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Gastbeitrag von Marlis Prinzing

Ukraine-Krieg: Bilder, die wir sehen müssen

Kriegsverbrechen im ukrainischen Bucha, ein Kind wird in Irpin über das Wasser getragen

Die Greueltaten im ukrainischen Bucha und die Angriffe in Irpin
auf die Zivilbevölkerung werfen wieder die Frage auf, welche Bilder aus dem Krieg in der Ukraine gezeigt werden müssen und welche es für die Berichterstattung nicht notwendigerweise braucht. Antworten gibt Medienethikerin Marlis Prinzing in ihrem MEEDIA-Gastbeitrag. – Foto: Imago

Ein weinender Junge an der Grenze der Ukraine, tote Zivilisten in Irpin und Bucha, ein Massengrab bei Mariupol, in das Leichen geworfen werden – solche Bilder zeigen die hässliche Fratze des Ukraine-Krieges. Es gibt gute Gründe, sie zu zeigen. Bei manchen Bildern hingegen heiligt auch der Zweck nicht das Mittel, sagt Medienethikerin Marlis Prinzing. Außerdem blickt sie auf die bemerkenswerte Rolle von TikTok und Telegram.

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Von Marlis Prinzing

Die amerikanische Kriegsreporterin Lynsey Addario hat vier Menschen fotografiert, ganz offensichtlich Zivilisten. Sie liegen reglos auf einer Straße. Addario war dabei, als sie getötet wurden, ihrer Wahrnehmung nach gezielt. „Ein Kriegsverbrechen“, beschreibt sie in der ZDF-Nachrichtensendung „Heute-Journal“, hier seien Granaten direkt auf Unschuldige abgefeuert worden. Die „New York Times“ hat dieses Dokument am 7. März auf der Titelseite fünf Spalten breit veröffentlicht – direkt, unverpixelt, identifizierbar, eines der Gesichter ist blutverschmiert. 

Dies ist ein Anlass, um nachzudenken: Was ist dem Publikum zuzumuten? An welchem Kompass lässt sich die Entscheidung darüber orientieren?

Verpflichtung: Kriegsverbrechen zu dokumentieren, ist zweifellos relevant

Richtet man sich an der Handlung selbst und der damit verbundenen Gesinnung und Verpflichtung aus oder an den Folgen einer Handlung? Sich beide Perspektiven vorzustellen, trägt der großen Verantwortung Rechnung, die solche Entscheidungen in sich tragen. Aus pflichtethischer Sicht lässt sich mit dem „Kategorischen Imperativ“ von Immanuel Kant argumentieren: Es sollte kein allgemein gültiges Gesetz sein, Bilder von Leichen zu veröffentlichen, ebenso wenig Bilder von Menschen, die im Sterben liegen. Dagegenhalten ließe sich die Verpflichtung von Journalisten und Journalistinnen, zu publizieren, was von öffentlicher Relevanz ist. Und Kriegsverbrechen zu dokumentieren, ist zweifellos relevant.

Zur Person

Marlis Prinzing ist Studiendekanin am Campus Köln der Hochschule Macromedia, Local Head der Kölner Wirtschaftsfakultät sowie Professorin für Journalistik.

Ihre journalistische Laufbahn begann sie bei einer Regionalzeitung.

Als freie Journalistin schrieb sie für „Die Zeit“, die „Financial Times Deutschland“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“.

Mit Betonung auf den Folgen einer Veröffentlichung gibt es ebenfalls Gründe, ein solches Foto zuzumuten. Dies könnte die positive Konsequenz haben, dass das Grauen des Krieges noch deutlicher wird und etwa Anstrengungen befördert, so rasch wie nur möglich zumindest einen Waffenstillstand herbeizuführen. Solchen Bildern kann also eine bedeutsame politische Dimension zugeschrieben werden. Man kann in ihnen ein Symbol des Krieges und der Verhältnisse vor Ort sehen, das sich bildhaft besonders eindrücklich darstellen lässt. Zudem bewegt sich die dargestellte Szene im Rahmen des Verantwortbaren: die Situation ist zwar erkennbar, aber die Opfer sind nicht deutlich exponiert, werden also durch das Abbilden kein weiteres Mal zu Opfern. 

