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Politische Kommunikation

Kommunikations-GAU von Anne Spiegel: „Offenbar wähnte sie sich in einem Ritual“

Anne Spiegel bei ihrem Presse-Statement vom Sonntag – Screenshot: ARD

Nur einen Tag nach ihrem bemerkenswerten TV-Auftritt, tritt Familienministerin Anne Spiegel (Grüne) nun doch zurück. Der politische Druck sei dafür verantwortlich. In einer Presseerklärung am Sonntagabend hatte sie noch versucht, mit privaten Erklärungen, ihr Amt zu retten. MEEDIA sprach mit Kommunikations-Experte Hasso Mansfeld über ihren Auftritt.

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Am gestrigen Sonntag bat Bundesfamilienministerin Anne Spiegel (Grüne) zu einer Presseerklärung. Kurz zuvor hatte die „Bild am Sonntag“ berichtet, dass sie noch als zuständige Ministerin in Rheinland-Pfalz zehn Tage nach der Flutkatastrophe im Ahrtal für vier Wochen in Urlaub gefahren war. In ihrer Stellungnahme erklärte Spiegel, das ihr Mann einen Schlaganfall erlitten und ihre vier Kinder die Pandemie nicht gut verkraftet hätten. Die Familie habe dringend Urlaub gebraucht. Sie sei aber telefonisch erreichbar gewesen und habe auch E-Mails gelesen.

Wir haben Kommunikations-Experte Hasso Mansfeld zu dem Auftritt von Anne Spiegel befragt.

Wie bewertet der PR-Profi Hasso Mansfeld den Auftritt von Bundesfamilienministerin Anne Spiegel aus Kommunikationssicht?

Eine Ministerin muss vor allem ihrer Rolle als Ministerin gerecht werden. Frau Spiegel indes ist gestern als Mutter und Ehefrau vor die Kamera getreten. Dagegen ist im Prinzip nichts einzuwenden. Nur: Die drängenden Fragen muss sie in ihrer Rolle als Ministerin beantworten.  

Mittlerweile scheint eine Art „Entschuldigungs-Kultur“ den klassischen Rücktritt teilweise abgelöst zu haben. Politiker entschuldigen sich für Fehltritte und machen weiter. Teilst Du diese Wahrnehmung?

Ja. Den Präzendenzfall hat Andreas Scheuer geliefert. Es hat sich kurz für das Maut-Desaster entschuldigt und dann sogar noch einen Untersuchungsausschuss überstanden. Da er nicht zurücktrat, nehmen viele ihn jetzt als Maßstab: Wenn der nicht zurücktreten musste, dann ich auch nicht. Für die Demokratie ist das fatal, denn sie soll ja sicherstellen, dass man Menschen, die an die Macht gekommen sind auch wieder los wird. Das oberste Prinzip der Demokratie ist die Beschränkung der Macht.

Anne Spiegel war vorher Landesministerin in Rheinland-Pfalz. Du kommst selbst aus diesem Bundesland – welches Image hatte Anne Spiegel als Landesministerin?

Frau Spiegel hatte Ärger mit dem obersten Richter des Landes, da sie sich mit ihrem Ministerium über gerichtliche Entscheidungen hinweggesetzt hat, sie hatte Ärger wegen rechtwidrigen Beförderungen in ihrem Ressort. Das ist seinerzeit alles mehr oder weniger im Sande verlaufen. Wer es sehen wollte, der sah eine Ministerin die wenig auf Kritik reagierte.

Neben viel Kritik an dem Auftritt von Anne Spiegel, liest man auch einige Stimmen der Verteidigung. Gerade als Familienministerin sei es doch nachvollziehbar, dass sie das Wohl ihrer Familie im Blick hat. Was ist davon zu halten?

Natürlich muss sie auch ihrer Familie gerecht werden. Allerdings ist der Rückzug ins Private bei Menschen, die die Geschicke eines Landes lenken wollen, stark eingeschränkt. Wofür sonst leistet man einen Amtseid auf Wohl und Nutzen des Volkes?

Müssen sich Medien hier Kritik gefallen lassen? Gehen Sie Anne Spiegel zu hart an?

Klares nein. Was Laschet nach seinem deplatzierten Lacher lesen musste, war wesentlich krasser. 

Viel geredet wird über den Schluss ihres Auftritts, als sie sich zur Seite wendet und sagt, sie müsse ihre Erklärung nun noch „abbinden“. Welchen Eindruck hinterlässt das?

Offenbar wähnte sich Frau Spiegel in einem Ritual, zu dem auch ein Schlussakkord gehört. Indes: Wesentliche Teile des Rituals fehlten. Zur Beichte gehört auch die Reue und die Buße. Ohne die kann es keine Absolution geben. 

Was hätte sie aus Sicht der Krisen-PR besser machen können?

Sie hätte schon gestern Abend zurücktreten sollen und nicht erst heute. So bleibt der Eindruck, dass ihre Partei sie dazu zwingen musste. Sie geht jetzt auf Druck, was bleibt ist der Eindruck der Uneinsichtigkeit und der Überforderung.

Die Fragen an Hasso Mansfeld wurden schriftlich gestellt.

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