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Verhinderte Berichterstattung

Der Ippen-Springer-Komplex: alte vs. neue Medienwelt

Julian Reichelt, noch als "Bild"-Chef – Foto: Imago

Dass der Verleger Dirk Ippen persönlich eine möglicherweise brisante Berichterstattung seines Investigativ-Teams zu „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt stoppt, ist in mehrerlei Hinsicht bemerkenswert. Die Sache offenbart nicht zuletzt auch die nach wie vor bestehende Kluft zwischen alter und neuer Medienwelt.

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Als die Ippen-Gruppe das deutsche „Buzzfeed“ samt seiner News-Abteilung übernommen hatte, fragten sich nicht wenige in der Branche, ob und wie denn die Arbeitsweise von „Buzzfeed News“ zur Ippen-Gruppe passt. Jetzt haben wir darauf eine Antwort: gar nicht. Das deutsche „Buzzfeed News“ wurde unter der Leitung von Daniel Drepper zur hauseigenen Recherche-Abteilung Ippen.Investigativ umgebaut und genau dieses Team saß nun längere Zeit an einer Recherche zu den Machtmissbrauchs-Vorwürfen gegen „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt. Die Veröffentlichung war mit der Redaktionsleitung und der Rechtsabteilung abgestimmt und sollte am vergangenen Sonntag konzertiert über diverse Ippen-Medien laufen. Ein möglicher Scoop, der dem Medienhaus viel Aufmerksamkeit gesichert hätte. Aber es kam anders.

In der neuen Medienwelt kann das Machtwort eines Verlegers nicht mehr die Berichterstattung verhindern. Sie findet dann halt woanders statt, meint MEEDIA-Redakteur Stefan Winterbauer – Illustration Bertil Brahm

Verleger Dirk Ippen wurde auf die geplante Berichterstattung aufmerksam. Wie genau, das ist nicht ganz klar. Laut einem Protestbrief des Ippen.Investigativ-Teams hat jemand von Springer angerufen. Ein Ippen-Sprecher hat dies bestritten. Jedenfalls wurde am vergangenen Donnerstag laut „Übermedien“ eine außerordentliche Gesellschafterversammlung wegen des geplanten Berichts einberufen. Letztlich soll Ippen persönlich die Berichterstattung gestoppt haben. Gegenüber MEEDIA rechtfertig Ippen dies damit, dass es um Vorwürfe gegen die „Bild“-Führung und damit einen direkten Wettbewerber geht. Zu Ippens Medienreich gehört auch die Münchner Boulevardzeitung „TZ“.

Das Investigativ-Team um Drepper protestierte mit einem gepfefferten Brief an den Verleger, der schnell seinen Weg in die Öffentlichkeit fand. Statt bei den Ippen-Medien wurden neue Details zur Causa Reichelt dann am Sonntag auf globaler Bühne bei der „New York Times“ veröffentlicht. Und zwar von dem ehemaligen „Buzzfeed News“-US-Chefredakteur Ben Smith.

Der ganze Vorgang offenbart, wie unterschiedlich die alte und die neue Medienwelt ticken. Die alte Welt wird hier durch Verleger Dirk Ippen repräsentiert. Er möchte in der Öffentlichkeit keine schmutzige Wäsche über Führungspersonal der Konkurrenz waschen. In der Dirk-Ippen-Welt macht man so etwas nicht. Zumal der Verleger des anderen Hauses, Springer-CEO Mathias Döpfner, Präsident des Zeitungsverleger-Verbandes ist. Man hat – bei aller Konkurrenz – auch viele gemeinsame Interessen.

In der neuen Medienwelt, repräsentiert durch das Investigativ-Team Dreppers, sind solche Rücksichtnahmen verpönt und von gestern. Die mit der Sache befasste Reporterin Juliane Löffler hat sich in der Vergangenheit viel mit Frauenrechts- und auch #metoo-Themen befasst. Sie und Katrin Langhans, die den Protestbrief ebenfalls unterzeichnet haben, sind Vertreterinnen einer jungen, digitalen Reporter-Generation. Die Welt der BDZV-Hinterzimmer ist ihnen mutmaßlich sehr fremd.

Das Investigativ-Team konstatiert einen Vertrauensbruch. Es wird schwierig sein, diesen Konflikt im Hause Ippen zu heilen.

Der Vorgang zeigt aber auch, dass sich Recherchen in der neuen Medienwelt nicht durch das Machtwort eines Verlegers aufhalten lassen. Neue Details zum Fall Julian Reichelt stehen nun eben in der „New York Times“. Inklusive Kritik am Verhandlungsgebaren von Döpfner bei der Übernahme von „Politico“. Das ist die Art von Presse, die dem Springer-Großaktionär KKR ganz sicher nicht gefällt. Mit seinem Treuschwur zu Reichelt, zeigt sich auch Springer-CEO Döpfner noch der alten Medienwelt verhaftet.

Der aktuelle Fall zeigt, dass sowohl das Haus Ippen als auch das Haus Springer, nicht komplett in der neuen Medien-Wirklichkeit angekommen sind. Auch wenn öffentlich gerne ein anderer Eindruck gepflegt wird. Welche von beiden Welten am Ende die Oberhand gewinnt, ist längst nicht ausgemacht.

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