Diese Hilfestellungen bietet der Pressekodex

Der Pressekodex formuliert auf ethische Überlegungen gestützte Richtlinien für die Berufspraxis. Sie helfen bei der Abwägung zwischen Argumenten, die die Relevanz einer Information für die Öffentlichkeit begründen, und Argumenten, die die Interessen der Opfer vor allem auf Schutz ihrer Persönlichkeit und ihrer Menschenwürde beschreiben. Ziffer 8 des Kodex‘ präzisiert: „Bloße Sensationsinteressen rechtfertigen keine identifizierende Berichterstattung. Soweit eine Anonymisierung geboten ist, muss sie wirksam sein.“ Und Ziffer 11 ergänzt: „Unangemessen sensationell ist eine Darstellung, wenn in der Berichterstattung der Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, herabgewürdigt wird.“ Auch wie eine Bebilderung von Gewalt auf Titelseiten auf Kinder und Jugendliche wirken könnte, soll vor einer Veröffentlichung zumindest bedacht werden. Kurz: Auf welche Art und Weise die als oberstes Gebot (Ziffer 1) beschriebene „wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit“ erfolgt, soll vorher wohl überlegt werden: Was ist zuzumuten, was ist zu unterlassen, aus welchen Gründen und mit welchen für die Gesellschaft vorteilhaften Folgen?  

Beim Bild der Toten von Irpin ist der dokumentarische Stellenwert und damit die öffentliche Relevanz kaum von der Hand zu weisen. Die Veröffentlichung ist folgen- und pflichtethisch gestützt begründbar. Das gilt aber ebenso für die Entscheidung, dies zu unterlassen. Mögliche Gründe wäre eben, dass die Gesichter identifizierbar sind, oder dass solche Bilder die Betrachter verstören können oder dass sie ihren Anspruch auf Totenruhe verletzen. Es gibt hier kein „absolut richtig“ oder „völlig falsch“. Obligatorisch sollte aber sein, mehrere Sichtweisen gegeneinander abzuwägen, ehe man sich entscheidet – und zwar doppelt: Ist es öffentlich relevant, ein Bild dieser Tötung zu veröffentlichen? Und wenn ja, mit welcher Art von Bildmotiv und Umsetzung? Unverpixelt wie in der „New York Times“, nachträglich verpixelt („Tagesspiegel“), aus einer anderen Perspektive, die nicht die Gesichter der Betroffenen zeigt oder abgedeckt mit Tüchern oder lediglich einen Arm, der unter einem Tuch hervorragt (Euronews)? Oder hinter einem Warnhinweis? Oder doch ausschließlich Text? Dies spiegelt die Grauzonen wider, die auch in den im Pressekodex aufgeworfenen Fragen anklingen.

Lynsey Addarios Bild der Toten aus Irpin ging um die Welt. Der Familienvater Serhiy Perebyinis entdeckte es via Twitter. Er selbst saß offenbar in der Ostukraine fest. Als er die Gepäckstücke sah, wusste er, dass daneben die Leichen seiner Frau und seiner beiden Kinder lagen, erzählte er der „New York Times“. Sie starben bei dem Versuch, aus dem umkämpften Umland von Kiew zu fliehen; die vierte Leiche war von einem ehrenamtlichen Helfer, der die drei in Sicherheit bringen wollte, getroffen wurde und vor Ort seinen Verletzungen erlag. Die Welt solle von alldem erfahren, fand Perebyinis; seine Einstellung bewog offenbar manche Medien, daraufhin das Bild nun zu zeigen, oft unverpixelt (ein Beispiel: RTL). Doch Medien sollten, wie im Pressekodex empfohlen, sensibel bleiben. Denn Angehörige könnten auch anders reagieren. 

