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Die GAFAM-Kolumne

Facebooks freier Fall aus der GAFA-Eliteliga

BigTech Weekly

Nils Jacobsen – Illustration: Bertil Brahm

Es ist vorbei: Die Facebook-Ära ist Geschichte, Meta steht vor einem langen, zähen Abstiegskampf. Nach einer Wertvernichtung von in der Spitze 450 Milliarden Dollar kann die Facebook-Mutter schlicht nicht mehr in gleichem Atemzug mit den anderen Big Techs genannt werden. Meta ist nur noch eine Mittelmacht auf Abruf.

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Wann waren Sie eigentlich zuletzt auf Facebook? Angeblich macht ja inzwischen so ziemlich jeder einen großen Bogen um das toxisch böse Netzwerk mit dem blauen Logo – gefühlt niemand will dort mehr gesehen werden. Facebook scheint so ziemlich der schlimmste Ort des Internets geworden zu sein, wenn die Kübel Schadenfreude, die dieser Tage über das größte Social Network unserer Zeit ausgekippt werden, ein Indikator sind.

Keine Frage: Facebook ist seit vielen Jahren die Lieblingszielscheibe – medial und politisch, von Nutzerseite sowieso. Mark Zuckerberg ist zudem nicht gerade als Charmebolzen aufgefallen, dem man die ein oder andere Verfehlung so einfach durchgehen lässt – sein bester Auftritt aller Zeiten bleibt die schelmische Replik „Senator, we run ads.“ 

Neu ist, dass nach jahrelangen Abgesängen nun tatsächlich der Ernstfall eingetreten ist, der seit Jahren herbeigeschrieben wurde: Facebook scheint den Zenit überschritten zu haben. Das weltgrößte soziale Netzwerk wächst nicht mehr und verliert sogar erstmals Nutzer. Das liegt einerseits an der Macht der großen Zahlen, vor allem aber an einem ernst zu nehmenden Rivalen, nämlich TikTok.

Als wäre die neue Bedrohung in der Praxis noch nicht schlimm genug, spürt der Social Media-Pionier die harte Hand von Apple, die Metas Umsatzwachstum durch die neuen Datenschutzregeln fast zum Erliegen bringt. Entsprechend logisch erscheint der perfekte Sturm, der an der Wall Street ausgebrochen ist. Selten hat sich ein Wendepunkt in der Tech-Branche so angekündigt wie Metas historischer Kurssturz in der vergangenen Woche, der sich Tag für Tag immer weiter ausweitet. 

Eine Woche nach dem Bilanzmassaker wird deutlich, dass der Börsenabsturz zum regelrechten Dammbruch geworden ist. Meta vernichtet Tag für Tag weiter viele Milliarden an Börsenwert – Anleger wollen nur noch raus, inzwischen fast egal zu welchem Preis.    

Der Grund für den Totalkollaps, der binnen einer Woche mehr als 300 Milliarden Dollar Börsenwert ausradiert hat, liegt in der Tragweite der jüngsten Entwicklung. Obwohl Meta von den GAFAs mit gerade 18 Jahren das jüngste Unternehmen ist, ist es gleichzeitig das erste, das am Wendepunkt angekommen zu sein scheint. Apple reizt nach seiner Neuerfindung als iKonzern kraft der Marke sein Potenzial im Bereich der Internetdienste weiter aus, während Amazons und Googles Kerngeschäft ungefährdet weiter wächst und beide Internetpioniere mit der Cloudsparte ein neues Wachstumssegment besitzen.      

Meta steckt dagegen überraschend plötzlich in der Sackgasse. Das Apple-Problem bleibt, die TikTok-Problematik könnte sogar schnell größer werden. Von hier an scheint es für Meta nichts mehr zu gewinnen zu geben, sondern nur zu verlieren. Meta droht damit ein langer, zäher Abstiegskampf. Es gibt wenig vergleichbare Momente in der Technologiebranche, in denen klar wird, dass gerade etwas zu Ende geht, was nie wiederkommt. Meta erlebt in diesen Tagen einen solchen Zeitenwende-Moment. Das Facebook-Zeitalter ist überschritten, was von hier an kommt, weiß niemand. Wird Metas Schicksal dem von MySpace ähneln und in einer Implosion enden – oder am Ende doch dem von Apple gleichen, das sich nach dem Ableben von Steve Jobs ein, zwei Jahre in einer Sinnkrise befand und dann aber doch zurück in die Spur fand, ohne sich fundamental neu erfinden zu müssen?  

