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Gastbeitrag

Medien und die Ukraine: Grenzen zum Kriegsaktivismus scheinen fließend

Solidarität ohne Grenzen? Der ukrainische Präsident Selenskyj mit den Regierungschefs von Deutschland, Frankreich, Italien und Rumänen in Kiew – Foto: Imago

Der Ukrainekrieg beschäftigt Deutschland wie derzeit kein anderer Krieg, offenbart aber auch riskante mediale Schlagseiten. Diese zu überwinden, lohnt sich, schreibt Prof. Marlis Prinzing in einem Beitrag für MEEDIA. Das verschaffe Medien Raum für eine Schlüsselaufgabe in Krisenzeiten: Menschen resilient machen, also so robust, dass sie sich der Wirklichkeit kompetent und bewusst stellen. Aktuelle Zahlen alarmieren zu handeln.

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Von Prof.Dr. Marlis Prinzing

Auf den kritischen Blick in Daten zur Mediennutzung und Wahrnehmung der Berichterstattung seit Beginn des Ukrainekriegs folgt eine Analyse einer sich parallel zuspitzenden Schieflage mancher Medien, die Fragen aufwirft: Welche Folgen hat es, wenn sie im Solidaritätsrausch versinken, geradezu aktivistisch agieren? Das Fazit bildet ein Ausblick: Wie kann Journalismus sich seiner eigentlichen Rolle bewusst bleiben und Menschen medien- und krisenkompetenter machen?

Zur Person

Marlis Prinzing ist Studiendekanin am Campus Köln der Hochschule Macromedia, Local Head der Kölner Wirtschaftsfakultät sowie Professorin für Journalistik.

Ihre journalistische Laufbahn begann sie bei einer Regionalzeitung.

Als freie Journalistin schrieb sie für „Die Zeit“, die „Financial Times Deutschland“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.

Viele Deutsche weichen Kriegsnachrichten aus

Der Trend besteht schon länger: Menschen weichen aktiv Nachrichten aus, oftmals, um sich die Laune nicht verderben zu lassen. Unter dem Eindruck des Ukrainekriegs wuchs dieser Trend in Deutschland besonders stark: Der Anteil der Nachrichtenausweicher stieg in nur zwei Monaten um sieben Prozentpunkte und damit deutlich schneller als in den vergangen fünf Jahren, in denen er insgesamt fünf Prozent zulegte. Das ist ein Hauptbefund einer Studie von Kirsten Eddy und Richard Fletcher vom Reuters Institut der Universität Oxford zur Medienberichterstattung über den Ukrainekrieg. Sie beauftragten YouGov, in fünf Ländern, die unterschiedlich nahe am Konfliktort liegen – Brasilien, Deutschland, Polen, UK und die USA – im Zeitraum von 29. März bis zum 7. April jeweils rund 1.000 Personen zu befragen. Die Daten verglichen sie (mit Abstrichen: es konnten nicht dieselben Menschen, aber eine vergleichbar strukturierte Gruppe befragt werden; auch andere Einzelereignisse wie z.B. Boris Johnsons Partygate-Skandal könnten die Antworten beeinflusst haben) mit der vor dem Kriegsbeginn abgeschlossenen Haupterhebung des Digital News Reports zu Nachrichteninteresse, -nutzung, -vermeidung und -vertrauen.

Die Ergebnisse rütteln auf. In Demokratien ist es ein Grundsatzproblem, wenn Bürger und Bürgerinnen nichts von dem wissen wollen, was um sie herum und weltweit geschieht; erschwerend wirkt, dass unter ihnen besonders häufig Menschen aus der Altergruppe  der 18- bis 24-Jährigen sind. Der Ausweichtrend wuchs auch in Polen und den USA seit Beginn des Kriegs deutlich, parallel dazu griffen dort aber mehr Menschen als vor Kriegsausbruch mehrmals täglich auf Nachrichten zu, vor allem in Polen, dem Nachbarland der Ukraine. Offenbar entscheiden Menschen bewusst, ob sie Nachrichten umgehen oder sie zu bestimmten Themen sogar eher suchen.