„Professionelle journalistische Fotografie erschöpft sich nicht im Abbild, sondern in der gekonnten Verknüpfung von Erzählung und Relevanz.“

Marlis Prinzing

Innehalten, nachdenken, überlegen, was man zeigen und veröffentlichen will und mit welchen möglichen Folgen, ist ein Qualitätsmerkmal, ein Zeichen der Professionalität. Jedes Bild ist für sich zu bewerten, aber es gibt diverse Bild-Gruppen wie Opferbilder, Bilder des Schmerzes, Bilder der Zerstörung, Soldatenbilder, Heldenbilder, Kriegsgefangenenbilder. Krieg hat viele Gesichter. Gleich nach Kriegsbeginn, am 25. Februar, veröffentlichten etliche Medien (u.a. „The Guardian“, „Bild“) das Foto einer Ukrainerin mit einem Kopfverband und mit Blut und Schnittverletzungen im Gesicht. Laut „Bild“ nahm sie offenbar in Kauf, dass ihr Foto um die Welt ging. Dieses Foto zuzumuten, lässt sich auch damit begründen, dass Wladimir Putins Aussage falsch ist, die Zivilbevölkerung sei nicht im Visier.

Ein Bildtyp rückt in den Blick, der lange keine große Rolle spielte

Mit diesem Argument lässt sich aber nicht alles rechtfertigen und veröffentlichen. „Bild“ ergänzte eine Aufnahme einer Frau mit Kind auf dem Arm durch ein sehr stark verpixeltes Bild, das die Frau einen Tag später zeigen soll, mit einer nun durch eine Rakete zerrissenen linken Gesichtshälfte; darüber steht die Headline: „Putin, das ist Dein Werk“ (28. Februar 2022). Doch warum muss hier die Wortinformation zu ihrer Verletzung überhaupt noch visuell ergänzt werden? Der Sensation wegen? Eines Bilddokuments bedarf es hier nicht.

Lesetipp: Krieg in der Ukraine – Was das Publikum wissen muss, was Medien beachten sollten

Neu in den Blick rückt ein Bildtypus, der lange keine besondere Rolle mehr spielte: Der der Opferbereiten und der Helden. In der „NZZ am Sonntag“ stellt Andrea Jeska eine Reihe entschlossener Menschen vor, den pensionierten Oberst und IT-Experten in der Küche, die Mutter und Marketingexpertin im Hausflur, beide ausgestattet mit riesigen Waffen – bereit, sobald nötig, durch Taten zu Helden zu werden. Harmlos anmutende Bilder des möglichen Grauens, das die Autorin in ihrem Schlusssatz auf den Punkt bringt: „Werden wir uns auch wieder, wie in dunkler kriegsverherrlichender Vergangenheit, damit trösten können, dass sie als Helden starben?“ Ein wichtiger Satz auch für die Abwägung der Verantwortung, solche Bilder ebenfalls nur mit Bedacht zu publizieren. Sie können auch als Propaganda wahrgenommen werden dafür, sich zu bewaffnen. Mit allen Konsequenzen – den positiven der Wehrhaftigkeit und des Trostes für die Volksseele wie den eher negativen, als Held zu fallen. Nun ebenfalls salonfähig werden Bilder von Söldnern und Scharfschützen, die ihr Handwerk überall und auch in der Ukraine ausüben. Wiederum werden ein konkretes Handeln und vergangene „Taten“ als vorbildlich propagiert und als Instrument, um eine Veränderung herbeizuführen.

„Bild“ stellt dem Publikum den Kanadier „Wali“ vor und zeigt ihn in Militärkleidung und mit Waffe. Er wolle an der Seite der „ukrainischen Heldenarmee“ kämpfen und Kämpfer aus aller Welt animieren, es ihm gleichzutun: „Hört auf, passiv-aggressiv zu sein. Packt zu!“. Der 40-jährige begann am 27. Februar ein Facebook-Tagebuch „Die Fackel und das Schwert“ Dort postete er am 22. März ein Bild von sich mit Waffe in einem bunten Bällebad als Lebenszeichen. Er dementierte damit im Netz kursierende Gerüchte, er sei tot. Gerade weil es um Krieg geht, wird seine Lust an multimedialer Aufmerksamkeit, so „La Presse“ (Montreal), auch kontrovers gesehen. Solche Helden könnten für die Gegenseite zu bevorzugten Zielen werden und so mittelbar Kameraden gefährden. 

