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Wochenrückblick

Wer folgt auf den „WamS“-Chefstuhl? Wetten, es wird eine Frau …

Springer-Aktionswoche im deutschen Blätterwald. „Der Spiegel“ mutiert zum Medien-Fachmagazin Nr.1. Jeder hat mindestens drei Meinungen zur „Bild“ und Ex-Commander-in-Chief Reichelt im Gepäck, die er noch irgendwo loswerden muss. Und es fragt sich, wer dem „fuchshaften“ („Spiegel“) Herrn Boie bei der „WamS“ nachfolgt. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Als Julian Reichelt am Montagmorgen zur Arbeit fuhr, hat er wohl nicht gedacht, dass er abends seinen Job los sein würde. Genauso wenig, wie der damalige (!) „WamS“-Chefredakteur Johannes Boie dachte, dass er holterdiepolter neuer „Bild“-Chefredakteur wird. Manchmal geht es wirklich sehr schnell. Wobei viele in der Causa Reichelt ja meinen, dass es eigentlich viel zu langsam ging. Dass Springer-CEO Mathias Döpfner ihn schon viel früher hätte feuern müssen. Neben dem „Bild“-Aspekt geriet diese Woche ein bisschen aus dem Blick, was denn nun mit der „Welt am Sonntag“ passiert. Boie hat seine Aufgabe dort mit sofortiger Wirkung abgegeben, es gibt aber auch keinen offiziellen Stellvertreter für ihn bei der Sonntagszeitung. Ein Springer-Sprecher dazu bei DPA: „Die ‘Welt am Sonntag‘ erscheint weiterhin in bewährter Weise unter der redaktionellen Gesamtverantwortung von ‚Welt‘-Chefredakteur Ulf Poschardt, der mit seinem Team in der Chefredaktion erst einmal auch operativ übernimmt.“ Will heißen: Die „WamS“ wird erstmal von Ulf Poschardt gemacht. Muss der halt mal ein bisschen weniger twittern. Intern geht natürlich trotzdem das Gerede los, wer denn künftig die „WamS“ machen könnte. Neben der offensichtlichen Möglichkeit – „Welt“-Co-Chefredakteurin Dagmar Rosenfeld (eine Frau!) – kursierte auch die Variante, dass „Welt“-Investigativ-Chefin Anette Dowideit (eine Frau!) in Frage käme. Letztere Variante erscheint dann aber doch eher unwahrscheinlich. Dass die „WamS“-Chefredaktion aber künftig mit einer Frau an der Spitze besetzt wird, darauf wäre ich bereit, eine (geringe) Summe zu wetten.

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Noch am Abend von Julian Reichelts Rauswurf versammelte der WDR-Journalist Martin Kaul beim Clubhouse-Klon Twitter Spaces über 1.000 Medien-Interessierte, um über „Bild“, Reichelt und Springer zu diskutieren. Wirklich alle üblichen Verdächtigen aus Medienhausen waren anwesend. Und noch einige mehr. Der Erkenntnisgewinn hielt sich freilich in gewissen Grenzen. Der Rede- und Zuhörbedarf zu diesem Thema war aber beachtlich. Twitter Spaces scheint mir aktuell beste Chancen zu haben, sich als Audio-Plattform zu etablieren, eben weil es ganz smart an eine bestehende Plattform angedockt ist. Wetten wollte ich darauf aber nicht, nicht mal eine sehr geringe Summe.

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Verbale Haue gegen Springer kam auch vom ohnehin streitlustigen (sorry) Georg Streiter. Der war nicht nur mal Regierungssprecher, sondern auch „Bild“-Politik-Chef. In seinem Blog hat er schon des öfteren mit Julian Reichelt abgerechnet. Jetzt bekam auch Döpfner von Streiter eine Packung. Freilich nicht in seinem Blog, sondern, dem gewichtigen Anlass angemessen, in der „SZ“: „Chefredakteur Reichelt und Springer-Chef Döpfner erhoben es zum Konzept, den Anstand aufzugeben“, schreibt er da (€). Bämm! Streiter weiß auch, wie man eine „gute“ Boulevardzeitung macht:

„Die richtige Mischung aus Fakten, Fiktionen, Tatsachen und Träumereien ist für den Erfolg auf dem Boulevard so wichtig wie das geheime Leberwurst- oder Cola- Rezept. Julian Reichelt hat dieses Rezept nie verstanden, und allein das wäre ein guter Grund gewesen, ihn zu feuern.“

