schlüssel für ihre erfolgreiche digitale Konversion liegt in ihren Online-Angeboten. Sie zogen – nicht ohne heftige innere Konflikte – die alten Marken aus der papiernen in die neue Welt. Sie erweiterten das klassische Profil, ohne es zu beschädigen. Ihre hochwertigen Inhalte ließen sich schließlich auch online verkaufen, die „NYT“ mit durch Algorithmen gesteuerte wechselnde Wochen-Flatrates vorneweg. Darin liegt zumindest die nächste Zukunft des Journalismus

Dagegen wirkt das Online-Angebot des „Stern“ publizistisch und ästhetisch ohne Form und Ziel. In welche Richtung sich ein digitaler „Stern“ entwickeln könnte, zeigt die jüngst entwickelte „Zeit am Wochenende“ mit ihren Inhalten und einem gekonnten, emotionalen Layout. Viele in der „Stern“-Redaktion setzen jetzt auf GPS. Er hat nun seine Chance, das alte Magazin in die digitale Zukunft zu führen. Die letzte für den „Stern“.


Franz Sommerfeld war viele Jahre Chefredakteur deutscher Zeitungen wie der „Mitteldeutschen Zeitung“ oder des „Kölner Stadt-Anzeigers“. Später war er Vorstand der Mediengruppe M. DuMont Schauberg. Für MEEDIA schreibt er über die Zeitungs- und Zeitschriftenbranche. Seine Kolumnen finden Sie hier.

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