Tatsächlich ähnelt Meta heute verblüffend Apple in den ersten Jahren von Tim Cook. Ziemlich genau ein Jahr nach der Amtsübernahme von Cook stürzte Apple Ende 2012 in eine überraschende Krise, als das zu kleine iPhone 5 nicht den Erwartungen entsprach und Apples Absätze erstmals seit über eine Dekade wieder stagnierten. Cook wirkte von der großen Aufgabe überfordert, Apple schien auf dem Smartphone-Markt von Samsung erst düpiert, dann abgehängt. Die Folge: Ein großer Reset an der Wall Street, der zu Kursverlusten von in der Spitze über 45 Prozent führte. Eineinhalb Jahre dauerte der Prozess, bis die Wall Street wieder Vertrauen in Apple und Cook mit der Aussicht auf das größere iPhone 6 und neue Erlösquellen durch den China-Mobile-Deal fand.

Auf eine ähnliche Durststrecke müssen sich Meta-Aktionäre und Mitarbeiter, deren Aktienoptionen nun um 35 Prozent tiefer notieren als vor sechs Wochen, möglicherweise einstellen. Auch wenn die Meta-Aktie mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von inzwischen 16 gegenüber den anderen GAFAs bzw. gegenüber dem breiten Markt vermeintlich günstig aussieht, scheint ein kurz- oder mittelfristiges Comeback nahezu ausgeschlossen. Zu groß sind die Baustellen, das Enttäuschungspotenzial bei neuen Quartalsbilanzen und der Wunsch von Aktionären, die sich aktuell unter Wasser befinden, etwa bei besseren Kursen die Position glattzustellen. Nach Apples Vorbild von 2013 könnte es ein gutes Jahr dauern, bis sich eine neue Aktionärsstruktur gebildet hat und alle „Zittrigen“ das vermeintlich sinkende Schiff verlassen haben. Es ist ein Prozess, kein Event.    

Der De-facto-Niedergang an der Wall Street bedeutet zudem das Ende eines Zeitalters. Die 10er-Jahre wurden zum Synonym der GAFAs, die ihren Ausdruck in eben jenem Akronym und Big-Tech-Bestsellern wie „The Four“ von Scott Galloway fanden. Die Metapher ist nun kaum länger haltbar. Meta hat seit den Höchstständen im vergangenen Jahr 43 Prozent bzw. 450 Milliarden Dollar an Börsenwert verloren und kann mit einer Marktkapitalisierung von gerade noch 600 Milliarden Dollar unmöglich mehr in einem Atemzug mit den Giganten Apple, Alphabet, Amazon, aber auch Microsoft genannt werden. Diese Vier – zwei IT-Veteranen aus den 70ern und zwei Internetpioniere aus den 90ern – sind das wahre Gesicht von Big Tech. Meta hat nach dem dramatischen Abstieg der vergangenen Wochen nichts mehr in der obersten Tech-Eliteliga verloren.

An der Wall Street wurde Meta längst von Tesla, aber zuletzt auch dem Finanzkonglomerat Berkshire Hathaway und dem Chip-Hersteller Nvidia überholt – der taiwanische Halbleiterhersteller TSCM und sogar auch wieder der chinesische Internetgigant Tencent sind bis auf wenige Prozentpunkte an die Facebook-Mutter herangerückt. Es ist vorbei: Mark Zuckerbergs Weltmachtsfantasien sind Geschichte, Meta ist an der Börse nur noch eine Mittelmacht.   

