Anzeige

Coaching Corner

Coaching-Thema: „Wie schaffe ich es, mich nicht in undankbaren Jobs zu verzetteln?“

Ines Thomas - Zeichnung: Bertil Brahm

Regelmäßig beantwortet Business & Leadership Coach Ines Thomas die Fragen der MEEDIA- Leser*innen. Unvoreingenommen, lösungsorientiert und optimistisch. Diesmal geht es darum, wie es einer freien Journalistin gelingen kann, gelassener mit Phasen finanzieller Unsicherheit umzugehen.

Anzeige

Leser*innen-Frage: „Ich bin freie Journalistin und gerate immer wieder in stressige Situationen oder an undankbare Jobs. Es ist immer das Gleiche: Sobald sich eine kleine Auftragsflaute abzeichnet, meldet sich mein übertriebenes Sicherheitsbedürfnis und ich sage vorschnell bei Projekten zu, die auf den zweiten Blick gar nicht zu mir passen, keinen Spaß machen und/oder gemessen am Aufwand zu schlecht bezahlt sind. Gerade, wenn Anfragen mit langem zeitlichem Vorlauf kommen und der Kalender zum Abgabetermin noch beunruhigend leer ist, schnappt mein Sicherheits-Mechanismus zu. Das führt oft dazu, dass ich später aus Zeitnot Anfragen absagen muss, die ich eigentlich viel lieber gemacht hätte. Zum Jahresbeginn habe ich mir vorgenommen, besser dafür zu sorgen, dass mir Zeit und Energie bleiben, um mich auf meine Herzensthemen zu fokussieren. Wie kann mir das gelingen?

Zunächst einmal möchte ich Ihnen ganz ernst gemeint zu Ihrem „Luxusproblem“ gratulieren. Anscheinend haben Sie nicht nur erfreulich viele und vielseitige Aufträge, sondern auch die Fähigkeit, sogar Aufgaben, die Ihnen nicht unbedingt liegen, zur Zufriedenheit Ihrer Kunden zu erledigen. Das ist doch schon mal eine gute Ausgangs-Basis, um ganz souverän darüber nachzudenken, wie Sie mehr von dem tun können, was Ihnen eigentlich Spaß macht und wichtig ist.

Ich möchte Ihr Thema über zwei verschiedene Lösungsrouten betrachten, an denen Sie parallel oder unabhängig voneinander arbeiten können:

  1. Was können Sie tun, um Ihr Bedürfnis nach (finanzieller) Sicherheit zu „entspannen“?
  2. Was erleichtert es Ihnen, künftige Auftrags-Entscheidungen entsprechend Ihrer Wünsche und Vorstellungen zu treffen?

Starten wir mit Punkt 1, Ihrem Bedürfnis nach finanzieller Sicherheit.
Sicherheit ist eins der zentralen menschlichen Grundbedürfnisse und in unserer Welt ist finanzielle Absicherung nun mal eine wichtige Komponente, die das allgemeine Sicherheitsempfinden stärkt.
Ihr Bedürfnis ist also erstmal grundsätzlich kein Problem, sondern völlig normal und berechtigt. Problematisch ist nur Ihre aktuelle „Strategie“, die sie zur Erfüllung des Bedürfnisses wählen: Nämlich mehr bzw. andere Aufträge anzunehmen, als sie verkraften können und wollen.
Ihr Weg zur Lösung sollte es also nicht sein, sich das Bedürfnis abzutrainieren, sondern eine passendere Strategie zur Erfüllung des Bedürfnisses zu entwickeln.

Fragen Sie sich: Was kann dazu beitragen, dass ich mich finanziell abgesichert und unabhängiger von der kurzfristigen Geschäftsentwicklung fühle? Sie sollten Ihre individuelle Strategie selbst formulieren, dennoch als Anregung ein paar beispielhafte Ideen, wie so etwas aussehen kann:

  • Regelmäßige Planungsgespräche mit Stammkunden initiieren
  • „Auftrags-Pipeline“ aktiv steuern, indem Sie Zeit für proaktive Themenvorschläge oder Marke- ting-Aktivitäten zu Herzensthemen reservieren
  • Einen finanziellen Schlechte-Zeiten-Puffer auf einem Unterkonto anlegen
  • Einen „Notfallplan“ zum Senken der monatlichen Ausgaben entwickeln, der greift, wenn gerade mal Flaute ist
  • Oder, oder, oder… noch ein Impuls dazu: Wenn sich Ihr Sicherheits-Mechanismus mal wieder meldet, ärgern Sie sich nicht darüber, sondern nutzen Sie das Alarm-Signal als wertvolle Erinnerungsfunktion dafür, dass es Zeit ist, Ihre alternativen Sicherheits-Strategien aufzufrischen und zu aktivieren.

