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Bundesliga erzielt auf der Plattform Millionen Views pro Spieltag

YouTube kills the „Sportschau“-Star

Die Bundesliga auf dem YouTube-Kanal der "Sportschau" - Foto: Screenshot

Die Bundesliga-„Sportschau“ hat in nur einem Jahr fast 20 Prozent ihres Publikums verloren. Schuld sind aber nicht nur die Liga und die Langeweile an der Tabellenspitze, sondern auch die erstmals so massiv verfügbaren Highlights auf YouTube.

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Die Bundesliga-“Sportschau“ am Samstag hat in der gerade zu Ende gegangenen Saison fast 900.000 Zuschauerinnen und Zuschauer im Vergleich zum Vorjahr verloren. Aus 4,79 Millionen wurden 3,91 Millionen.

Die Liga ist Schuld! Das Pay-TV ist Schuld! Das Corona-Ende ist Schuld! Der FC Bayern ist Schuld! Das sind kurz zusammengefasst die Hauptargumente der bisherigen Analysen zum Thema. Durch die Zerfledderung des Spieltags habe der Samstag an Attraktivität verloren. Sky und DAZN dürften sich zudem die besten Spiele für den Samstagabend oder Sonntag sichern. Außerdem sehen weniger Menschen fern als während der Corona-Lockdowns. Und der FC Bayern sorge mit seinen zehn Meisterschaften in Folge dafür, dass es zumindest vorn in der Tabelle zu wenig Spannung gibt.

Alles nicht falsch. Und dennoch: Was in der Argumentationskette bisher zu selten vorkommt, bzw. überhaupt nicht: der Medienwandel. Wie kann es nämlich sein, dass die Bundesliga-„Sportschau“ zwar mehr als 18 Prozent ihres Publikums einbüßt, der Marktanteil aber nur von 19,0 auf 18,6 Prozent schrumpft? Klare Sache: Die Leute schauen insgesamt weniger lineares Fernsehen – und das gilt nicht nur für Filme und Serien, sondern eben auch für die „Sportschau“.

Während Serien und Filmfans zu Netflix & Co. wandern, schauen Fußballfans, die kein Geld für Sky und DAZN ausgeben wollen, nun viel YouTube. Denn: Seit dieser Saison ist es so einfach wie nie zuvor, Highlight-Clips der Spiele zu sehen. Die Liga hat diese Rechte nämlich an ARD, ZDF und Sport1 vergeben. Und diese drei Anbieter zeigen Highlights aller Spiele auch auf YouTube. Zwar sind die Clips jeweils erst ab der Nacht von Sonntag auf Montag um 0 Uhr zu sehen, doch das reicht vielen Fans offenbar. Laut einer umfassenden MEEDIA-Analyse erreichten die jeweils 27 Videos (neun Spiele bei drei Anbietern) pro Spieltag im Durchschnitt 3,5 Millionen Abrufe, in der Spitze bis zu 5,2 Millionen.

MEEDIA hat sämtliche Zahlen der über 900 Highlight-Videos auf YouTube ausgewertet und kommt zu spannenden Ergebnissen. 3,52 Millionen Views erzielten die jeweils neun Partien pro Spieltag auf den drei YouTube-Kanälen „Sportschau“, „Sportstudio Fußball“ und „Sport1“. Die Schwankungsbreite reichte dabei von 1,92 Millionen am 24. Spieltag bis 5,16 Millionen am 14. Spieltag, an dem allein das Spitzenspiel zwischen Borussia Dortmund und Bayern München 2,78 Millionen Abrufe auf den drei Kanälen generierte.

Am erfolgreichsten war im Saison-Durchschnitt das „Sportstudio Fußball“ mit 1,55 Millionen Views pro Spieltag. Die „Sportschau“ erzielte 1,37 Millionen, „Sport1“ 0,60 Millionen. Der ZDF-Kanal profitierte dabei von einem sehr erfolgreichen Saisonstart, an den ersten fünf Spieltagen erzielte allein „Sportstudio Fußball“ zwischen 2,88 und 3,63 Millionen Views. Im Laufe der Saison überholte dann aber die „Sportschau“ das „Sportstudio“, womöglich auch, weil das ZDF mehr für seine Mediathek trommelte, in der die Highlight-Clips ebenfalls abrufbar sind. Womöglich aber auch, weil die „Sportschau“ die besseren Platzierungen im YouTube-Algorithmus übernahm, das ist aber spekulativ.

Die meisten Views generierten erwartungsgemäß die Matches von Bayern München und Borussia Dortmund. Auf mehr als 2 Millionen Abrufe kamen die Spiele zwischen Leipzig und München am 4. Spieltag, zwischen Leverkusen und München am 8. Spieltag, zwischen Dortmund und München am 14. Spieltag. Von den 31 Matches, die mehr als eine Million Abrufe erzielten, kam nur eins ohne Bayern München und Borussia Dortmund aus: das sensationelle 6:0 des SC Freiburg in Mönchengladbach am 14. Spieltag mit 1,23 Millionen Views. Zahlen von 800.000 bis eine Million erreichten aber auch diverse andere Partien, beispielsweise auch der Sieg des VfL Bochum gegen die TSG Hoffenheim am 11. Spieltag, deren Highlight-Clips wohl auch wegen des Traumtors eines Bochumers aus der eigenen Hälfte 839.000 mal gesehen wurden.