Kriegsberichterstattung: Aktuell, aber nicht umfassend genug

Marlis Prinzing ist Head of Study am Program Journalism der Hochschule Macromedia University of Applied Sciences in Köln

In allen fünf Ländern verfolgte die Mehrheit der Bevölkerung den Russland-Ukraine-Konflikt zumindest einigermaßen aufmerksam, am ausgeprägtesten in Deutschland. Das kann an der geografischen Nähe liegen und auch daran, dass einige Folgen (z.B. Benzinpreise) bereits im Alltag spürbar sind. Rundfunkmedien erreichten, wie in anderen Krisenzeiten, die höchste Aufmerksamkeit, auch hier vor allem in Deutschland (46 Prozent). In den USA und Polen entfiel ein größerer Anteil auf Online-Nachrichtenseiten, Nicht-Mainstream-Seiten und soziale Medien, doch das Fernsehen ist dort ebenfalls die am häufigsten genutzte Einzelquelle für Nachrichten über den Krieg. Erwartbar fallen zudem die Altersunterschiede ins Gewicht: die 18- bis 24-jährigen nutzen deutlich mehr Onlineangebote als über 55-jährige, diese wiederum informieren sich häufiger über Fernsehangebote als die jüngeren.

Die Qualität der Berichterstattung in Nachrichtenmedien schätzen die Befragten zwar durchweg als recht gut ein, aber der genau Blick – z.B. auf Deutschland – lässt aufhorchen: Mehr als die Hälfte der Befragten fühlt sich zwar aktuell informiert, aber deutlich weniger als die Hälfte hat das Gefühl, genügend über die Auswirkungen des Kriegs oder über die verschiedenen Sichtweisen zu erfahren.

Mehr erklären, auch damit gerade Jüngere die Hintergründe des Kriegs besser verstehen, dürfte Medien weniger schwer fallen, vermutlich aber die Erwartung, dass sie den Ukrainekrieg stärker aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Denn genau an diesem Punkt hat sich eine mediale Schlagseite etabliert. Sie erfasst nicht alle Medien, aber viele und ist aus mehreren Gründen riskant. Zweierlei fällt besonders ins Gewicht: Die schier bedingungslose, freiwillige Solidarität mit der Ukraine bis hin zu einer Art „Wir-Gefühl-Rausch“, und die Unerbittlichkeit, mit der jene angegriffen und in Schubladen gesteckt werden, die andere Argumente vorbringen. 

Medien im Solidaritätsrausch?

In vielen Talkrunden und Kommentaren wird zum „Wir“ aufgerufen. Mehr Zurückhaltung wäre besser – und an sich selbst adressiert müsste Journalistinnen und Journalisten klar sein, dass sich im „Wir“ auch die Wirksamkeit öffentlicher Diplomatie (Public Diplomacy) widerspiegelt. Das „Wir“ ist ein ukrainisches Narrativ. „Wir verteidigen nicht nur uns, wir verteidigen euch“, erklärte Vitali Klitschko, wir „schützen unsere gemeinsamen Werte und Prinzipien“. Um diesem „Wir“ zur Geltung zu verhelfen bedarf es der Medien. Auch deshalb sagt der Bürgermeister von Kiew diese Sätze den Sendern NTV und RTL. Medien sind wichtige Werkzeuge von Public Diplomacy, sie geben Narrativen und Sprachbildern Raum und Reichweite, den Videoauftritten von Wolodymir Selenskyj ebenso wie den Tweets, Provokationen und Talkshow-Auftritten von Botschafter Andrij Melnyk und den Appellen z.B. an die deutsche Solidarität mit der Ukraine. Ähnlich wie gegenüber anderen Interessengruppen gehört es zur journalistischen Professionalität, sich dieser Instrumentalisierung bewusst zu sein und sich ihr nicht einfach hinzugeben. Anders gesagt: Journalisten und Journalistinnen sollten das „Wir“ zumindest niedrig dosieren. Solidarität mit einem angegriffenen Land und seiner Bevölkerung bedeutet zwar ein Füreinander (z.B. über Spenden und Hilfe für von dort Geflüchtete), doch kein „Wir“-Gefühl hebt alle Unterschiede auf. Wo Bomben fallen, ist kaum noch Alltag möglich und kaum noch Raum, über den Tag hinaus zu denken.

