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Vielfalt in den Medien

Diverse Teams wandeln nicht auf Trampelpfaden

– Sabrina Harper Zeichnung: Bertil Brahm

Talkshows auf YouTube, Nischenpodcasts oder Onlinemagazine – die Creator Economy boomt. Häufig findet sich darin Diversität. Ist das so, weil Medienunternehmen keine Culture of Diversity erschaffen können?

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Der Buchautor Malcolm Gladwell hat die handliche Regel aufgestellt: Nach 10.000 Übungsstunden in einer Sache habe man einen Expertenstatus erreicht. Was diese These nicht enthält: Wer 10.000 Stunden das Gleiche tut und dann stehen bleibt, macht aus dem Meisterhaften angestaubte Besserwisserei. Eine essenzielle Voraussetzung für gelebte Diversität ist ein offenes Mindset. Wahre Expert*innen sind flexibel und zugänglich, ihr Ego ernährt sich von Neugierde, Empowerment und Wissenswachstum. Insbesondere dann, wenn ich an Diversität im journalistischen Arbeitsalltag denke, ist das häufig anders.

Ein großer Vorteil von diversen Teams sind die verschiedenen Betrachtungsweisen und die Innovationskraft. Wenn tolle Ideen, Aspekte und Ansätze entstehen, dann muss auch auf dem C-Level die Offenheit und der Mut da sein, diesen Weg zu verfolgen. Im Redaktionsalltag spiegelt sich das in Geschichten und Narrativen wider. Wenn zum 100. Mal die gleiche Story gespielt wird, weil das gut klickt oder am Ende des Tages die blonde Frau das Cover ziert, weil dann immer die Verkaufszahlen gut waren, dann können diverse Teams ohne Entscheidungskompetenz auch nicht agieren. Die Expert*innen mit entsprechender Kompetenz, wie etwa die Chefredaktion, verwerfen neue Ideen und setzen am Ende immer wieder auf das gleiche Pferd. Zu groß ist die Angst vor der nächsten Gesellschafterversammlung, zu sehr sitzen quantitative Faktoren im Fahrersitz. Mit solch einer Methodik verpufft aber auch das Potenzial eines diversen Teams. Es ist nicht falsch, die Zahlen im Blick zu behalten, es ist aber auch richtig, dass neue Ansätze Zeit brauchen, um richtig durchzustarten.

Diverse Teams wandeln nicht auf ausgedienten Trampelpfaden, sie bauen neue Straßen zum Erfolg. Und es ist eine Managementaufgabe, das zu ermöglichen. Dazu müssen Entscheider*innen zuhören und in den Dialog treten. Mitarbeitende als Querulanten abzustempeln, weil sie aus Leitungssicht ständig Diskussionen anzetteln und an etablierten Strukturen rütteln, ist eine ungesunde Betrachtungsweise für ein Unternehmen, das Diversität möchte. Diversität bedeutet, den Raum für einen gesunden Diskurs zu schaffen und die debattierten Inhalte zu nutzen. Mitarbeitende die mehrfach in der Redaktionssitzung oder im Büro des Chefs den apokalyptischen Reitern namens „Das haben wir schon immer so gemacht“, „Das wollen unserer Leser*innen nicht“ und „Bitte heute keine Diskussion“ begegnen, schnappen sich ihr eigenes Pferd und traben zum neuen Job.

Ich gehe sogar so weit zu sagen, Andersdenkende brauchen eine extra Portion Unterstützung. Es ist unfassbar anstrengend für Neudenker*innen das restliche Team abzuholen, die Vorgesetzten zu überzeugen und am Ende die ganze Verantwortung zu tragen. Denn wenn wir ehrlich sind: Wird eine neue Idee umgesetzt und ist ein großer Erfolg, dann feiert die ganze Company. Ist es nur ein schwacher Erfolg oder sogar ein Flop, dann zeigen alle mit dem Finger auf eine Person. Wer im Unternehmen keine sichere Basis findet, spart sich irgendwann lieber seine Worte, teilt seine Perspektive nicht oder setzt die Idee als Soloprojekt für sich selber um. 

Die Creator Economy zeigt für mich, dass es viele Diversity-Formate gibt, die funktionieren. Wenn Medienunternehmen mit dem Zeitgeist gehen, dann braucht es nicht nur diverses Personal, dann braucht es auch eine Unternehmenskultur für Diversität.


Sabrina Harper erlebt im Media Lab Bayern, wie innovativ die Medienbranche sein könnte und wundert sich, warum es in vielen Häusern ein Konjunktiv bleibt – zum Beispiel bei der Diversität.

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