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Debatte "Hinter den Schlagzeilen"

„Bild“ und die Wissenschaft: “Boulevard muss Boulevard bleiben”

"Bild"-Talk "Hinter den Schlagzeilen: Prof. Michael Hallek, Dr. Viola Priesemann, Prof. Otmar Wistler, Johannes Boie, Prof. Michael Meyer-Hermann, moderiert von Blanka Weber – Foto: Screenshot

Die “Bild” lud zu einer Debatte “Hinter den Schlagzeilen”, um mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in einen Dialog zu treten. Auslöser war die Kritik an einem „Bild“-Artikel zu Corona-Maßnahmen. Zwar wurden gemeinsame Nenner gefunden – doch reicht das für eine bessere Kommunikation?

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Dass viele Forschende die “Bild”-Zeitung skeptisch beäugen, sollte spätestens seit dem heftig kritisierten Artikel “Die Lockdown-Macher” nicht verwundern. Trotzdem waren an diesem Freitag vier hochkarätige Wissenschaftler dem Ruf der „Bild“ gefolgt, bei der ersten Ausgabe von “Hinter den Schlagzeilen” den Dialog zu suchen. “Mir ist es bewusst, dass es für Sie ein langer Weg war – in mehrfacher Hinsicht”, begrüßte „Bild“-Chefredakteur Johannes Boie seine Gäste und betonte, dass es ihm wichtig sei, “dass diese Gespräche geführt werden”. 

Helmholtz-Präsident Prof. Otmar D. Wiestler und Prof. Michael Meyer-Hermann, Leiter der Abteilung System-Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, machten klar, dass sie vorab von Kolleg*innen gewarnt worden seien, die Wissenschaftsbetriebe würden sich von “Bild” instrumentalisieren lassen. Wiestler hielt entgegen: “Das ist heute eine gemeinsame Veranstaltung der drei betroffenen Forschungsorganisationen und ‘Bild’. Als Wissenschaftler sind wir immer dialogbereit und müssen es auch sein.”

Ohne Umschweife kam er dann auf das aus seiner Sicht eigentliche Thema der Runde: Das Verständigen auf Grundregeln für eine “professionelle, Fakten-basierten Kommunikation” und einen “respektvollen Umgang”. Gegen diese Regeln habe der Artikel “Die Lockdown-Macher” eklatant verstoßen: “Dass hochkarätige Wissenschaftler in einer solchen Weise an den Pranger gestellt wurden”, halte ich für besonders alarmierend. Derzeit sei zwar Corona das vorherrschende Thema, doch es sei abzusehen, dass man mit dem Thema Klimawandel in ähnlich heftige Debatten hineinlaufen werde. “In diesen Debatten dürfen sich solche Episoden nicht wiederholen.” In dem Artikel wurden führende Wissenschaftler persönlich für Einschränkungen des öffentlichen Lebens verantwortlich gemacht und quasi an den Pranger gestellt. Beim Deutschen Presserat sind gegen „Bild“ und bild.de deswegen zahlreiche Beschwerden eingegangen. Auch die Allianz der Wissenschaftsorganisationen hatte die Berichterstattung des Springer-Mediums kritisiert (MEEDIA berichtete).

„‚Die Lockdown-Macher‘ war mehr als unglücklich“

“Haltung, Anstand und Menschlichkeit”, forderte Prof. Michael Hallek vom Universitätsklinikum Köln. “Wir müssen der Unkultur des Polarisierens und Diffamierens etwas entgegensetzen. Auch der Boulevardjournalismus darf sich nicht damit gemein machen.” Dr. Viola Priesemann, die selbst prominent in dem „Bild“-Artikel gezeigt wurde, ergänzte, dass sich viele ihrer Kolleg*innen mit ihren wissenschaftlichen Ergebnissen nicht in die Öffentlichkeit bewegten. “Man muss Ergebnisse extrem gut aufbereiten und extrem viel Zeit investieren, damit sie verständlich sind. Wenn man dann noch an den Pranger gestellt wird, dann kann ich das gut verstehen, dass Forscher die Öffentlichkeit meiden.”

