Anzeige

Wochenrückblick

Die Deutsche Welle, „Vice“ und die Sache mit dem Antisemitismus

Der letzte Wochenrückblick des Jahres ist monothematisch. Es geht um – Achtung – die Antisemitismusvorwürfe gegen die Deutsche Welle und wie Medien damit umgehen. Da ist in den vergangene Tagen einiges passiert. Am Ende wird es dann aber doch ganz versöhnlich … die MEEDIA Wochenrückblick-Kolumne

Anzeige

Oje. Für die letzte Wochenrückblick-Kolumne des Jahres könnte man sich vermutlich ein einfacheres Thema aussuchen, statt Antisemitismus in den Medien. Aber es hilft ja nix. Also. Der Auslandssender Deutsche Welle – so erscheint es nach Lektüre zahlreicher Medienberichte jüngerer Zeit – hat ein Problem mit Antisemitismus. Vor allem „SZ“ und „Vice“ sammelten Beispiele für antisemitische und antiisraelische Ausfälle bei Mitarbeitern und Partnersendern.

Die Vorwürfe, die von „Süddeutscher Zeitung“ und „Vice“ erhoben wurden, sind starker Tobak. In der „SZ“ erschien am 30. November ein langes Stück, in dem aufgelistet wurde, wie Mitarbeiter der arabischen Redaktion der Deutschen Welle krass antisemitische und antiisraelische Inhalte auf Social Media und in anderen Medien verbreiteten. Das ging bis zur Holocaust-Leugnung eines Trainers, der für die DW Akademie arbeitet.

Das Millennial-Medium „Vice“ wiederum hat sich auf die Betrachtung von Partner-Medien der DW im arabischen Raum eingeschossen. Dem jordanischen Sender Roya wies „Vice“ mehrere antiisraelische Artikel und Äußerungen nach. Außerdem teilte „Vice“-Chefredakteur Felix Dachsel auf Twitter zahlreiche antiisraelische und antisemitische Karikaturen, die bei Roya veröffentlicht wurden.

Besonders pikant ist, dass Roya TV im vergangenen Jahr von DW-Intendant Peter Limbourg mit dem „Freedom of Speech Award“ ausgezeichnet wurde. In einer ersten Stellungnahme hatte die DW zu Roya noch mitgeteilt, das Vertriebs- und Programmverantwortliche der DW Roya für „definitiv nicht israelfeindlich“ halten. Nachdem Dachsel dann die aussagekräftigen Karikaturen auf Twitter geteilt hatte, machte man bei der DW die Rolle rückwärts, entschuldigte sich, erklärte, dass die Karikaturen nicht aufgefallen seien und setzte die Zusammenarbeit mit dem Sender aus.

„Vice“ legte nach und spießte auch die Kooperation der DW mit dem libanesischen Sender Al Jadeed TV auf. Der soll Propaganda der Terrororganisation Hisbollah gezeigt haben. Die Fälle häufen sich. Die Ausrede, man habe von alldem nichts mitbekommen, zieht irgendwann nicht mehr.

Nun hielt man es bei der DW für eine gute Idee, mit einigen Journalisten darüber zu reden, dass ja auch die Medienmarke „Vice“ irgendwie antisemitisch, mindestens aber „antiisraelisch“ sei. Mehrere Medien (auch MEEDIA) wurden auf zwei Artikel aufmerksam gemacht, die bei „Vice Arabia“ erschienen waren. In den Texten war u.a. von „zionistischen Banden“ die Rede, Israel wurde als „Besatzermacht“ tituliert und die historisch umstrittene Vertreibung von Palästinensern bei der Gründung des Staates Israel wurde einseitig als ethnische Säuberung dargestellt. All dies ist tatsächlich mindestens antiisraelisch. Nun ist es sicherlich interessant, dass ein Medium wie „Vice“ im arabischen Sprachraum solche Inhalte veröffentlicht. Darauf angesprochen zeigte man sich bei „Vice“ Deutschland auch gar nicht begeistert über derlei Artikel und verwies auf die Unabhängigkeit der verschiedenen „Vice“-Redaktionen weltweit. Aber ist dieser Fall anders zu beurteilen als bei der DW, die ja immerhin von deutschen Steuern finanziert wird und Einfluss hat auf die Auswahl ihrer Partnersender? Man kann durchaus dieser Auffassung sein, ohne die Berichte bei „Vice Arabia“ gut zu heißen.

