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"Sehr ärgerlich"

Studienautor nimmt Flaßpöhlers „Hart aber fair“-Auftritt auseinander

Svenja Flaßpöhler ist Chefredakteurin des "Philosohie Magazin". Hier diskutiert sei bei "Hart aber fair"

Svenja Flaßpöhler ist Chefredakteurin des "Philosohie Magazin". Hier diskutiert sie bei "Hart aber fair" – Foto: ARD

In der aktuellen „Hart aber Fair“-Sendung kritisiert Svenja Flaßpöhler die Medienberichterstattung über Corona. Die Chefredakteurin des „Philosophie Magazins“ stützt sich dabei unter anderem auf eine aktuelle Studie der Rudolf Augstein Stiftung. Auf Twitter meldet sich einer der Autoren zu Wort und setzt sich gegen die Vereinnahmung zur Wehr.

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In der „Hart aber Fair“-Sendung vom 15. November ging es um das allgegenwärtige Thema Corona. „Nur ja keinen Zwang: Ist unsere Politik beim Impfen zu feige?“ unter dieser Frage diskutierten die Gäste die Entwicklung mit Blick auf die dramatischen Zahlen in der 7-Tage-Inzidenz und der hohen Hospitalisierungsrate von Coronapatienten, vor allem unter den Ungeimpften. Zugegen waren Stephan Weil, Regierungschef von Niedersachsen (SPD), Georg Mascolo, Leiter des Recherchenetzwerks von WDR, NDR und SZ, Notfallärztin Lisa Federle, Immunologie Carsten Watzl und die Chefredakteurin des „Philosophie Magazins“ Svenja Flaßpöhler.

Einseitige Medienberichterstattung zu Corona

Während weitestgehend Einigkeit unter den Teilnehmer*innen herrschte, dass in der aktuellen Coronakrise wegen der starken Belegung der Intensivbetten schnell gehandelt werden müsste – einig war man sich nicht über Impfplicht oder weichere Mittel – kristallisierte sich Flaßpöhler schnell als Kontrapunkt der Runde heraus. Sie kritisiert es als „falsch, Menschen zu kriminalisieren, die von ihrem Recht Gebrauch machen, Eingriffe in ihren Körper abzulehnen.“ Als Moderator Frank Plasberg sie mit Zahlen aus dem Lager der Ungeimpften konfrontierte – 68 Prozent der Impfgegner glaubten, Corona sei häufig ein Vorwand, um mehr staatliche Kontrolle zu erhalten und 89 Prozent der Ungeimpften hätten den Eindruck, dass in den Medien einseitig über Corona berichtet werden würde – erwiderte Flaßpöhler, dass gerade die Medienkritik durch eine neue Studie belegt worden sei „Dass heißt ja nicht, dass es Fakenews sind, aber dass eine unausgewogene Berichterstattung gab, das ist doch festgestellt worden“, erklärt die Chefredakteurin des Philosophie Magazins in der Sendung.

Das sagt die Studie „Einseitig, unkritisch, regierungsnah?“ wirklich

Nicht in der Sendung, aber über ein anderes Medium schaltete sich Carsten Reinemann in die Debatte ein, und zwar via Twitter. Reinemann  ist Professor für politische Kommunikation an der LMU München und forscht unter anderem zu den Bereichen Medien, Politik, Populismus. Und er ist einer der Autoren der Studie, auf die sich Svenja Flasspöhler in der Sendung „Hart aber fair“ berief.

Die Untersuchung mit dem Titel „Einseitig, unkritisch, regierungsnah? – Eine empirische Studie zur Qualität der journalistischen Berichterstattung über die Corona-Pandemie“ wurde von der Rudolf Augstein Stiftung in Auftrag gegeben und von Kommunikations- und Medienforschern der Universitäten Mainz und München durchgeführt. Sie beschäftigt sich mit der Rolle und Qualität der Berichterstattung in der Corona-Pandemie. Dafür wurden elf deutsche Leitmedien im Zeitraum vom 1. Januar 2020 bis zum 30. April 2021 untersucht.  Auf Twitter zeigt sich Reinemann wenig erfreut über die Erwähnung durch Flaßpöhler in dem Polit-Talk. (Hier geht’s zur Studie)

„Sehr ärgerlich, wie #Flasspöhler gerade in #hartaberfair unsere Studie zur Berichterstattung über #Corona darstellt,“ schreibt er auf Twitter. Darunter zeigt der LMU-Professor zwei Textstellen, die seiner Meinung nach entscheidende „Passagen mit unserer Sicht zum Thema ‚Vielfalt‘ und ‚Einseitgkeit‘ zeigten.

Dass „fundamentale Gegner der Corona-Politik und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die die Gefährlichkeit des Virus und der Pandemie rundheraus bestritten, in den traditionellen Medien kaum Gehör fanden“ sei kein Mangel an Qualität, es würde aber in bestimmten Gruppen genau dieses Gefühl befördern. Eine Gleichwertigkeit von gut gesicherten Erkenntnisse und unbelegten Behauptungen würde daher eher eine „false Balance“ schaffen. 

Einseitigkeit, nur wenn man die Pandemie als ungefährlich betrachtet

Zwar komme die Studie zu dem Ergebnis, dass man durchaus von einer Einseitigkeit der medialen Berichterstattung ausgehen könne. Aber nur dann, „wenn man die Pandemie als eher ungefährlich oder die Maßnahmen als übertrieben“ wahrnehmen würde.

Ein Blick in die Studie zeigt, dass die Corona-Berichterstattung generell eher positiv bewertetet wurde – befragt wurde im April 2020 und im Februar 2021. „Etwa drei Viertel hielten die Berichterstattung für glaubwürdig und etwa zwei Drittel für faktentreu.“ Auch eine Vielfalt in der Corona-Berichterstattung attestieren die Befragten in der Mehrheit (60 Prozent) den Medien. Ein „klar negatives Urteil über die von ihnen genutzten Medien“ gaben laut Studie nur 20 Prozent ab. Das entspreche dem Anteil, der laut Forschung den klassischen Medien generell nicht vertrauen würde.

Es gab keine unausgewogene Berichterstattung

Neben einzelner Kritik – dass in der zweiten Coronawelle weniger berichtet wurde als in der zweiten, obwohl sie gravierender im Verlauf war – kommen die Autoren also eben nicht zu dem Urteil einer unausgewogenen Berichterstattung. Die Forscher entkräften sogar den Vorwurf, dass Medien sich eher unkritisch in der Pandemie gezeigt hätten. Ganz im Gegenteil habe es viel Kritik gegeben. Carsten Reinemann gibt zwar zu bedenken, dass die meisten Medien „sich am Konsens der Medizin orientiert hätten „Mitglied im ‚Team Vorsicht‘“ waren. Aber das könnte durchaus „als Beleg für Rationalität, Wissenschaftsorientierung und eine hohe Qualität von Berichterstattung“ betrachtet werden. Am Ende bleibt von der Kritik der fragende Titel der Studie „Einseitig, unkritisch, regierungsnah?“ übrig.

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