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Wirbel um "Welt"-Kommentar

Ulf Poschardt, die Faeser-Kolumne und die „Super Holocaust-Überlebenden“

"Welt"-Chef Ulf Poschardt steht wegen der Äußerung "Super Holocaust-Überlebende" in der Kritik

"Welt"-Chef Ulf Poschardt steht wegen der seiner Kolumne über Bundesinnenministerin Nancy Faeser in der Kritik. Foto: Imago

Eine Kolumne, mehrere Versionen – eine davon hat Ulf Poschardt jetzt viel Kritik eingebracht. Dabei wollte sich der „Welt“-Chefredakteur mit seinem Text gegen „Toleranz für Linksradikalismus“ ins rechte Licht rücken. Das ist ihm jetzt gelungen, meint MEEDIA-Redakteur Tobias Singer.

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„Super Holocaust-Überlebende“  – was für eine Wortungetüm wurde da am Wochenende kurzzeitig aus der „Welt“ in die Welt entlassen? Diese Kombination von Castingshow und Menschheitsverbrechen ist so irrsinnig, so überzogen, kann man wirklich davon ausgehen, dass Ulf Poschardt sie ernsthaft so geschrieben hat? Wagen wir die Analyse.  (Mehr zum Hintergrund kann man hier bei MEEDIA lesen)

Zuerst: Ulf Poschardt selbst sagt klar „nein“. Das muss man gelten lassen. Die Frage: Was ist dann geschehen? Auf Twitter schreibt der „Welt“-Chef selbst von einem „ärgerlichen Fehler bei der Digitalisierung“. Der soll bei der Übertragung aus der „Welt am Sonntag“ („Wams“) in die Online-Version erfolgt sein. Es gibt Bedauern und es gibt die Bitte um Verständnis von Seiten Poschardts. Verstanden. Was aber bleibt, ist eine Erklärung, die nicht wirklich viel erklärt. Damit ist die Aufklärungsarbeit noch nicht abgeschlossen. Weitere Details folgen später über den offiziellen „Welt“-Account. 

Die Redaktion der „Welt“ hat sich an einer Rekonstruktion probiert. Was ist also wirklich geschehen? Vorweg: Es war die berühmte Verkettung sehr, sehr unglücklicher Umstände. Man kennt das, nicht nur in Redaktionen. Statt „Super Holocaust-Überlebende“ sollte in der Onlinerversion „Superlinke Aktivistinnen“ stehen. Aha.

Was auch immer das sein soll, stellt sich die Frage: „Wie konnte das passieren?“ Daran ist nicht nur die „Twitter-Welt“ interessiert, sondern auch die Twitter-„Welt“ und liefert gleich die Antwort: ein Copy-and-Paste-Ausrutscher. Die Ikone unter den Fehlern in der Redaktionsarbeit. Konkret: Die Mitarbeiterin, die den Kommentar aus „Wams“ ins Digitale übertragen sollte, habe an der besagten Stelle einen Link gesetzt zu einem anderen Artikel. Und im Cache, also im Zwischenspeicher, habe sich der „Super-Holocaust-Überlebende“ versteckt. Der so seinen Weg in den Kommentar fand.

Und danach? Haben alle Kontrollmechanismen versagt. Wieder so ein Klassiker der Redaktionsarbeit, gerade wenn es schnell gehen muss, weil die „Toleranz gegen den Linksradikalismus kaum hinterfragt wird“ (O-Ton Kommentar).

Fehler und verschwundene Textstellen

Was dagegen ganz gut funktionierte: Das Wort „super Holocaust-Überlebende“ hat ganz super in den Satz gepasst – Casus, Bindestrich, Leerzeichen dazu, einfach per Copy-and-Paste. Schon sieht alles super richtig aus. Für die besagte Mitarbeitende schien es zum Ton des ganzen Beitrags gepasst zu haben. Keine Auffälligkeit. Weiter. 

Zwei alte Versionen der „Welt“-Kolumne und der Tweet von Ulf Poschardt

Was auch gut funktionierte: Nachdem die Kritik groß war, wurde der Onlinetext auch an anderer Stelle geändert. Mit dem Unwort verschwand der Verweis auf den umstrittenen Fall um den Bundeswehroffizier „Marcel Bohnert“, dem rechte Aktivitäten vorgeworfen worden waren und dazu gleich ein ganzer Absatz, in dem der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk zum Propagandainstrument linker Kreise erklärt wurde. Ursprünglich war zu lesen:
„Da müssen sich unbescholtene Bundeswehr-Offiziere wie Marcel Bohnert von super Holocaust-Überlebenden und deren PR-Abteilungen in der ARD in die braune Ecke treiben lassen, jedem Corona-Demonstranten wird die Nähe zu mitlaufenden irren Rechtsradikalen angekreidet, aber links gibt es kaum Abgrenzungen zu verfassungsfeindlichen Rändern.“ 

An anderer Stelle fand sich noch ein bemerkenswerter Fehler. Da wurde die kritisierte Bundesinnenministerin Nancy Faeser in einem Nebensatz zur Gründerin der VVN gemacht. Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes wurde 1947 von einer Gruppe „super Holocaust-Überlebender“, hier passt die Kombination einmal wirklich, in Berlin gegründet. Da war Nancy Faeser noch 23 Jahre nicht auf der Welt. In der „Welt“ musste damit wieder eine neue Version online gehen. Die Fehler in der Digitalisierung, sie häufen sich.

Vielleicht ist es ja so gelaufen

Und vielleicht deuten diese Fehler ja auf etwas ganz anderes hin: Vielleicht, also nur ganz vielleicht, könnte es ja so gewesen sein, dass da eine Version live ging, die gar nicht hätte live gehen sollen. Ein Ergebnis des ganz persönlichen Ärgers eines Chefredakteurs, der auf Twitter gerne mit Ironie und Clown-Emojis um sich wirft, über den Beitrag von Nancy Faeser in der Verbandszeitung „Antifa“. Das Ergebnis eines ganz persönlichen Ärgers über das Lieblingsziel Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk und das Ergebnis eines ganz persönlichen Ärgers über den Umgang mit Corona-Demonstranten. Also, nur ganz vielleicht.

Übrigens: Erinnert sich vielleicht noch jemand an die Headline „Wollt ihr die totale Angst?“. Da ging es mit Goebbels gegen die Klimabewegung. Das war kein Fehler in der Digitalisierung, aber ein Versehen über einem sehr „differenzierten Text“, der auch in der „Welt“ erschien.

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