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Konzernführung wird schwer belastet

„FT“-Bericht zur Causa Reichelt – mieses Zeugnis für die Springer-Führung

Mathias Döpfner

Mathias Döpfner – Foto: Imago

Echos des Falls Julian Reichelt beschäftigen die Medien im Allgemeinen und Axel Springer im Besonderen nach wie vor. Jetzt veröffentlichte die britische „Financial Times“ ein langes Stück, das vor allem die Springer-Führung in sehr schlechtem Licht dastehen lässt. Der Eindruck entsteht, dass hier so gut wie gar nichts aufgearbeitet wurde.

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Nach dem Enthüllungsbericht der „New York Times“ war Julian Reichelt als „Bild“-Chefredakteur nicht mehr zu halten. Selbst Springer-CEO Mathias Döpfner, der sich zuvor mit Händen und Füßen dagegen gewehrt hatte, musste seinen Lieblings-Journalisten zähneknirschend ziehen lassen. Nun ist es wieder ein angelsächsisches Medium, das in der Affäre brisante Details ans Tageslicht bringt. Diesmal geht es vor allem darum, wie das Springer-Management mit dem Fall Reichelt umging. Was da in der „FT“ zu lesen ist (€), wirft kein gutes Licht auf die Springer-Führungsriege, vor allem auf News-Vorstand Jan Bayer und CEO Mathias Döpfner.

Mathias Döpfner wird für den BDZV nach dem „FT“-Bericht zur Belastung, meint MEEDIA-Chefredakteur Stefan Winterbauer – Illustration: Bertil Brahm

Reichelt wurde am 18. Oktober vergangenen Jahres gefeuert, angeblich wegen „neuer Erkenntnisse“ (MEEDIA berichtete). So neu scheinen diese Erkenntnisse laut der „FT“ nicht gewesen zu sein. Mehrere involvierte Personen haben der „FT“ gegenüber erklärt, dass Axel Springer über die schwerwiegenden Vorwürfe gegen Reichelt informiert war, noch bevor die Untersuchung der Kanzlei Freshfields begann. Springer wird in der „FT“ hierzu mit den Worten zitiert, die Anfrage der Zeitung enthalte „falsche Fakten, Mutmaßungen, Insinuationen und Schlussfolgerungen“. Reichelt selbst wird einmal mehr mit der Aussage zitiert, die Vorwürfe gegen ihn seien Lügen und er habe sich keines Fehlverhaltens schuldig gemacht. Auf DPA-Anfrage sagte ein Springer-Sprecher aktuell zu dem „FT“-Bericht: „Der Artikel zeichnet ein irreführendes Bild der Compliance-Untersuchung, der daraus gezogenen Konsequenzen, des gesamten Unternehmens und seiner Führung.“ Man sollte den „FT“-Artikel unbedingt selbst lesen, um sich ein Bild zu machen.

Laut „FT“ haben zwischen 2019 und 2020 mindestens fünf leitende Redaktionsmitglieder die damalige News-Vorstandsfrau Stephanie Caspar über Verhaltens-Verfehlungen und verbale Entgleisungen Reichelts informiert. Caspar wies gegenüber der „FT“ zurück, von unangemessenem sexuellen Verhalten Reichelts vor Februar 2021 informiert gewesen zu sein. Es habe nur Beschwerden über seinen ruppigen Führungsstil und seine „Boys Club“-Mentalität gegeben.

Private „Gegen-Untersuchung“ des Springer-CEOs

Weiter schreibt die „FT“, dass Reichelt während der laufenden Untersuchung Updates erhalten habe, die es ihm ermöglicht hätten viele der Zeugen zu identifizieren. Kurz nach der Freshfields-Untersuchung habe CEO Döpfner eine private „Gegen-Untersuchung“ angestrengt, um eine angebliche „Verschwörung“ gegen Reichelt nachzuweisen. In einem ersten Video-Statement nach Reichelts Entlassung hatte Döpfner auch von „Hintermännern“ gesprochen, die Reichelt zu Fall bringen wollten. Nach Kritik hat Döpfner dieses Video selbst als Fehler bezeichnet. Der „Spiegel“ hatte bereits berichtet, wie Döpfner versucht hatte, Berichterstattung zum Fall Reichelt zu behindern (MEEDIA berichtete).

Döpfner als BDZV-Präsident

Der Artikel in der „FT“ ist für Axel Springer noch viel schädlicher als die Enthüllung der „New York Times“. Die „FT“ zerlegt das Narrativ vom bedauerlichen Einzelfall. Hier zeigt sich das Bild einer systematischen Vertuschung von massivem Fehlverhalten durch das Springer-Management, angeführt von seinem CEO. Der ganz nebenbei auch noch als BDZV-Präsident für die deutsche Zeitungsbranche spricht. Döpfners Verhalten in der Causa Reichelt sorgte im BDZV für Rumoren, letztlich sprach ihm das Präsidium aber das Vertrauen aus, nachdem er sich für seine verbalen Entgleisungen in einer privaten Textnachricht entschuldigte, in der er deutsche Journalisten als „Propaganda-Assistenten“ bezeichnete.

Die „FT“-Story wird seine Kritiker in BDZV-Reihen nun vielleicht erneut aufstacheln. Ganz am Anfang des „FT“-Textes wird eine langjährige Springer-Führungskraft anonym zitiert mit den Worten, der Freshfields-Report sei „not survivable“, sollte er an die Öffentlichkeit kommen. Jeder Außenstehende, der den Report liest, würde nicht nur fragen, wer Reichelt als „Bild“-Chef ablöst, sondern auch: „Wer ist der neue CEO?“ und „Wer ist der neue Chef von News Media?“. Nun, da der CEO von Axel Springer auch Eigentümer von Axel Springer ist, läuft diese Frage offensichtlich ins Leere. Egal, wie beschämt die Konzernführung von Springer jetzt dasteht – mit weiteren Konsequenzen bei Springer ist nicht zu rechnen. Wie es beim BDZV aussieht, muss man abwarten. Döpfner war für den Verband stets ein Gewinn, ein Aushängeschild. Momentan ist er eher eine Belastung.

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