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Streaming ist Bubble-TV

„Wetten dass..?“, „TV Total“ – warum das alte Fernsehen eine Zukunft hat

Das Bild zeigt einen alten Fernseher ohne Empfang. Der Autor vertritt die Meinung, dass trotz gegenteiliger Behauptungen das lineare Fernsehen eine Zukunft hat.

Ist die Zeit des linearen Fernsehens vorbei? Prognostiziert wird das schon lange, warum es lange noch nicht so weit ist und besser auch nie so weit kommen sollte, schreibt Tobias Singer in seinem Kommentar. – Foto: Imago

Totgesagte leben länger. Und lineares Fernsehen wird wahrscheinlich schon totgeschrieben, seitdem der Betamax-Recorder auf den Markt kam. Warum das Lineare auch trotz Streaming nicht verschwinden wird oder besser nicht verschwinden sollte – und was Klaas Heufer-Umlauf dazu sagt.

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Meine Couch ist wirklich sehr bequem. Sie kennt mich einfach zu gut. Ich würde sogar sagen, vielleicht so gut wie Netflix und Amazon mich inzwischen durchschaut haben. Zwei Marvel-Filme und der Empfehlungsmechanismus schickt mich in die Tiefen der Superhelden-Universen. Drei Arthouse-Abende algorithmisieren mich in die Film-Noir-Welt. Der Griff zur kleinen schwarzen Fernbedienung geht inzwischen schneller als der zur großen. Willkommen in der Bubble. Sie wissen, was ich meine. In so einer Blase ist es halt sehr bequem. So bequem wie auf einer gut eingesessenen Couch. Das Problem dabei, man kommt schlecht wieder heraus. Genauso schlecht wie aus einem Nonstop-Serien-Marathon. Nichts gegen die gute alte Prokrastination. Das Problem ist ein anderes.

MEEDIA-Redakteur Tobias Singer glaubt an das gute alte Fernsehen und prognostiziert, dass der Streaming-Hype abebben wird – Illustration: Bertil Brahm

Während Streaming es ganz wunderbar schafft, Bedürfnisse zu erkennen, Serien und Filme nach dem immer selben Massenmuster zu produzieren und Zuschauenden das im Dauerbeschuss als Individualität zu verkaufen, bleibt etwas Wichtiges auf der Strecke: der Überraschungseffekt. Wir leben in einer „Just in time“ / „On Demand“-Zeit. Alles kann ohne große Umwege geliefert werden, ganz direkt, vom Essen bis zum Film. Dabei sind es die Umwege, die uns herausfordern. Zappen, wenn die Werbung kommt, hängen bleiben, weil der Inhalt doch überzeugt. Sich von „15 Minuten Joko & Klaas“ fesseln lassen, wahllos zwischen Relevanz und Trash-TV wählen und trotzdem etwas mitnehmen, feste Rituale leben, um 20 Uhr, 20.15 Uhr oder 21.45 Uhr – Fehlanzeige. Streaming ist Bubble-TV, lineares Fernsehen ist Konfrontation. Es soll hier nicht um den Ritt der Retrowelle à la „Wetten, dass..?“ „TVTotal“ oder „Geh auf’s Ganze“ gehen. Es geht darum, dass dieses totgesagte, alte lineare Fernsehen so etwas wie ein grunddemokratisches Element in der Gesellschaft ist. Wer sich auf der einen Seite beklagt, dass der Meinungsaustausch lahmt, auf der anderen Seite aber nur noch in die Streamingwelt abtaucht, der nimmt sich selbst aus dem Diskurs.

Und auch wenn alle Augen bei deutschen Senderverantwortlichen dauerhaft auf die Gigazahlen aus den USA gerichtet sind, Mediatheken dem Netflix-Trend folgen, wage ich eine Prognose: Der Streaming-Hype wird abebben. Netflix und Co. sichern sich die großen Marktanteile, aber am Ende gibt es ein Übersättigung, dann kommt die Langeweile, gefolgt von einer Abkehr. Und auch Netflix staubt als Label für gute Unterhaltung an. Und das lineare Fernsehen wird eine Sehnsucht nach einem festen Programm zu einer festen Uhrzeit befriedigen.

Auf einer anderen berühmten Fernseh-Couch hat Klaas Heufer-Umlauf das zuletzt sehr gut zusammengefasst: Mit Blick auf die „15 Minuten Joko & Klaas“ meinte er, dass man in einer Zeit, in der viele Zuschauenden nur das sehen, was sie via Algorithmen mitbekommen sollen, „im linearen Fernsehen manchmal noch Leuten etwas vorsetzen kann, die nicht damit gerechnet haben.“ Und genau das sei die große Stärke des normalen, des sogenannten alten Fernsehens. Punkt.

PS: Erinnern Sie sich noch, wie lange das Radio bereits totgesagt wird?

Hier bezieht Klaas Heufer-Umlauf Stellung bei „Wetten, dass..?“ zum Thema Streaming und TV:

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