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Wochenrückblick

Vorschnelles Triumphgeheul wegen einer vermeintlichen Twitter-Sperre

An der absurden „Stern TV“-Sendung vom vergangenen Sonntag kann man einige Knackpunkte der Fusion von RTL und G+J studieren. Teile der Twitter-Öffentlichkeit freuten sich zu früh über eine Sperrung des Accounts von Andreas Hallaschka. Und Peloton hat zu einer steilen Bergabfahrt angesetzt. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Haben Sie vergangenen Sonntag auch „Stern TV“ geguckt? Die Sendung – unerschütterlich wegmoderiert von Frauke Ludowig und Nikolaus Blome – kam bei der Medienkritik eher so mittel an. Und es war auch wirklich absurd, wenn man sah, wie der frühere Trainer von Eintracht Frankfurt – Dragoslav „Stepi“ Stepanović – in sehr, sehr wirren Worten davon redete, dass Tennis-Star Novak Djokovic in Wahrheit deshalb aus Australien ausgewiesen worden sei, weil, wenn er die Australian Open gewonnen hätte, man vor dem Stadion eine Büste von ihm hätte errichten müssen und das Stadion dann nach ihm hätte benannt werden müssen. Oder so ähnlich. Frauke Ludwig quittierte solcherlei Unfug mit der Bemerkung „Stepi“ habe mal wieder eine „klare Meinung“ geäußert. Man muss es sich anschauen, um die Absurdität des Stepanović-Auftritts erfassen zu können. Und ja: die riesigen Tische mit unbeholfen drapierten „Stern“-Heften; der „Heiße Stuhl“, den man aus irgendeiner RTL-Asservatenkammer hervorgekramt und den Ober-„Querdenker“ Markus Fuchs draufgesetzt hat; die Wer-bin-ich-Einlage, bei der sich am Ende alle Sichtschutzbrillen aufsetzten, um zu erraten, dass Gaby Köster Werbung für ihre neue RTL-Sendung macht; die hastig zusammengestoppelte Live-Band, die schaurig-schräg die „Stern TV“-Intro-Musik zum Besten gab. All das war sicher keine Stern-Stunde des („Stern“)-TV. I+U, die Produktionsfirma der Mittwochs-Ausgabe sah sich gar genötigt, sich während der laufenden Sendung von dem, was da in ihrem Studio getrieben wurde, zu distanzieren. Ich fand vor allem diese irre Mischung bemerkenswert: die „Stern“-Hefte auf dem Tisch als Symbol der Vereinigung mit G+J. Die Reminiszenz an das alte RTL mit dem heißen Stuhl. Dass man mit „Let’s Dance“-Juror Joachim Llambi ein bekanntes Gesicht hingehockt hat, um die treuen RTL-Zuschauer nicht zu sehr zu erschrecken. Überhaupt das Duo Blome/Ludowig, die gleichsam für die beiden Seiten des „neuen“ RTL stehen könnten: Politik/Unterhaltung. Man konnte an dieser Sendung wie unter einem Brennglas die ganzen Ambitionen und Probleme der Zusammenführung von RTL mit G+J studieren. Die Misstöne der Band lieferten dazu die passende Untermalung.

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Irritiert war ich, als ich vor einiger Zeit bei Twitter über Tweets stolperte, die die Sperrung des Accounts von Andreas Hallaschka feierten.

Solche Tweets gab es einige …

Andreas Hallaschka ist nicht nur der ältere Bruder von „Stern TV“-Stamm-Moderator Steffen Hallaschka, sondern auch Journalist (er war u.a. mal beim „Stern“ und Chefredakteur von „Merian“) und Meinungs-Inhaber auf Twitter. Dort ist er manchmal provokativ und meist konservativ unterwegs. Meiner Beobachtung nach verlässt er aber nie das zivilisierte Diskussions-Spektrum – im Gegensatz zu einigen seiner Gegner/Kritiker. Die Sperrung dauerte am Ende tatsächlich nur ein paar Stunden und wie sich herausstellte, ging es um einen technischen Vorgang. Twitter hatte seinen Account automatisiert versehentlich als Spam-Account identifiziert. Jetzt hat sich Twitter sogar (immerhin) bei ihm dafür entschuldigt.

Das vorschnelle Triumphgeheul derer, die Hallaschka am liebsten bei Twitter weggesperrt sehen wollten, fand ich durchaus befremdlich.

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Mal was aus der Marketing-Welt: CNBC berichtet, dass der Home-Fitness-Hersteller Peloton die Produktion seiner Fahrräder und Laufbänder wegen eingebrochener Nachfrage vorerst gestoppt hat. Der Aktienkurs der Firma rauschte entsprechend nach unten. Peloton pflastert auch hierzulande das Social-Web und die TV-Werbeblöcke mit Werbung für seine Angebote zu. Diese sind sauteuer (das Trainings-Bike kosten zwischen rund 1.500 und 2.500 Euro). Dazu kommt ein Abo von knapp 40 Euro im Monat, ohne das man das Gerät quasi nicht nutzen kann. Für das Laufband werden auch mindestens knapp 2.500 Euro fällig. Der Irrwitz: Mit den Geräten kann man dann nur die Services des Peloton-Abos, also etwa Trainings und Landschaftsfahrten, nutzen. Man kann keine Serie auf dem festgetackerten Bildschirm schauen und dabei gemütlich vor sich hinradeln oder zu einem anderen Anbieter von Home-Fitness wechseln. Zwar kann man das Rad theoretisch auch ohne das Peloton-Abo nutzen, müsste dann aber entweder auf Trainings-Anleitungen ganz verzichten oder irgendwo einen zweiten Bildschirm montieren. Durch die starke Integration von Hard- und Software ergibt das Peloton-Bike nur im Zusammenspiel mit dem Peloton-Abo Sinn. Sollte die Firma irgendwann mal ihre Dienste einstellen, hat man dann ein teueres Stück Elektro-Schrott daheim stehen. Der Aufstieg von Peloton zur gehypten Fitness-Marke war während der ersten Phase der Pandemie beispiellos. Der Abstieg scheint nun ein ähnliches Tempo zu entwickeln.

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Noch ein Programm-Hinweis in eigener Sache. In diesem Video diskutiere ich mit Turi2-Verleger Peter Turi auf Einladung des Frankfurter Presseclubs über „Die Relevanz der Mediendienste“. Vorsicht: Nerd-Content Inside!

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast „Die Medien-Woche“ rede ich mit Kollege Christian Meier von der „Welt“ auch über „Stern TV“. Außerdem widmen wir uns den Plänen der CDU Sachsen-Anhalt mit dem Ersten und es geht um die möglicherweise schwierige Umsetzung des Digital Services Act der EU. Es freut mich, wenn Sie reinhören!

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