Ebenfalls ein Beispiel für Propaganda sind die Fotos und Filme von russischen Kriegsgefangenen, die gerade teilweise auch aus ukrainischen Regierungskreisen heraus in sozialen Medien verbreitet werden. Kiew will damit die Moral in der Ukraine festigen sowie die Propaganda des Kremls unterlaufen und der breiten Bevölkerung in Russland zeigen, was in der Ukraine gerade vor sich geht. Doch der Zweck heiligt nicht die Mittel. Auf TikTok kursiert ein Video, in dem eine Ukrainerin einem russischen Soldaten etwas zu essen gibt und zudem dessen Mutter anruft. Zehntausende teilten es auf TikTok, auf Twitter gab es viel Zuspruch, manche Medien (zum Beispiel „Tag24“, T-Online.de und der Schweizer „Blick“) verbreiteten das Video oder Bilder daraus als Zeichen von Menschlichkeit. Damit machen sich die Redaktionen für einen weiteren Verstärkereffekt eines Films verantwortlich, bei dem wohl derzeit keiner überprüfbar darlegen kann, wie er wirklich entstand. Diese ungeklärten Umstände machen die (mediale) Veröffentlichung ethisch problematisch.

Gefangene dürfen nicht der öffentlichen Neugier ausgesetzt werden

Völkerrechtlich ist zudem grundsätzlich Zurückhaltung geboten im Umgang mit Bildern von Kriegsgefangenen. Das regeln die Genfer Konventionen (wie die 3. Konvention, Art. 14). Gefangene dürfen nicht instrumentalisiert oder der öffentlichen Neugier ausgesetzt werden, haben ein Anrecht auf Menschenwürde, so das Internationale Komitee des Roten Kreuzes IKRK. Es ist dafür zuständig, solche Verstöße zu kontrollieren, und ist als Vermittler zwischen den Kriegsparteien die eigentliche Anlaufstelle für Kriegsgefangene. Im Netz kursieren derweil Videos von russischen Soldaten, die sich ergeben haben oder gefangen wurden. Sie erzählen von Versorgungsschwierigkeiten im Vormarsch auf die Ukraine, entschuldigen sich für die Angriffe, berichten, sie würden gut behandelt. Es lässt sich kaum prüfen, wie echt das ist. Auch weil unklar ist, welche Risiken dann beispielsweise den Familien der Betreffenden in Russland drohen, sollten solche Bilder und Filme nicht geteilt werden – eine Frage der ethischen Verantwortung der publizierenden Bürgerinnen und Bürger. 

„Völkerrechtlich ist zudem grundsätzlich Zurückhaltung geboten im Umgang mit Bildern von Kriegsgefangenen.“

Marlis Prinzing

Die chinesische App TikTok hat sich im Ukrainekrieg zu einer Plattform entwickelt, auf der Wahrheit und Wahrnehmung zusehends in Bilderfluten ertränkt werden. Manche erinnern sich vielleicht an die Fernsehbilder von Raketeneinschlägen im Golfkrieg 1991, die wie Lichtblitze einschlugen. Der französische Soziologe Jean Baudrillard legte damals in seinem Essayband „The Gulf War Did Not Take Place“ dar, wie diese Art der Bilder, die auch von Nachtsichtgeräten stammten, die Illusion erzeugten, der Krieg sei gar nicht wirklich, sondern ein Spiel. Die App TikTok setzt dies im Ukraine-Krieg in Hochpotenz fort und erweist sich, so der britische Journalist Chris Stokel-Walter, als perfekt gestaltet für einen Krieg und als „Alptraum für die Wahrheit“. User schwimmen in einen immersiven Strom knalliger Inhalte, der Algorithmus versorgt sie mit den Videos, die sie wollen, monopolisiert ihre Aufmerksamkeit. Der Hunger auf Kriegsvideos eskaliert: Videos mit dem Hashtag #Ukraine wurden in den ersten Kriegstagen milliardenfach geteilt; der Krieg hat TikTok zu einer viel gefragten Informationsquelle und Austauschplattform gemacht.

