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Gastbeitrag

Arbeitskultur in Agenturen: Es geht um mehr, als Feierabendbierchen!

Henrik Bunzendahl, Geschäftsführer der Stuttgarter Agentur Zum goldenen Hirschen – Foto: Zum goldenen Hirschen

Die Debatte um die Arbeits-Kultur in Agenturen geht weiter. Henrik Bunzendahl, Geschäftsführer der Agentur Zum goldenen Hirschen, meint: Alle Beteiligten müssen sich nur trauen, die Motivationen des jeweiligen anderen zu verstehen und anzunehmen.

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Der Gastbeitrag von Henrik Bunzendahl ist auch eine Replik darauf, was Oliver Blecken über die „Kündigungswelle in Agenturen“ schrieb.

„Ich war zuletzt in einem Startup und hab mich jetzt für die Agentur entschieden, weil ich glaube, dort strategisch-fundierter arbeiten zu können.“ Dieser Satz ist ein paar Tage alt und kam aus dem Mund einer neuen Mitarbeiterin, die sich in einem Teams-Call ihren neuen Kolleginnen und Kollegen vorstellte.

Ein Einzelfall? Man kann momentan den Eindruck gewinnen, dass Agenturen einen besonders schweren Stand haben als Arbeitgeber. Oder anders gesagt, wie sollte das Arbeiten in den Agenturen dieses Landes aussehen, damit wir als Brötchengeber an Attraktivität nicht einbüßen, sondern vielleicht auch dazu gewinnen. Disclaimer: Dies ist kein Beitrag über Purpose, das Why oder Sinnstiftung, sondern über gut gemachte Arbeit und Vertrauen.

Eine kleine Welle, aber noch keine Flut

Zum Autoren

Henrik Bunzendahl hat 2003 als Praktikant bei der Werbeagentur Zum goldenen Hirschen angefangen. Zwischendurch hat er Agenturen wie McCann Erickson oder Medienunternehmen wie Vice durchlaufen und ist seit 2008 wieder bei den Hirschen. Seit zehn Jahren ist Bunzendahl Geschäftsführer im Stuttgarter Hirschen Büro. Er sieht sich als lebenden Beweis, dass man nicht alle zwei Jahre den Job wechseln muss und es auch lange gut und sinnvoll in Agenturen aushalten kann.

Anfang August wurde von Oliver Blecken in einem sehr guten Gastbeitrag für MEEDIA von einer „Kündigungswelle in Agenturen“ geschrieben. Verkürzt dargestellt, wurde diese Welle an zwei Gründen festgemacht. Raus aus der Agentur heißt oft gleich Raus aus der Branche. Man verlässt die Agenturwelt, um vielleicht auf Unternehmensseite oder in einem ganz anderen Berufsfeld sein Glück zu suchen.

Und an der zweiten, ebenso nicht ganz falschen Beobachtung stellte Kollege Blecken fest, dass den Leuten der soziale Kitt in den letzten Monaten fehlte. Das Agenturleben, die Kultur und das #agencylife fehlt den Kolleg*innen. Auch die Bemühungen mit Feierabendbierchen im Teams-Call oder Home-Office Pakete mit Süßigkeiten und Snacks konnten nicht drüber hinwegtäuschen, dass Menschen eben echte Menschen brauchen und keine Webcam-Gesichter.

Auf der Welle surfen

Wenn man von einer Kündigungswelle spricht, dann muss man auch davon sprechen, dass diese Beobachtungen nicht nur Agenturen betreffen. Es gibt Fälle, in denen Mitarbeitende Konzernen den Rücken gekehrt haben oder sich im Büro tätige Menschen auf einmal für einen Job im sozialen Bereich umschulen lassen. Ja, auch das gibt es.

Wir leben in einer Zeit des Umbruchs, und auch die Erwerbsbiographien vieler werden sich jetzt ändern. Vor 20 Jahren, als ich in meinem heutigen Beruf anfing, hieß es schon, man werde nicht mehr nur den einen Job machen. Grade Agenturen haben schon immer erfolgreich Quereinsteiger aufgenommen, und wir freuen uns weiterhin über Menschen mit Brüchen in der Biographie. Jetzt ist die neue Normalität zur Realität geworden und wir müssen damit umgehen. Was wir aber daraus lernen können ist, dass wir einer Stagnation entgegenwirken müssen und stets an Weiterentwicklungsmöglichkeiten arbeiten sollten, um durch eine höhere Dynamik in den Agenturen auch auf längere Sicht attraktiv zu bleiben.

Es geht um mehr als Feierabendbierchen

Wir als Arbeitgebende müssen mit diesen Situationen und den dazugehörigen Gesprächen leben, sie führen und umgehen. Und dabei hat sich in den letzten 18 Monaten auch viel verändert.

Kümmern, Sprechen, Vorausschauen, Entscheiden – mehr denn je über organisatorische Fragen – das prägte den Job seit März 2020. Übrigens auch recht solidarisch mit anderen Agenturen. Da wurden Mails ausgetauscht, wie man intern am besten informiert und welche Maßnahmen ergriffen wurden.