Das besonders große Interesse an Bayern München und Borussia Dortmund zeigt sich auch in der Tabelle, die wir aus den über 900 Highlight-Videos errechnet haben: Bayern München führt hier mit durchschnittlich 1,15 Millionen Views pro Spiel vor Borussia Dortmund mit 996.000. Dahinter folgen mit großem Abstand Mönchengladbach, Leipzig, Leverkusen und Köln. Das geringste Interesse der YouTube-Nutzerinnen und -Nutzern gab es an den Videos von Mainz. Bielefeld und vor allem Augsburg:

Die Bundesliga-Tabelle nach YouTube-Abrufzahlen* Saison 2021/22

Platz Verein Mio.
1 FC Bayern München 1,150
2 Borussia Dortmund 0,996
3 Borussia Mönchengladbach 0,424
4 RasenBallsport Leipzig 0,417
5 Bayer 04 Leverkusen 0,411
6 1.FC Köln 0,385
7 Eintracht Frankfurt 0,357
8 Hertha BSC 0,328
9 SC Freiburg 0,313
10 VfB Stuttgart 0,298
11 VfL Bochum 0,292
12 VfL Wolfsburg 0,291
13 1.FC Union Berlin 0,282
14 TSG 1899 Hoffenheim 0,249
15 SpVgg Greuther Fürth 0,234
16 1.FSV Mainz 05 0,223
17 Arminia Bielefeld 0,201
18 FC Augsburg 0,192
*Spieltags-Durchschnitt auf den Kanälen „Sportstudio Fußball“, „Sportschau“ und „Sport1“ – Rohdaten-Quelle: YouTube – Berechnung + Tabelle: MEEDIA

Auch die Zahlen der 2. Liga hat MEEDIA ausgewertet. Zwar sind die Zahlen nicht perfekt mit denen der Bundesliga vergleichbar, da bis nur „Sport1“ alle Spiele mit Highlight-Clips zeigt, während „Sportschau“ und „Sportstudio“ nur um die drei Spiele pro Woche anbietet, interessant sind die Daten dennoch. So zeigt sich hier ein weiterer Punkt für die Schwäche der „Sportschau“ im linearen Fernsehen. Mit Schalke 04 und Werder Bremen waren zwei extrem beliebte Clubs abgestiegen, deren Spiele eben nicht mehr in der linearen „Sportschau“ auftauchten.

Die YouTube-Videos mit Schalke 04 erreichten in der Zweitliga-Saison im Durchschnitt 317.000 Views, die von Werder Bremen 232.000. Sechsstellige Zahlen gab es ansonsten nur noch für den Hamburger SV und den FC St. Pauli. Ganz hinten in der Zweitliga-Tabelle: Sandhausen, Karlsruhe und Heidenheim. Insgesamt erzielten die Zweitliga-Clips pro Spieltag rund 846.000 Abrufe, die aber wie erwähnt nicht mit der Bundesliga-Zahl verglichen werden sollte, da es insgesamt nur 479 Videos gab und eben nicht mehr als 900.

Die 2.Liga-Tabelle nach YouTube-Abrufzahlen* Saison 2021/22

Platz Verein Mio.
1 FC Schalke 04 0,317
2 Werder Bremen 0,232
3 Hamburger SV 0,220
4 FC St. Pauli 0,117
5 Hansa Rostock 0,086
6 SV Darmstadt 98 0,076
7 Holstein Kiel 0,070
8 Erzgebirge Aue 0,062
9 Dynamo Dresden 0,061
10 1. FC Nürnberg 0,060
11 Hannover 96 0,060
12 Fortuna Düsseldorf 0,057
13 SC Paderborn 07 0,053
14 FC Ingolstadt 04 0,050
15 Jahn Regensburg 0,048
16 SV Sandhausen 0,048
17 Karlsruher SC 0,043
18 1. FC Heidenheim 0,034
*Spieltags-Durchschnitt auf den Kanälen „Sportstudio Fußball“, „Sportschau“ und „Sport1“ – Rohdaten-Quelle: YouTube – Berechnung + Tabelle: MEEDIA

Vom Aufstieg von Schalke, Bremen und womöglich auch dem HSV könnte die „Sportschau“ also in der kommenden Saison wieder profitieren. Ob das Zuschauer-Minus aber dann zu einem -Plus wird, bleibt fraglich. Und daran haben eben nicht nur die Liga, der FC Bayern und das Pay-TV Schuld, sondern eben auch der Medienwandel. Video auf Abruf ist nunmal komfortabler als lineares Fernsehen. Oder auch: YouTube kills the „Sportschau“-Star.

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