Diese Rolle spielt Telegram neben TikTok

Die Plattform ist einfach: Videomaterial von vor Ort lässt sich rasch, einfach und weit streuen, Töne oder Musik sind leicht hinzuzufügen oder zu entfernen. Manipulationen sind ein Kinderspiel. Aus dem Zusammenhang gerissene Bilder von Leichen, die sich angeblich noch bewegen und die belegen sollen, dass der Krieg in der Ukraine ein Schwindel sei? Was soll’s? Extrem erfolgreich: Ein Soldat, der Michael Jacksons Moonwalk tanzt. TikTok liefert ein Dauerfeuerwerk an Kriegsinhalten. Der Algorithmus bedient eine Art Eskalationslogik. Man wischt sich von einem Extrem ins nächste, von Mörsergranaten zu einer Atombombe, die angeblich über Kiew detoniert sein soll. Krieg wird zur Unterhaltung, zur Quasi-Simulation, zum Beinahe-Computerspiel, die Grenzen zwischen Fiction und Non-Fiction verwischen, Bilder kommen und gehen – Kriterien wie Kontext oder Relevanz oder Deutungsrahmen existieren nicht mehr. Und erst recht kein Schutz verletzbarer Zielgruppen, die zwischen harmlosen Beauty-Tipps nun abstürzende Hubschrauber und manches mehr sehen. 

Auch der Smartphone-Messenger Telegram gewinnt durch den Krieg enorm an Reichweite und Bedeutung. Eigentlich hat Telegram einen schlechten Ruf. Die App gilt als Ort der Desinformationen und Verschwörungserzählungen, als Umschlagplatz für Drogen und gefälschte Impfausweise. Hier soll die Terrormiliz Islamischer Staat neue Mitglieder rekrutiert haben und der Sturm auf das Capitol in Washington am 6. Januar 2021 organisiert worden sein. Aber: Auf der App können Personen oder Organisationen private Feeds mit Fotos und Videos einrichten. Diesen Kanälen kann eine unbegrenzte Anzahl von Personen folgen. Der Informationsfluss wird nicht durch einen Algorithmus gesteuert. Die Inhalte werden kaum kontrolliert. All das, so beschreibt es Bobby Allyn für das US-amerikanische Public Service Radio NPR, macht die Plattform mit Sitz in Dubai nun zum vielleicht wichtigsten Social Media-Kanal für Ukrainer, aber auch für zunehmend isolierte Russen.

Der ukrainische Präsident Wolodimyr Selenskyj sendet tägliche Updates in seine Gruppe, in der ihm 1,5 Millionen Menschen folgen. Über Telegram werden Nachrichten von Angriffen schneller verbreitet als über klassische Nachrichtenquellen. Dass dies ungeprüft geschieht, erscheint vielen ebenso zweitrangig wie, dass die Struktur von Telegram auch russischer Propaganda und Manipulation die Tür weit öffnet. Redaktionen hingegen wollen solcher Desinformation aktiv entgegenwirken und richten eigene Telegramkanäle ein, darunter die „New York Times“ und als jüngstes Beispiel „Bild“ (MEEDIA berichtete).