Nun ein Blick auf die zweite Lösungsroute: Was erleichtert es Ihnen, künftige Auftrags-Entscheidungen entsprechend Ihrer Wünsche und Vorstellungen zu treffen? Meine Empfehlung ist: Schaffen Sie sich ein stützendes Framework aus klaren Regeln, das Ihnen in „schwachen Momenten“ Halt gibt.Konkret: Entwickeln Sie ein Set an glasklaren Prinzipien, die Sie vor jeder Projekt-Zusage überprüfen. Ihre „Gebote-Liste“ formulieren Sie, indem Sie genussvoll „das Beste“ aus Ihren bisherigen Negativ-Erfahrungen extrahieren. Was möchten Sie künftig nicht mehr tun bzw. erleben? Welche Rahmenbedingungen führen dazu, dass Sie ins Stocken kommen? Von hier aus formulieren sie, was im Umkehrschluss gegeben sein muss. Reflektieren Sie, was die konkreten Aufgaben, Momente, Tätigkeiten und Kontexte sind, die Ihnen an ihren Herzensthemen besonders viel Spaß machen. Geben Sie Ihren Lieblingsjobs ein klares Profil. Je expliziter die „Gebote“, Ihre bisherigen Erfahrungswerte und Wünsche reflektieren, desto hilfreicher sind sie später für die tägliche Entscheidungspraxis.Hier ein paar Beispiele, wie solche Regeln klingen könnten:

  1. Ich nehme nur Aufträge an, die auf meine Kern-/Herzensthemen oder X, Y, Z einzahlen
  2. Zu meinen Kern-Tätigkeiten zählen X, Y, Z. Tätigkeiten, die nicht in dieses Spektrum fallen,übernehme ich nur unter den Bedingungen X, Y, Z.
  3. Ich arbeite grundsätzlich nicht unter einem Stundensatz/Zeilengeld von X
  4. Ich nehme keine Aufträge aus den Branchen / von den Unternehmen XYZ an.usw.

Halten Sie diese Liste an Ihrem Arbeitsplatz immer in Sichtweite und verfeinern bzw. ergänzen Sie sie regelmäßig auf Basis neuer Erfahrungen.

Ergänzend zu Ihren individuellen Geboten, kann Ihnen bei zweischneidigen Projektanfragen zudem dieser „Fragen-Dreisprung“ dabei helfen, unbekümmert über altbekannte Fallen zu hüpfen.

  • Frage 1: „Fun-Check“Angenommen, der Auftrag wäre nächste Woche fällig. Würde ich mich jetzt mit Freude an die Arbeit machen?
    Ist Ihre spontane Antwort „Nein“, sagen Sie innerhalb von 24 Std. ab – selbst, wenn der Abgabetermin noch Monate hin ist.
  • Frage 2: „Aufwands-Check“ Wie viel Zeit brauche ich realistisch für alle – die interessanten und die mühsamen – Aspekte und Phasen des Projekts?
    Schlagen Sie 15 Prozent für Unvorhersehbares und Organisatorisches drauf und überprüfen Sie, ob sie im Stundensatz noch über ihrem Mindeststandard liegen. In Abhängigkeit vom Ergebnis des „Fun-Check“ (Frage 1) sagen Sie ab, oder verhandeln nach.
  • Frage 3: „Potential-Check“ Welche Chancen würden mir mittel- oder langfristig voraussichtlich entgehen, wenn ich die- sem Kunden jetzt absage? Welche Chancen in Bezug auf meine Herzensthemen verpasse ich, wenn ich meine Kapazitäten mit diesem Auftrag binde?

Indem Sie diese Punkte wie auf einer gedanklichen oder tatsächlich visualisierten Wippe bzw. Waage balancieren, machen Sie sich mögliche Auswirkungen Ihrer Entscheidung noch einmal bewusst, bevor Sie einen Entschluss fassen.

Ich hoffe, meine Impulse sind für Sie hilfreich, um die Auftragsweichen 2022 in Ihrem Sinne zu stellen. Auch, wenn es etwas Disziplin und Zeit braucht, um die passenden individuellen Strategien und Re- geln zu entwickeln, dürfen Sie sich mittelfristig auf jede Menge Energie-Gewinn freuen. Ich wünsche Ihnen viel Spaß und Leichtigkeit bei allen kommenden Entscheidungen und Herzensprojekten.


JETZT SIND SIE DRAN

Sie stehen vor neuen Aufgaben oder Herausforderungen? Sie stecken mitten in einer (un)freiwilligen Veränderung? Oder Sie wollen die äußeren und inneren Konflikte des Medienmenschen-Lebens lösen? Dann schreiben Sie Ines Thomas unter CoachingCorner@meedia.de.

KLEINGEDRUCKTES

Diese Kolumne soll unseren Leser/innen auf Basis der eingesandten Fragen erste Anregungen für Lösungsansätze geben und kann eine persönliche Coaching-Sitzung nicht ersetzen. Indem Sie eine Frage an die Kolumnistin richten, stimmen Sie zu, dass Ihre Email anonymisiert – ganz oder in Auszügen – veröffentlicht wird. Unter Umständen werden eingesandten Fragen zugunsten einer besseren Les- und Nachvollziehbarkeit gekürzt und/oder redaktionell bearbeitet.

Weitere Kolumnen von Ines Thomas finden Sie hier.

Anzeige