Manche Journalistinnen und Journalisten machen sich in Talkrunden freiwillig zum Sprachrohr der ukrainischen Politik, stehen stramm zum „Ja“ für die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine und verharmlosen die atomare Eskalationsgefahr auch, um damit ein Argument zur Zurückhaltung bei solchen Lieferungen zu entkräften. „Spiegel“-Journalistin Melanie Amann warf bei Maybritt Illner (28. April 2022) Bundeskanzler Olaf Scholz vor, er jage den Menschen Angst vor einem Atomkrieg ein und verzögere damit, dass sie die wachsende militärische Unterstützung für die Ukraine billigen. Die Grenzen hin zum Kriegsaktivismus und zum Vernachlässigen der eigentlichen Rolle von Journalismus erscheinen fließend.

„Es besteht kein Grund, das journalistische Distanz-Prinzip über Bord zu werfen.“

Die Ukraine ist moralisch und faktisch im Recht. Das erzeugt Solidarität. Diese ist wichtig, auch aus menschlichen Gründen. Journalismus sollte parteiisch sein, wenn die Säulen des demokratischen Grundverständnisses angegriffen werden, und solidarisch mit jenen, deren Menschenrechte verletzt werden. Aber eine solche Solidarität muss verbunden bleiben mit einer differenzierten Berichterstattung. Es besteht kein Grund, das journalistische Distanz-Prinzip über Bord zu werfen. Dieses ist ein Gebot der Professionalität und steht nicht im Widerspruch zur humanitären Solidarität. Journalistische Solidarität muss sich auf das Grundsätzliche beschränken. Die öffentliche Korruption in der Ukraine oder die Rolle des Nationalhelden Stepan Bandera sind kein „Whataboutism“, über den zu Kriegszeiten nicht diskutiert werden darf. Nicht allein wegen der ukrainischen Forderung, EU-Kandidatin zu werden, ist genau das Gegenteil der Fall. Professionelle Distanz hilft, die Angst von Menschen vor einer atomaren Eskalation des Kriegs wahrzunehmen sowie die eigene Frühwarnfunktion. Sie aufzugeben und sich blindlings auszusetzen, ist so verfehlt wie zu glauben, Hunde, die bellen, würden nie beißen. 

Differenzieren und diskutieren ist für demokratische Gesellschaften kennzeichnend, Journalismus ist eine zentrale Instanz, die solche Debatten organisiert und moderiert. Zum Thema Waffenlieferung unterschiedliche Ansichten einander gegenüberzustellen ist sachgerecht. Das ist komplett anders als der Tatsache, dass Russland in die Ukraine einmarschiert ist, die Propagandalüge, es sei eine Militäroperation entgegenzusetzen. Durch kontroverse Debatten und das Darlegen verschiedener Sichtweisen verhelfen Medien dem Publikum zu einem möglichst vollständigen Bild. Journalismus sollte Bedenken aufgreifen, einordnen, fragen – beispielsweise danach, was mit den gelieferten Waffen geschieht, wenn der Krieg endet – und auch Dilemmata zur Diskussion stellen, z.B. dass Waffenlieferungen zwar die Selbstverteidigungskraft der Ukraine, aber den Krieg verlängern. 

Schlagabtausch

Doch Kritik an der Ukraine und ihrem Präsidenten sowie Einwände gegen den Kurs, den sich die Ukraine vom Westen wünscht, sind in vielen deutschen Medien und Talkformaten kaum noch möglich; wer es dennoch wagt, muss mit massiven verbalen Attacken rechnen. Eine in der „Süddeutschen Zeitung“ am 25. Mai erschienene Zeichnung von Pepsch Gottscheber griff Fernsehbilder vom World Economic Forum in Davos auf, wo der ukrainische Präsident Selenskyj auf XXL-Leinwand schärfere Sanktionen gegen Russland forderte. Die Karikatur zeige „Ukraines jüdischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj als mächtigen und hinterlistigen Strippenzieher des Weltwirtschaftsforums“ und transportiere damit „antisemitische Topoi“, empörte sich „Welt“-Autor Frederik Schindler. Doch Gottschebers Zeichnung enthält gar keinen Hinweis auf Jüdisches, sondern überspitzt eine Situation, die wir alle seit Monaten sehen: Selenskyj auf Großleinwand.