„Wir zeigen Hitler und Pol Pot, aber keinen der Kopfabschneider in Syrien, weil wir ihn damit ja verherrlichen könnten.“

Kriegsreporter Kurt Pelda

Es gibt aber noch ein Problem: Datenschutz. Telegram verschlüsselt Inhalte nicht standardmäßig. Theoretisch könnte daher das Unternehmen auf den Inhalt der Nachrichten zugreifen oder auch auf Verlangen einer Regierung dazu gezwungen werden, Daten herauszugeben. Ein gezielter Hackerangriff auf die Systeme des Messengers könnte etwa der russischen Regierung Chats offenen. Eine Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, bei der nur der Absender und Adressat einer Nachricht diese sehen können, ist nur bei der Funktion „Secret Chat“ sowie bei Sprach- und Videoanrufen eingerichtet. 

James Nachtwey spricht von einer besonders bedeutsame Form von Journalismus

Fotos aus Kriegen können Ikonen werden, Symbolkraft haben für viele ähnliche Situationen oder auch Dokument für ein außergewöhnliches Ereignis. Historische Beispiele sind der tödlich getroffene Soldat im spanischen Bürgerkrieg (Robert Capa) oder das nach einem Napalm-Angriff in Vietnam weglaufende Mädchen (Nick Ut). Bilder wie diese können auch die Kraft entwickeln, das Gewissen der Öffentlichkeit zu erschüttern und Diskussionen anzuheizen. James Nachtwey, der auch wegen der Bilder aus Vietnam beschloss, selbst Kriegsfotograf zu werden, erklärt im vom Schweizer Regisseur Christian Frei gedrehten Porträtfilm „War Photographer“, dass ein Journalist, der sich in eine Kriegszone begebe, eine besonders bedeutsame Form von Journalismus betreibe. Kriegsreportagen, so findet er, sollen berühren, Politiker zum Handeln antreiben und die Bevölkerung betroffen machen.

Professionelle journalistische Fotografie erschöpft sich nicht im Abbild, sondern in der gekonnten Verknüpfung von Erzählung und Relevanz. Es ist – wie auch textliches Erzählen – „emotional labor“ (Emotionsarbeit). Wir erleben eine Art „Iconic Turn“, eine ikonische Wende, im Journalismus: Weg von der lange im Informationsjournalismus üblichen Überzeugung, Seriosität und Emotion stünden zueinander im Widerspruch, und hin zu einem (verantwortungs-)bewussten Einsatz von Emotion als wichtige journalistische Arbeitsroutine. Diese Wende ist auch eine Reaktion des „Systems Journalismus“ auf eine affektive Gesellschaft mit sozialen Medien, die in ihrem Kern Emotionsmedien sind. Emotionen gehörten stets zu unserem Leben dazu, ihre Rolle in der journalistischen Praxis und in der Medienethik ist bedeutsam: Emotionen können ein ethisch orientiertes Abwägen stärken, aber auch Instrumente für unethisches Handeln sein. Einfühlungsvermögen ist unabdingbar, auch in der Kriegsberichterstattung. Einer, der diese Anforderung trefflich erfüllt, ist der Fotograf Emilio Morenatti

Er ist ein Chronist der Gefühle, ein Meister der Ästhetik des Grauens. Peter Hossli beschreibt in einem Porträt in der „NZZ am Sonntag“, wie sich der Spanier über das eigene Schicksal, über die eigene Verletzlichkeit Zugänge zu Menschen und Situationen verschafft. Seine Empathie, so zitierte er Morenatti, gebe ihm die Freiheit, gewisse Grenzen zu überschreiten. Ein Schlüsselereignis war eine eigene Leidenserfahrung: Bei der Explosion einer improvisierten Sprengfalle verlor er 2009 in Kandahar in Afghanistan sein linkes Bein unterhalb des Knies. Morenatti fotografiert Gefühle: Den Abschiedskuss eines Paars an der Zugtür am Bahnhof in Kiew. Den Vater, der seine Handflächen ans Zugfenster presst, um sich von seiner fünfjährigen Tochter zu verabschieden, die schon im Zug sitzt. Endlose Autoschlangen mit Menschen, die die Stadt auf diesem Weg verlassen wollen und nicht vorankommen, Menschen, die nach einem Bombenanschlag schauen, was übergeblieben ist.