GAFA ist tot, lange lebe GAMA! (Google, Amazon, Microsoft und Apple)    

+++ Short Tech Reads +++

Reuters: Peter Thiel verlässt Facebooks Aufsichtsrat

Noch ein Freund weniger: Peter Thiel, Facebooks erster großer Investor, verlässt nach 15 Jahren den Aufsichtsratsrat – oder doch das sinkende Schiff? Offizielle Sprachregelung: Thiel wolle sich verstärkt um die republikanische Agenda bei den Zwischenwahlen kümmern. Zumindest vom scheidenden Aufsichtsratsmitglied erhielt Zuckerberg Lob in schwierigen Zeiten: „Seine Talente werden helfen, Meta in eine neue Ära zu führen.“ Angesichts der aktuellen Kursverluste kann man es eine fast antizyklische These nennen…

CNBC: Peloton bricht im 4. Quartal weiter ein 

Peloton kommt einfach nicht zur Ruhe: Aus dem schwersten Kurseinbruch aller Stay-at-Home-Aktien zog CEO John Foley Anfang der Woche die Konsequenzen und räumte mit sofortiger Wirkung den Chefsessel. Die jüngste Quartalsbilanz unterstreicht, dass die Demission alternativlos war: Bei Umsätzen von 1,13 Milliarden Dollar verlor der Home-Fitness-Anbieter enorme 440 Millionen Dollar. Trotz – und wegen – der happigen Geräte- (das Einstiegs-Bike kostet 1.745 Euro) und Abopreise (40 Euro pro Monat!) geht Pelotons Geschäftsmodell einfach nicht auf. Bleibt die Frage, ob sich ein GAFA-Gigant die Restrukturierungsarbeit antut…  

Variety: Disney verblüfft mit 12 Millionen neuen Abonnenten

Achtung, Netflix: Disney+ kommt näher. Der Filmpionier veröffentliche gestern nach Handelsschluss überraschend starke Quartalszahlen und konnte im Geschäftszeitraum von Anfang Oktober bis Ende Dezember 11,8 Millionen neue Abonnenten seines Streamingdienstes verkünden. Zum Vergleich: Netflix vermeldete im gleichen Berichtszeitraum lediglich 8,3 Millionen neue zahlende Mitglieder. 

Per Ende Dezember bringt es Disney+ nun bereits auf 129,8 Millionen Abonnenten – und rückt damit näher an Netflix (222 Millionen Abonnenten) heran. CEO Bob Chapek bekräftigte das Ziel von 230 bis 260 Millionen zahlenden Zuschauern bis 2024. Das Dow Jones-Mitglied verdiente im 4. Kalenderquartal 2021 bei Umsätzen von 21,82 Milliarden Dollar netto 1,15 Milliarden Dollar. In Reaktion auf das starke Zahlenwerk legte die Disney-Aktie nach Handelsschluss um 8 Prozent zu.          

++ One more Thing: Facebook bekommt die Serie, die es verdient +++

Und zu guter Letzt noch dies: Was bei all dem Facebook-Drama natürlich noch fehlt, ist die passende Serie. Ja, „The Social Network“ war großartig – so großartig sogar, dass es als Goldstandard aller Tech-Biopics in die Geschichte eingeht –, aber die Aaron Sorkin-Verfilmung beschrieb eben nur die Anfänge der Facebook-Saga. 

Wie immer folgt auf Aufstieg bekanntlich der Fall, der nun auch filmisch in Szene gesetzt sein will. Nach Metas Totalimplosion an der Wall Street könnte das Timing für die HBO-Ankündigung über den Serienabgesang auf Facebook nicht besser sein. Tatsächlich: Der zu WarnerMedia / AT&T gehörende Sender hat die Rechte am Buch „An Ugly Truth: Inside Facebook’s Battle for Domination“ erworben und macht daraus die Miniserie „Doomsday Machine“.

Nicht nur Mark Zuckerberg bekommt seine Hollywood-gerechte Demontage, sondern auch seine rechte Hand bekommt die Bühne, die sie längst verdient hat: Sheryl Sandberg wird von „The Crown“-Darstellerin Claire Foy gespielt – mehr geht nicht. 

In der Zwischenzeit gibt es in der Mediathek eine Abrechnung mit einem Internet-Bad Guy: Natürlich die Kinnlade herunterklappende Netflix-Doku „Tinder Swindler“. Wenn Sie sie noch nicht gesehen haben: Lassen Sie alles stehen und liegen und nehmen Sie sich zwei Stunden Zeit für dieses unfassbare Gruselstück über Sex, Lügen und Betrug im Internet. 

Happy Streaming + bis nächste Woche!   

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