Anzeige

Menschen und Marken

Arbeitskräftemangel – die große Leere

Frank Dopheide – Illustration: Bertil Brahm

Mit offenen Augen sehen wir seit einem halben Jahrhundert die Krise namens Arbeitskräftemangel auf uns zusteuern. Die Geburtenwelle sank Ende der 60ger Jahre dramatisch. Vier Millionen Köpfe gehen der Wirtschaft in den kommenden 2.400 Tagen unwiederbringlich verloren.

Anzeige

Parallel hat sich, durch Corona beschleunigt, eine große Fluchtwelle in Deutschlands Unternehmen angestaut. Sie spült hunderttausende erschöpfter Arbeitskräfte aus ihrem Hamsterrad. Der Sprung ins kalte Unbekannte scheint den Abgearbeiteten mittlerweile verlockender, als das ewige weiter so. Jetzt fehlen an jeder Ecke Köpfe und Hände: im Krankenhaus und in der Pflege (230.000), in der Schule (260.000) und natürlich in der IT, wo über eine Million händeringend gesucht wird, aber ebenso in den Fahrerkabinen der LKWs, auf den Fahrrädern der Lieferdienste, in der Gastronomie, im Handwerk und in unserer kreativen Zunft eben auch.

Jetzt spürt die Wirtschaft am eigenen Leibe: Am Ende der Effizienzkette wartet die große Leere. Durch konsequentes Drehen an der Kostenschraube eigenhändig herbei gemanaged. Die Sparbrötchen haben ihre Erlösrechnung offensichtlich ohne den Mitarbeiter gemacht. Die Steigerung von Outsourcing heißt Geschäftsauflösung. Aus Arbeitslosigkeit wird Arbeiterlosigkeit. Mit der Leere auf den Fluren wachsen die Recruitingbudgets der Unternehmen. Die Jobbörse Stepstone quillt über vor Angeboten, aber der Teich scheint leer. Die „Leerstelle“ im Organigramm wird die größte Bremse für die Entwicklung der Unternehmen. Jack Welsh, der Ex-Chef von General Electric, wusste: “If the change is faster on the outside than on the inside – the end is in sight.” So sieht es aus.

Jetzt hilft nur noch eins: Die Unternehmen müssen sich etwas Neues einfallen lassen. Brainwash. Brainstorm. Brainwork. Das Anfangsgebot der Stunde heißt Abbau, heute allerdings der eigenen Schranken im Kopf. Die Technologie macht’s möglich. Sie befreit Unternehmen und Mitarbeiter von Raum und Zeit. Klickt der Personaler bei der Suchmaske statt 100 Kilometer auf 15.000 Kilometer Umkreis, ist der Bewerberpool auf Knopfdruck tausendmal größer. Und wir haben in endlosen Zoomcalls mittlerweile gelernt: Homeoffice und Billy Regal sehen in Recklinghausen, in Polen oder am anderen Ende der Welt genauso aus, wie bei uns. Nur funktioniert das Internet dort besser.

„Führung ist eben etwas anderes als Buchführung.“

Brainstorm. Jetzt ist die zentrale Aufgabe der Unternehmen, die Mitarbeiter im Crashkurs auf das Neue vorzubereiten. Telefonica hat für alle achttausend Mitarbeiter ein digitales Lernprogramm aufgesetzt. Fuhr- oder Kategoriemanager, künstliche Intelligenz, das Internet der Dinge und Cyber Security sind Bausteine auf dem Weg in den Job der Zukunft für alle. Wenn die Jobs der Zukunft neu geschrieben werden, geht für die persönliche Stellenbeschreibung auch was.

Brainwork. Nicht mehr allein die Fähigkeit definiert das Aufgabengebiet, sondern auch die persönlichen, menschlichen Qualitäten. Zum Können muss Charakter kommen. Wenn sich die klassischen Strukturen in Unternehmen auflösen, wird der persönliche Draht zum wichtigsten Haltepunkt. Während die fachliche Kompetenz in Zukunft zunehmend aus dem Rechner dazugeliefert werden kann, wird die Vertrauensperson der Knotenpunkt für Aktivierung, Identifikation, Zufriedenheit und Recruiting. Führung ist eben etwas anderes als Buchführung. Das gilt auch für die Männer und Frauen an der Spitze. Sie rücken von der obersten Etage, aus dem Eckbüro jetzt in die Mitte ihres Unternehmens – sichtbar und ansprechbar für jeden. Sie beginnen sich bei den Bewerbern zu bewerben und machen das Thema sichtbar für alle zur Chefsache. Es gibt viel zu tun.


Frank Dopheide war Chairman von Grey und Geschäftsführer beim „Handelsblatt“. Zuletzt hat er die Purpose-Agentur Human Unlimited gegründet. Für MEEDIA schreibt er über Menschen, Marken und Menschenmarken.

Anzeige