Und überhaupt, war es früher bei der „Bild“ viel lustiger:

„In besseren Zeiten hatten wir mit ‚Bild‘ viel zu lachen. In der Sommerpause haben wir durchgeknallte Krokodile oder Bären als Nachfolger des Ungeheuers von Loch Ness gejagt. Uns Gedanken gemacht, ob Joschka Fischer „zu fett für den Wahlkampf“ geworden ist und Ölgemälde betrachtet, die Bild-Leser liebevoll von Helmut Schmidt gemalt haben.“

Streiter meint, es sei gefährlich, wenn Journalisten „eigene Macht verspüren“. Döpfner habe mit der „Bild“ diese Grenze überschritten, als er 2007 in der „Bild“ eine Kampagne gegen den Mindestlohn für Briefzusteller fuhr. Das eigene Interesse sei gewesen, dass Springer den Postzusteller PIN kaufen wollte. Streiter:

„Unvergessen ist eine ’spontane‘ Demonstration ausgebeuteter PIN-Zusteller in Berlin, die vor dem Brandenburger Tor ‚freiwillig‘ sangen: ‚Sechs Euro sind doch auch schon fair!'“

Was Streiter vergisst, explizit zu erwähnen, ist, dass er exakt zu dieser Zeit der Anti-Mindestlohn-Kampagne bei „Bild“ selbst Politikchef war und auch als Autor entsprechender Artikel auftauchte. Positiv gewendet könnte man sagen: Der Mann weiß, wovon er spricht.

Dass die „Bild“ vor Julian Reichelt bloß so eine lustige Leberwurst-Truppe gewesen sein soll, wie uns Georg Streiter in der „SZ“ weismachen will, das nimmt aber ja ohnehin niemand ab.

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Zu den Abgesängen auf die Ära vom Commander in Chief, sorry: Editor in Chief Reichelt mischten sich bereits erste zaghafte Porträt-Versuche des Neuen: „Wie tickt der neue ‚Bild‘-Chef?„, fragte etwa der „Spiegel“, der unter der Woche zeitweise sehr große Teile seiner Homepage für Mediennachrichten zur „Bild“ und Springer freigeräumt hatte – und nun die „Die Springer-Affäre“ sogar auf den Titel packt. Die ehrliche Antwort wäre gewesen: So genau wissen wir das noch nicht, wie der tickt. Aber das kann man natürlich nicht schreiben. Also haben vier Top-Redakteure alles zusammengekehrt, was sie an Geraune über Johannes Boie so aufschnappen konnten. Ein „geschmeidiger Opportunist“ sei er. „Fuchshaft“. „Schlau und berechnend“ habe er sich stets seinem Umfeld angepasst. Und er sei, so recherchierte der „Spiegel“, von seiner Statur her „eher schmächtig“. Der Artikel beginnt mit einem der berüchtigten szenischen Einstiege und beschreibt wie der schmächtige Fuchs Boie weiland bei der „SZ“ „schwungvoll“ seinen BMW (natürlich) auf einem „Chef-Parkplatz“ abstellen wollte, dann aber von einem Pförtner zurechtgestutzt wurde. Beim „Spiegel“ sollten sie sich diese szenischen Einstiege wirklich mal abtrainieren. Aber, hey: Old Habits die hard.

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Meanwhile in Washington D.C. versucht der große Vorsitzende Dr. Döpfner (2,02 Meter laut „Spiegel“) die Wogen bei seinem Neuerwerb „Politico“ zu glätten. Die Berichterstattung der „New York Times“ über Sex, Lies und Arbeitskultur blieben nämlich auch dort nicht gänzlich unbemerkt. Bei „Politico“ wurde auch misstrauisch beäugt, dass Döpfner parallel mit dem Konkurrenten „Axios“ verhandelt haben soll. Ein angeblicher Geheimplan, „Axios“ auch zu übernehmen und quasi mit „Politico“ zusammenzuführen, dementierten Döpfner und Springer umgehend. Dann war da noch eine unglückliche Äußerung Döpfners im „Wall Street Journal“, dass er für den B2C-Bereich von „Politico“ eine Paywall plane. Gegenüber der „Politico“-Belegschaft ruderte er nun laut „Axios“ mächtig zurück. Man plane gar nichts ohne die Belegschaft, alles sei offen, seine Kommunikation im „WSJ“ sei unklar gewesen, dafür könne man niemandem die Schuld geben außer ihm usw. Er hat es diese Woche wirklich nicht leicht, der Dr. Döpfner.

Schönes Wochenende!

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