Das Zeigen mit dem Finger auf „Vice Arabia“ und das mediale Rufen „Die sind aber ja auch antisemitisch“ im Zusammenhang mit den Berichten zur DW wäre klassischer Whataboutism – das Ablenken von eigenen Verfehlungen, indem man auf andere zeigt. Aus diesem Grund waren MEEDIA und andere Medien zurückhaltend mit dem Formulieren von Vorwürfen an „Vice“. Im freien Journalisten Stefan Buchen, der viel für den NDR arbeitet, fand sich dann doch ein dankbarer Abnehmer für den Whataboutism. Buchen schickte eine bizarre Anfrage an „Vice“-Deutschland-Chefredakteur Felix Dachsel. Die Anfrage ist voll von Vorwürfen, Unterstellungen und Merkwürdigkeiten. Der Journalist verweist zum Beispiel auf eigene „Recherchen“, obwohl das Material offensichtlich großzügig unter Medienvertretern verteilt wurde. An Dachsel gerichtet schrieb Buchen u.a.:

„Wie können Sie es vor sich selbst verantworten, in einem Medienunternehmen, das Texte wie die erwähnten verbreitet, auch nur einen Tag länger zu verweilen? Werden Sie heute zurücktreten? Wie bewerten Sie Ihre Berufsaussichten bei ‚Springer‘?“

Für eine journalistische Anfrage ist das ein schräger Ton. Mindestens. Buchen selbst hat seine Anfrage in voller Länge bei Facebook veröffentlicht. Es lohnt, sie zu lesen. Um zu wissen, wie man es besser nicht macht. Zur Nachahmung ist der Stil ausdrücklich nicht empfohlen. Man muss Lesern, die nicht mit journalistischen Gepflogenheiten vertraut sind, an dieser Stelle versichern: Nein, solche Anfragen sind definitiv nicht normal.

In der „FAZ“ fand Buchen dann ein Medium für einen Gastbeitrag zum Thema. Der dort veröffentlichte Text war ausgewogener und zurückgenommener, als es die Gaga-Anfrage vermuten ließ. Denn in der Tat ist die Frage ja berechtigt, wie „Vice“ als internationale Medienmarke mit solchen Inhalten umgeht. Das betonte auch „Vice“-Deutschland-Chefredakteur Felix Dachsel auf Twitter.

Dem Vernehmen nach hat die Kunde von den problematischen Texten bei „Vice Arabia“ mittlerweile auch die „Vice“-Zentrale in New York erreicht und man ist dort wohl – wenig überraschend – nicht begeistert. Wie zu hören ist, sollen bei „Vice“ die internen Regeln für die Berichterstattung nachgebessert werden, so dass antisemitische Inhalte definitiv ausgeschlossen werden.

So gleichen sich die Vorgänge bei aller Unterschiedlichkeit dann in Einzelaspekten doch. Denn auch DW-Intendant Peter Limbourg hat gegenüber der „Jüdischen Allgemeinen“ angekündigt, dass der Code of Conduct des Hauses „nachgeschärft“ werden soll. Neue Regeln sind gut. Damit dürfte das Problem Antisemitismus aber nicht aus der Welt zu schaffen sein. Es gibt ja kein Erkenntnisproblem, dass Antisemitismus ein No-go ist. Vor allem der komplizierte DW-Apparat mit seinen zig Partnersendern hat in erster Linie ein Umsetzungsproblem. Der neue Code of Conduct mag so fein formuliert sein wie er will. Die Frage ist: Wie setzt man die in Deutschland formulierten Regeln im arabischen Raum um? Und: Kann das mit den aktuellen DW-Strukturen überhaupt kontrolliert werden? Schwierige Fragen, auf die DW-Intendant Peter Limbourg eine schlüssige Antwort finden muss.

Bei all dem Kuddelmuddel, den Medien-Taktierereien, den Interviews und Anfragen, die in dieser Sache in den vergangenen Tagen hin und her geschickt, veröffentlicht und nicht veröffentlicht wurden – ganz am Ende hat die Geschichte vielleicht doch eine gute Botschaft. Es ist ja bald Weihnachten. Halten wir also fest: Es ist gut, dass das Treiben der DW-Partnersender im arabischen Sprachraum aufgedeckt wurde. Es ist ebenso gut, dass wir sehen, dass auch eine Medienmarke wie „Vice“ in der Region Probleme mit Antisemitismus hat. Und es ist gut, dass wir Medienmacher eigene Fehler und die von anderen Medien aufspießen und uns gegenseitig vorhalten. Der ganze Prozess ist häufig schwierig, bisweilen zäh, manchmal peinlich. Aber ich wüsste nicht, wie es anders gehen soll. Vielleicht lernt man ja irgendwann mal was daraus. Das wäre die Hoffnung. Frohe Weihnachten!

PS: Der Wochenrückblick verabschiedet sich für dieses Jahr. Wir lesen uns wieder im Januar! Guten Rutsch, usw!

+++ Update, 17. Dezember 2021, 16.40 Uhr +++

Am Freitagnachmittag hat die DW erste Zwischenergebnisse vor dem Rundfunkrats-Ausschuss präsentiert. Die selbstkritische Analyse liefere einen ersten Einblick in die Aufarbeitung durch die DW, so Elisabeth Motschmann, Vorsitzende des Ausschusses. In der Stellungnahme heißt es zudem, es sei erfreulich, dass es bisher keine Anhaltspunkte für gravierende Fehler einzelner Vertriebsmitarbeiter und für eklatante organisatorische Fehler innerhalb der DW gebe.

Der Ausschuss lege zudem Wert darauf, dass es keinen Generalverdacht gegen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beim Sender insgesamt geben dürfe. Eine unabhängige Untersuchungskommission mit der früheren Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger und dem Psychologen Ahmad Mansour wird ihren Bericht voraussichtlich Ende Januar vorlegen.

Anzeige