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New Work

Weniger arbeiten ist auch keine Lösung

David Eicher – Illustration: Bertil Brahm

Agenturen bekommen keine guten Mitarbeiter und bieten deshalb immer tollere Incentives. Ein Irrweg, meint David Eicher, Geschäftsführer der Agenturberatung Müllers Garage. Ihnen ist der Sinn für den Sinn abhanden gekommen.

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Fun Fact zum Start für alle, die sich um das Image der Werbebranche sorgen: Auf Tinder haben Kreative und allgemein Marketing-Experten (männlich) den höchsten Score. User-Umfragen („Diese Berufe kommen auf Tinder am besten an“ / „GQ Germany“) zeigen: Sie gelten als besonders anziehend. Klar. Kann man natürlich nicht fürs Employer Branding nutzen. Aber Homeoffice, Remote Work, der Masseur oder kostenloser Kaffee und der obligatorische Obstkorb sind auch keine Lösung.

Neulich war zu lesen, dass eine Mediaagentur die Arbeitszeit auf 35 Stunden senkt und Mitarbeitern ermöglicht, ihren Job auch in vier Tagen zu erledigen (wahlweise gehen aber auch sechs). Die Präsenzpflicht wurde dabei gleich mit beseitigt. Ich seh‘ das ambivalent: Einerseits gut, weil Ergebnisse wichtiger sind als die Zahl der Stunden, die jemand im (Home-)Office verbringt. Andererseits auch schlecht, weil eine solche Offensive ein falsches Zeichen setzt. Gewinnt künftig derjenige den viel zitierten „War of talents“, der die geringste Wochenarbeitszeit anbietet? Und welche jungen Menschen adressieren wir damit? Diejenigen, die intrinsisch motiviert sind?

„Wer als Arbeitgeber glaubhaft einen Mehrwert für die Gemeinschaft liefern kann, ist grundsätzlich in keiner schlechten Position.“

Natürlich: Es ist deutlich schwieriger geworden. Der Job-Markt hat sich komplett gedreht, ist längst ein Nachfragemarkt geworden. Und dann auch noch Corona. Der öffentliche Dienst ist inzwischen die attraktivste Branche für Studierende (EY Studierenden-Studie 2020 Branchen / EY – Deutschland) – erst dahinter folgen mittelständische Unternehmen und Konzerne. Für Startups interessieren sich nur acht Prozent der Frauen und sieben Prozent der Männer. Die wenigsten wollen noch etwas wagen. Jobsicherheit ist mit Abstand das wichtigste Kriterium bei der Auswahl des Arbeitgebers – der Wert ging noch einmal um zehn auf 67 Prozent hoch. Zudem wichtig: Gehalt (55 Prozent) und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf (39 Prozent). All das spricht nicht für die Werbebranche und erschwert die Suche auf einem weitgehend leergefegten Jobmarkt.

Aus Storytelling wird Storydoing

Aber die Entwicklung verläuft eben nicht widerspruchsfrei. Purpose wird parallel zu dem Sicherheitsdenken der jungen Menschen zu einem immer entscheidenderen Kriterium bei der Job-Wahl. Zahlen aus Amerika zeigen: Arbeitnehmer, die ihre Arbeit als sinnstiftend erachten, sind loyaler, arbeiten länger und wären sogar zu Lohnverzicht bereit. Weil Unternehmen grundsätzlich immer mehr danach beurteilt werden, welchen gesellschaftlichen Nutzen sie stiften können, bleibt das nicht ohne Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Wer als Arbeitgeber glaubhaft einen solchen Mehrwert für die Gemeinschaft liefern kann, ist grundsätzlich in keiner schlechten Position.

Für Agenturen eröffnet das neue Perspektiven. Sie sind vielleicht nicht Dirigent, aber mindestens Souffleur dieses immensen Transformationsprozesses der Wirtschaft. Ihre Aufgabe kann es nicht mehr sein, bunte Scheinwelten zu produzieren, sondern Ideen zu finden, die die Welt zumindest ein kleines bisschen besser machen. Aus Storytelling wird so Storydoing. Vielleicht arbeiten Menschen bei solchen Aufgaben dann sogar länger als 35 Stunden in der Woche.


David Eicher gründete 2000 die Social-Media- und Digitalagentur Webguerillas. Nach seinem Ausstieg startete er mit der Business-Beratung Müllers Garage durch. Seit 2021 ist er außerdem Gesellschafter der Conteam-Gruppe.

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