Warum aus HR P&O wurde

Es mag nur eine Begriffsspielerei sein, aber weil es eben um mehr geht als nur um „Personalwesen“, haben wir dem zentralen Bereich unseres Unternehmens den Titel People & Organization verpasst. Wir wollen Menschen innerhalb unserer Organisation und im Rahmen der neuen Normalität befähigen, selbst zu wachsen, damit auch die Agentur inhaltlich und wirtschaftlich wachsen kann. Unsere Branche war mal bekannt für Kicker und Obstkörbe. Das zählte zu einer P&O-Aufgabe unter dem Deckmantel Kulturbildung und waren die berühmten Goodies.

„Kündigungen sind immer auch eine Führungsthematik. Ich glaube an den Satz, dass man sich eher gegen eine Führungskraft entscheidet als gegen ein Unternehmen.“

Heute sind die Aufgaben von P&O soviel umfangreicher, um eine positive Unternehmenskultur zu fördern. Wir erfragen in kurzen Abständen die Mitarbeiterzufriedenheit, bieten zahlreiche Angebote für Weiterbildung, haben Gesundheitsangebote, eine 24/7-Hotline für psychosoziale Beratung, Unterstützung bei der Kinderbetreuung und bei der Pflege.

Mittlerweile können wir uns problemlos mit den großen Unternehmen anderer Branchen messen. Wir haben verstanden, dass nicht nur der zahlende Kunde im Mittelpunkt steht, sondern insbesondere die eigenen Mitarbeitenden an erster Stelle stehen. Ok, den eigenen Betriebskindergarten haben wir noch nicht, Ferienprogramm für Kinder haben wir hingegen im Angebot.

Vertrauen, Zutrauen und sich trauen

Genug Werbung. Das Genannte bildet den Rahmen für ein „gute Arbeit“. Vorbei ist die Zeit, in der Unternehmen bzw. Arbeitgeber:innen mit Ansage reagieren und mit Ausbeutung hantieren konnten. Zumindest nicht bei Fachkräften, deren Tätigkeit nicht austauschbar ist. Und damit meine ich „Mindwork“ z.B. in Agenturen genauso wie gutes Handwerk.

Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen gehen ab dem Moment der Vertragsunterschrift immer eine Vereinbarung ein. Arbeit plus Vertrauen sind nicht verhandelbar. Dabei müssen beide Seiten einander Vertrauen und auch etwas zutrauen, um gute Arbeit zu ermöglichen. Egal ob ich im Bewerbungsprozess bin oder schon in einer Agentur arbeite. Basis müssen auch ein gewisser Vertrauensvorschuss und eine persönliche Einstellung sein, die vom besten im Menschen ausgeht. Klingt banal, ist aber so.

Wir haben bei uns im Stuttgarter Büro vor drei Jahren Vertrauensurlaub eingeführt. Das wurde auch erstmal ein wenig skeptisch betrachtet. „Wie, ich kann so viel Urlaub nehmen, wie ich will?“. Ja, kannst du, wenn du in Absprache mit deinem Team auch die Projekte in gleichbleibender Qualität bearbeiten kannst.

Man muss sich gegenseitig vertrauen und zutrauen, sich zu verändern. Das ist eine Führungsaufgabe, um auf die Eingangsthese hinsichtlich Kündigungen zurückzukommen. Kündigungen sind immer auch eine Führungsthematik. Ich glaube an den Satz, dass man sich eher gegen eine Führungskraft entscheidet als gegen ein Unternehmen. Dabei muss man es immer wieder zulassen – auch von beiden Seiten – die Themen, Probleme, Fragezeichen und Gemengelage offen anzusprechen, zu kommunizieren und daraus zu lernen.

Mit Spaß bei der Arbeit und Ernst bei der Sache

Dieser Satz ist der erste Satz unserer „Wahrheit“, einer Sammlung von zehn Leitsätzen über das Arbeiten bei und mit Zum goldenen Hirschen. Im eingangs zitierten Satz der frisch gestarteten Kollegin, welche als Beweggrund ihrer Entscheidung für uns, als Agentur, die strategisch-fundierte Arbeite benannt hat, zeigt sich noch ein weiterer Aspekt, Es gibt viele Hebel, die in das Arbeitsverhältnis zwischen Agentur und Mitarbeiter*in mit reinspielen wie etwa die Themen Purpose und Wertschätzung, aber daneben sollte eben auch ein professionelles Arbeitsumfeld die Voraussetzung sein.

Ich bin fest davon überzeugt, dass wenn man Menschen zum einem ernst nimmt und zum anderen ihnen ein professionelles Umfeld für ihre Arbeit (egal welche Branche) schafft, werden sie Spaß an der Arbeit haben und langfristig in der Branche bleiben. Durch Erfolgserlebnisse, durch Lernen, durch das Miteinander und durch persönliche Entwicklung. Alle Beteiligten müssen sich nur trauen, auch mal die Motivationen des jeweiligen anderen zu verstehen und anzunehmen.

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