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Besser korrekt als zu schnell

Lisa Fitz, falsche Fakten und was der Streit um den SWR-Auftritt offenbart

Der umstrittene Auftritt von Lisa Fitz in der Sendung Spätschicht vom SWR

Der umstrittene Auftritt von Lisa Fitz in der Sendung "Spätschicht" beim SWR – – Youtube/ SWR

Jetzt also doch. Der SWR hat die umstrittene „Spätschicht“-Folge mit Kabarettistin Lisa Fitz aus der Mediathek genommen. Im zweiten Anlauf. Da ist der Schaden für die Meinungsfreiheit allerdings schon geschehen.

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Es ist ein Phänomen unserer Zeit – und es ist ein Gutes, das gleich vorweg: Einschätzungen ändern sich. Man bewertet die Sachlage erneut, überdenkt seine Entscheidungen und fällt neue, fundierte. Die Kette ist geübt, so arbeitet Wissenschaft, so geht Erkenntnisgewinn. Dass das nicht ganz leicht ist, nicht nur für Wissenschaftler*innen, sondern auch für diejenigen, die mit neuen Erkenntnissen arbeiten und leben müssen, haben uns jetzt zwei Jahre Corona gezeigt. Und das zeigt auch der Streit um den Auftritt von Lisa Fitz in der SWR-Sendung „Spätschicht“.

Mehr Zeit für ein ausgewogenes Statement seitens des SWR: Das hätte sich MEEDIA-Redakteur Tobias Singer im Fall von Lisa Fitz gewünscht –Illustration: Bertil Brahm

Die „Taz“ hatte am Wochenende unter der gar nicht mal so leisen Überschrift „Schwurbelei in der ARD“ darauf hingewiesen, dass die Kabarettistin in der „Spätschicht“-Folge vom Dezember nicht nur mit fragwürdigen Schlagworten wie „Panikmache vor Omikron“, „Lemmingen“ und der „Zombie-Mutante aus Usbekistan“ jonglierte. Fitz hantierte auch mit falschen Zahlen zu Impftoten in Europa. Oder besser gesagt, sie nahm die Zahlen und ordnete sie nicht ein. Und da hört der Spaß dann doch auf. Das Problem: nicht für den SWR. Zumindest nicht sofort. In einem ersten Statement verteidigte man beim Sender den Auftritt: „In der Abwägung von einem möglichen und erwartbaren Vorwurf der Zensur versus Meinungsfreiheit im öffentlich-rechtlichen Rundfunk haben wir uns bewusst dazu entschieden, diesen Text zu senden, um die Pluralität der vorkommenden Meinungen in der ,Spätschicht‘ zu beweisen.“ 

Man hat sich bewusst dazu entschieden, falsche Informationen zu senden. Als Zeichen der Pluralität. Und an der Stelle kann man sich schon einmal ein, zwei Haare ausraufen. Das ist genauso falsch wie das Rechenbeispiel von Fitz, dass 40 Prozent der Coronapatienten auf den Intensivstationen ja geimpft seien, als Beweis dafür, wie wenig die Impfung wirke. Das Problem: Der Anteil der Geimpften in der Gesamtbevölkerung ist wesentlich größer, genauso wie leider die Chance als Ungeimpfter auf der Intensivstation zu landen. Das Beispiel ist genauso schlecht ausbalanciert wie die Meinungsbildung beim SWR im konkreten Fall. Und seit der großen „Bild“-Schlagzeile wurde dieser Beweis oft besprochen, etwa hier bei der NZZ. Bis zum Sender und Lisa Fitz scheint es nicht durchgedrungen zu sein. Zumindest nur mit Verzögerung.

Einen Tag später, am Sonntag, kam die Kehrtwende vom SWR: Die Meinungsfreiheit sei ein hohes Gut. „Dennoch war die erste Reaktion falsch, weil es hier eben nicht um eine Meinungsäußerung geht“, denn die Äußerung von Lisa Fitz zur Anzahl der Impftoten „ist nachweislich falsch“. (MEEDIA berichtete) Eine Erkenntnis, die wichtig ist und gut. Die Distanzierung vom alten Statement mit einem neuen Statement wirkt nur leider wie schlechtes Kabarett und ist Wasser auf die Mühlen derjenigen, die jetzt wieder ihren Fremdsteuerungsphantasien des ÖRR nachgehen können.

Dass Bewertungen und Einschätzungen sich ändern, ist – wie oben geschrieben – eine Grundbedingung von Erkenntnisgewinn und unserer Demokratie. Das heißt aber nicht, dass man im Dezember 2021 jeder noch so kleinen Position Raum geben muss, nur weil sie eine Gegenposition darstellt. Die vorauseilende Sorge vor den Wellen einer lauten Minderheit darf nicht dazu führen, dass falsche Aussagen das Gütesiegel öffentlich-rechtlicher Sendeanstalten erhalten. Oder dass der Begriff der Meinungsfreiheit wieder einmal von anderen missbraucht wird, weil man sein eigenes Statement einfangen muss. Natürlich war die Distanzierung von der eigenen Stellungnahme wichtig. Beim SWR spricht man davon, dass die Debatte den Blick „auf die journalistischen Standards und die Wirkung unserer Angebote“ schärfen würde. Darauf hätte man verzichten können, mindestens indem sich der SWR im ersten Schritt etwas mehr Zeit gelassen hätte, und zwar für eine Antwort, die sich auf Fakten stützt.

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