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Wochenrückblick

Heinrich und Heidenreich – der Shitstorm stinkt von beiden Seiten

An Aufregern und Empörung herrschte diese Woche mal wieder kein Mangel. Da ist der Korruptionsskandal in Österreich, der auch ein Medienskandal ist. Und dann waren da natürlich die Shitstorms gegen die junge Grünen-Politikerin Sarah-Lee Heinrich und Elke Heidenreich. Und WDR-Intendant Tom Buhrow meldete sich in der „Zeit“ zu Wort. Die MEEDIA-Wochenrückblick-Kolumne.

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Eine junge Frau twittert im Alter von 13 oder 14 Jahren unsägliches Zeug und wird dafür als junge Erwachsene einem radikalen Shitstorm ausgesetzt. Eine alte Frau redet in einer Talkshow unreflektiert über Rassismus und bekommt ebenfalls ihre Packung bei Twitter und Co. Die Rede ist natürlich von Sarah-Lee Heinrich, der Sprecherin der Grünen Jugend, und der Autorin und Kritikerin Elke Heidenreich. Viel wurde gesagt und geschrieben über beide Fälle, die ja zusammenhängen, weil Elke Heidenreich sich in einer „Markus Lanz“-Sendung diese Woche über Sarah-Lee Heinrich mokierte. Dann sagte Heidenreich noch, dass sie es ganz normal finde, jemanden mit dunkler Hautfarbe nach seiner Herkunft zu fragen. Denn man würde ja sehen, dass der oder die nicht aus Wanne-Eickel stammt. Da fehlt es bei Elke Heidenreich offensichtlich an Verständnis für die Wahrnehmung von dunkelhäutigen Menschen, die hierzulande geboren und aufgewachsen sind. Und natürlich kann eine schwarze Person aus Wanne-Eickel oder Buxtehude stammen. Allerdings muss man auch sehen, dass Frau Heidenreich einer Generation entstammt, die sich mit solchen Wahrnehmungen eben etwas schwerer tut. Ihr hier bösen Willen und gezielten Rassismus zu unterstellen, geht zu weit. Umgekehrt sollte man über eine jungen Frau auch nicht den Stab brechen, weil sie als Kind mal dummes Zeug auf Twitter geschrieben hat. Im Zuge der hin und her wogenden Twitter-Debatte wurde auch ein älteres Video von Ex-US-Präsident Barack Obama hochgespült, der daran erinnerte, dass jeder Mensch fehlerhaft ist und es nicht weiterbringt, wenn man sich in gegenseitigen Anschuldigungen verliert.

Ganz ähnlich äußerte sich Sarah-Lee Heinrich in einem „Zeit Online“-Interview: „Vielleicht müssten wir wieder lernen, mehr Nachsicht zu üben. Das gilt für alle Seiten.“

Da hat sie recht. Auch mit dem zweiten Satz.

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Es ist schon atemberaubend, was da in unserem schönen Nachbarland Österreich los ist. In der Korruptionsaffäre spielen auch die dortigen Medien eine große Rolle. In Österreich werden nämlich sehr viele Werbe-Anzeigen für Zeitungen von der öffentlichen Hand vergeben. Davon profitieren vor allen Dingen Boulevard- und Gratiszeitungen. Weil sie so hohe Auflagen haben, sagen die Befürworter dieser Praxis. Weil sie der Regierung nach dem Munde schreiben und negative Schlagzeilen auch mal weglassen, sagen Kritiker. Gesund kann es jedenfalls nicht sein, wenn bis zu 40 Prozent des Umsatzes einzelner Medien von Anzeigen aus öffentlicher Hand stammen. Bei allem Schlimmen entbehrt der Skandal – österreichtypisch – auch nicht einer gewissen barocken Komik. Das liegt vor allem an den öffentlich gewordenen Chat-Verläufen der Herren Spitzenpolitiker. Hier ein kleiner Auszug (zitiert nach „vienna.at„):

Thomas Schmid, damals Generalsekretär im Finanzministerium, an den damaligen Bundeskanzler Sebastian Kurz:

„Diese alten Deppen sind so unerträglich! Keiner musste sich jemals einer Bundeswahl stellen und den Schwachsinn der Vorgänger erklären! Du hast das alles erfolgreich geschafft und wir durften dabei mitarbeiten Mitterlehner ist ein Linksdilettant und ein riesen oasch!! Ich hasse ihn Bussi Thomas.“

Kanzler Kurz antwortete:

„Danke Thomas Super war dass Spindi heute ausgerückt ist. Das stört den Arsch sicher am meisten…“

Was man halt so chattet … „Falter“-Chefredakteur Florian Klenk bestreitet gemeinsam mit dem Kabarettisten Florian Scheuba mit dem Material mittlerweile erfolgreich ein Bühnenprogramm. Am Samstag tragen zudem Schauspieler des Wiener Burgtheaters die Chats als Dramolett vor. Präsentiert von der Zeitung „Der Standard“.

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Das ist natürlich alles viel saftiger als das, was etwa der WDR-Intendant und Noch-ARD-Vorsitzende Tom Buhrow diese Woche in der „Zeit“ vom Stapel ließ. In vielen wohl gesetzten Worten und ein bisschen Kritik an der „Bild“ (ohne die „Bild“ namentlich zu nennen) forderte er mehr „unbequeme Haltungen“ im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein. Na sowas! Wie war das damals noch mit dem „Oma Umweltsau“-Liedchen? Das konnte Intendant Buhrow ja nicht schnell genug vom Sender nehmen. Auf Twitter hat man ihn freundlich daran erinnert:

Will man jetzt, dass ein ARD-Intendant so redet, wie ein ÖVP-Politiker chattet? Eher nicht. Aber vielleicht gibt es ja irgendwas zwischendrin.

Schönes Wochenende!

PS: Im Podcast „Die Medien-Woche“ rede ich mit Kollege Christian Meier von der „Welt“ auch über den Ösi-Medien-Komplex und den Fall Sarah-Lee Heinrich. Außerdem geht es um Antisemitismus bei ARD und ZDF. Ich freue mich, wenn Sie reinhören!

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