„Bild“-Chef Boie stimmte zu, zumindest der Kritik an dem “mehr als unglücklichen Artikel”. “Bild” habe auch die Kritik daran sehr klar abgebildet. Doch das eigentliche Problem sei weniger die “Bild”, sondern Social Media. Auch er erlebe Shitstorms, denn auch die Tageszeitung und ihre Redakteure würden damit täglich “brutal” konfrontiert. “Hass und Hetze in der Gesellschaft sind Gift. Ich glaube, wir sollten einen sehr genauen Blick auf die sozialen Medien werfen, deren Geschäftsmodell das ist.” 

Doch wie könnten künftig Boulevardjournalismus und Wissenschaft bei “Bild” zusammenfinden? Die Debatte sei ein guter erster Schritt, fand Meyer-Hermann. “Ich glaube, diese Veranstaltung ist eine Form einer Entschuldigung für den Artikel im Dezember. Ich hätte mich aber gefreut, wenn diese Entschuldigung bei den ‚Bild‘-Lesern ankommt.” So sei die Akzeptanz von Impfungen massiv davon abhängig, wie sie von der „Bild“ dargestellt würden. Eine Möglichkeit, die Bevölkerung zu erreichen, sehe er in einer Wissensseite in der “Bild”, auf der Wissenschaftler neutral und faktisch zu bestimmten Themen schreiben könnten – auch über die Pandemie hinaus. “Das scheint mir der Weg, wie wir konstruktiv aus der Runde herauskommen könnten.” 

Gemeinsame Chance für Boulevardjournalismus und Wissenschaft

Hallek sah in der Vergangenheit auch positive Beispiele für aufklärende Berichterstattung bei “Bild”. So habe die Zeitung zum Thema Krebs versucht zu vermitteln, wie man jeden unnötigen Krebstoten vermeiden kann. “Stellen Sie sich vor, wir hätten in der gleichen Klarheit kommuniziert, wie wir jeden unnötigen Corona-Toten vermeiden können.“ Sein Appell: einen Weg finden, genauso konstruktiv mit der Corona-Situation umzugehen. “Wir benötigen auch Boulevardjournalismus in einer Gesellschaft, um Lösungen zu erarbeiten in einer Demokratie.”

Dass es bei der “Bild” keine Wissenschaftsredaktion gebe, wies Boie entschieden zurück. Auch das Thema Impfen wollte er nicht unkommentiert lassen. “Wir sind mit einem Impfbus ins Erzgebirge gefahren, weil es eine am wenigsten durchgeimpfte Gegend Deutschlands ist.” Er nehme zwar die Anregungen auf, dass “Bild” mehr wissenschaftliche Geschichten machten sollte. Jedoch müsse “Boulevard auch Boulevard bleiben. Wenn wir das abschaffen, dann erreichen wir diese Leserinnen und Leser nicht.” Über Zuspitzungen müsse man diskutieren, doch ohne Boulevard würden “die Leser gar nichts mehr lesen. Ich möchte nicht, dass soziale Medien, wo es keine Kontrolle gibt, noch mehr Zulauf bekommen.” 

Dem entgegnete Hallek, dass sich die Wissenschaft für Zuspitzung nicht eigne. “Die Wissenschaft hat oft nicht die absolute Wahrheit. Das ist doch die Natur dieses Geschäfts, dass wir Dinge hinterfragen.” Doch genau da könne der Wert einer Zusammenarbeit liegen, indem man “die Chance nutzt, Dinge unvoreingenommen darzustellen. Auch mit verschiedenen Meinungen.” Er sehe darin eine Chance in der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Boulevardjournalismus, da diese Medien viele Menschen erreichten. Im Gegensatz zu sozialen Medien, wo Halbwahrheiten gestreut werden würden, könne man die Botschaften der Wissenschaft hier kontrollierter an die Menschen herantragen. 

Am Ende blieb der Eindruck, dass Wissenschaft und “Bild” vielleicht mehr eint, als man im Vorfeld der Debatte hätte glauben können. Insofern war die Veranstaltung “Hinter den Kulissen” eine gute Werbung für “Bild”. Auch dass die anwesenden Forschenden trotz Bedenken teilgenommen haben, ist ein gutes Zeichen. Immerhin redet man miteinander.

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