Der ukrainische Fotograf Evgeniy Maloletka hingegen hält die Kamera auch auf Wunden, geht nahe ran. Seine Fotos dokumentieren, wie in Mariupol Leichen in ein Massengrab geworfen werden. Social Media nutzt er, um – hinter einem Warnhinweis – eine massive Gesichtsverletzung zuzumuten, die schwer auszuhalten ist und wohl kaum in publizistischen Medien veröffentlicht wird.

Was wir uns an Bildern zumuten wollen, verändert sich mit der Zeit

Kriegsreporter und Kriegsreporterinnen sehen weit mehr Brutalität als sie publizieren. Abgerissene Köpfe, zerfetzte Gesichter, abgesprengte Gliedmaßen: Es gibt Bilder, die wir als Tabu empfinden. Was wir uns zumuten wollen, verändert sich. Was zu Beginn seines Berufslebens noch in Fernsehbeiträgen zeigbar war, würde heute nicht mehr gesendet werden, beschreibt der erfahrene Kriegsreporter Kurt Pelda. Er ist zurzeit im Auftrag der „Weltwoche“ in der Ukraine und berichtet für weitere deutschsprachige Medien (u.a. das RND, SWR) In einem Interview erklärte er zur Frage, wie authentisch das Bild sei, das uns die Kriegsberichterstattung heute liefert, außerdem: „Wir sind zu korrekt, übertreiben es damit, immer noch weniger von der Brutalität zeigen zu wollen oder zu sollen. Damit sieht das, was im Krieg passiert, zu harmlos aus. Wir zeigen Hitler und Pol Pot, aber keinen der Kopfabschneider in Syrien, weil wir ihn damit ja verherrlichen könnten; das finde ich verquer.“

„Es gibt Bilder, die wir als Tabu empfinden. Was wir uns zumuten wollen, verändert sich.“

Marlis Prinzing

Der Fotograf Christoph Bangert veröffentlichte einen Teil seiner in Kriegsgebieten gemachten Bilder in einem kleinen Buch, das er „War Porn“ nennt. Keines der dort veröffentlichten Bilder wurde in einem journalistischen Medium veröffentlicht. Dabei sind es Abbilder der Realität, sagte er in einem „Spiegel“-Interview. Um Krieg zu begreifen, bedürfe es der blutigen Bilder.

Was in journalistischen Medien dem Publikum zugemutet wird, ist ein Entscheidungsprozess in mehreren Etappen. Die Fotografen und Fotografinnen treffen die Vorauswahl: Was sehen sie, was fotografieren sie, was davon reichen sie an die Redaktionen weiter? Dort wird überlegt, was und aus welchen Gründen gezeigt wird und wo gegebenenfalls Wörter reichen müssen. Enthauptete Soldaten muss man nicht abbilden, um zu erfahren, dass ihr Kopf weg ist. Es gibt kein Schwarz-Weiß, sondern stets Bandbreiten zwischen jenen, die mehr zumuten, und jenen, denen vieles zu viel ist.

Journalisten und Journalistinnen müssen die Grundzüge der Berufsethik kennen

Entscheidend und ein Zeichen für Professionalität ist es, nachzudenken, ehe man veröffentlicht. Und so wie Juristen die Verfassung kennen sollten, müssen Journalisten und Journalistinnen die Grundzüge der Berufsethik kennen und obligatorisch in der Ausbildung trainieren. Bei sensiblen Entscheidungen wie den Bildern aus Irpin sollten schon der journalistischen Glaubwürdigkeit wegen gegenüber dem Publikum die Abwägungen in der Redaktion transparent gemacht werden. Die alte „Frühstückstisch-Testfrage“ – Würde ein Bild jemanden, der die Zeitung beim Frühstück aufschlägt, empören? – hat ausgedient.

Hinweis: Der Text ist eine durch Bezüge auf den deutschen Pressekodex, deutsche Beispiele und auf Telegram veränderte und erweiterte Fassung eines am 16. März in der „Medienwoche“ erschienenen Textes

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