In etlichen Talkshows werden bestimmte Antworten erwartet beziehungsweise fast vorausgesetzt. Zum Beispiel das „Ja“ auf die Frage „Schwere Waffen, ja oder nein?“. Kulturschaffende haben in einem Offenen Brief auf die Risiken dieses „Ja“ hingewiesen. Man muss ihre Positionen nicht teilen. Aber die Unerbittlichkeit irritiert, mit der auch medial teilweise auf den Brief reagiert wurde – bis hin zur Diffamierung von Intellektuellen; auf der Website des Briefs sind die Reaktionen dokumentiert. Ein solcher Debattenstil ist nicht werteorientiert. Jürgen Habermas, der Philosoph, der gerade den verantwortungsbewussten öffentlichen Diskurs als grundlegend für die demokratische Willensbildung beschwor, schrieb für die „Süddeutsche Zeitung“ einen Gastbeitrag. Darin analysierte er den von „Pressestimmen geschürten Meinungskampf“, der „zwischen ehemaligen Pazifisten, einer schockierten Öffentlichkeit und einem abwägenden Bundeskanzler nach dem Überfall auf die Ukraine“ entbrannt sei. Wieder waren die Reaktionen extrem heftig. Stellvertretend hier die von Simon Strauss, der ihm in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ eine „fahrlässige Denunziation der ukrainischen Regierung“ vorwarf, und die von Welt-Autor Thomas Schmid. Er unterstellte Habermas eigene Interessen: Er verteidige „auf orthodoxe Weise sein Lebenswerk. Und in durchaus trickreicher und mitunter auch boshafter Weise“. 

In Talkrunden werden mittlerweile zwar zögerlich Personen eingeladen, die abweichende Positionen vertreten, wie z.B. am 2. Juni bei „Markus Lanz“ die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot (Universität Bonn). Doch ihre abweichende Ansicht wurde nicht, wie lange bei Kontroversen üblich, zur Kenntnis genommen und kritisiert, sondern ihr etwa in der „Berliner Morgenpost“ Punkt für Punkt die Legitimation entzogen. Und Hinweise, dass in der deutschen Bevölkerung laut Umfragen etwa jeder zweite z.B. gegen die Waffenlieferungen in die Ukraine ist, wurden in Kommentaren und Talks eher übersehen oder abgetan.

Menschen krisenkompetent und medienkompetent machen

Journalismus kann Menschen widerstandsfähiger machen. In schwierigen Zeiten hilft die an klassisches Handwerk gekoppelte Resilienzfunktion, Menschen krisenkompetent zu machen und damit stark genug, um sich der Wirklichkeit zu stellen. Das heißt:

  • Informieren, einordnen, warnen, Handlungsoptionen zeigen sowie mehrere Sichtweisen, also das klassische Handwerk hochhalten
  • nüchterne Solidarität zeigen, die Raum lässt für professionelle Distanz, für Reflexion und für die Debatte über Themen, die die Menschen bewegen; 
  • „Wir“ nur dosiert und differenziert einsetzen
  • beobachten und ohne Furcht in verschiedene Richtungen fragen, nachfragen und hinterfragen, um ein möglichst vollständiges Bild zu vermitteln 
  • zeitig und verlässlich vor Gefahren warnen sowie Folgen von Entwicklungen und Entscheidungen ansprechen
  • Konflikte nicht noch schüren, sondern zeigen, wie man mit ihnen zurechtkommt: Wo kann ich helfen und wie etc.?
  • Das Publikum in Medienkompetenz trainieren.

Die Medienkompetenz des Publikums zu verbessern, erhöht die Krisenkompetenz just angesichts eines Krieges, der auch ein Informationskrieg ist. Mag sein, dass es eigentlich eine überfällige Aufgabe der Politik ist, hier einen Rahmen zu setzen. Darauf sollte sich Journalismus nicht zurückziehen, sondern selber handeln und die Menschen mit Basiswissen unterstützen: Was müssen sie z.B. beachten, um Desinformation nicht sofort auf den Leim zu gehen (ist die Quelle erkennbar? Wird eine Information noch von anderer Seite bestätigt und ist sie überhaupt plausibel?)? Was will TikTok eigentlich? (Nutzende mit immer aufregenderen Inhalten möglichst lange auf der Seite halten, um Daten und damit Geld für den Plattformbetreiber zu generieren). Wer das weiß, ist nicht gleich allem ausgeliefert. Viel bewirkt zudem, wenn Journalismus seine Arbeitsweisen kurz erklärt. 

Mehr Resilienz kann das Interesse am Geschehen in der Ukraine aufrechterhalten – auch das ist eine Form von Solidarität.

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